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94. Jahrgang, 2014, Heft 11 · S. 766

Kraftfahrzeuge: Neu entdeckter Emissionshandel

Ferdinand Dudenhöffer

Bisher hat das europäische Emissionshandelssystem die Straßenverkehrsemissionen ausgenommen. Für 2030 ist jetzt jedoch vorgesehen, dass die einzelnen Staaten den Straßenverkehr in den Emissionshandel einbeziehen können. Auch die deutschen Autobauer liebäugeln seit Kurzem mit dem Emissionshandel. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die gehandelten CO2-Zertifikate so gut wie wertlos sind. 6 Euro hatte zuletzt die Erlaubnis für den Ausstoß von 1 t CO2 gekostet. Als 2008 die Erweiterung des Emissionshandels auf die Automobilindustrie vorgeschlagen wurde, wischten die Autolobby und der Verband der Automobilindustrie (VDA) die Dinge barsch vom Tisch: theoretisch, praxisfern, untauglich. Stattdessen wurden CO2-mindernde technische Vorschriften für Neuwagen verfolgt. Nach langer Diskussion einigte sich die Branche mit der EU-Kommission, dass alle in der EU verkauften Neuwagen nur noch 130 g CO2 pro km im Mittel ausstoßen dürfen. Das entspricht einem Treibstoffverbrauch von knapp 5,5 l Benzin auf 100 km oder 5,1 l Diesel. Wer das bis 2015 nicht erreicht, muss Strafe zahlen. 2011 versuchte die EU-Kommission mit einer Energiesteuer, die ähnlich wie der Emissionshandel für CO2 einen Preis festsetzt, ein marktorientiertes Konzept für die CO2-Vermeidung umzusetzen. Statt Treibstoff willkürlich zu besteuern, wurde vorgeschlagen, den Kraftstoff nach seinem Energieinhalt und seinem CO2-Ausstoß europaweit zu besteuern. Tanktourismus würde dann eingeschränkt und wer viel CO2 ausstößt, würde auch viel zahlen. Zu diesem Zeitpunkt verhinderte die Branche dies.

Was ist der Grund für den plötzlichen Gesinnungswandel in der Autobranche? Zunächst wird mit dem Emissionshandel Benzin und Diesel teurer. Die Autobauer produzieren weiter die gleichen Modelle und der Kunde zahlt an der Tankstelle etwas mehr, wenn er etwa mit einem SUV vorfährt. Bei den derzeitigen Preisen für Emissionszertifikate wäre der Liter Benzin zwischen 1 Cent und 2 Cent teurer. Die Reaktion der Autofahrer ist klar: keine. Die Reaktion für die Energiepreise in Deutschland ist auch klar: Strom wird teurer, weil eben Emissionszertifikate im Preis steigen. Auch das wäre nicht unbedingt ein ganz großes Unglück, aber im Übergangszeitraum bei hohen deutschen Strompreisen – unangenehm. Richtig unangenehm würde es übrigens für die alternativen Antriebe, also für Elektroautos, Plug-in-Hybride, Erdgas-Autos, von der Brennstoffzelle ganz zu schweigen. Denn weder die Autobauer noch die Autokäufer müssten so viel CO2 einsparen, dass sich Elektroautos lohnen würden.

In der Theorie gilt: Der Emissionshandel kann dem Klimaschutz helfen und erlaubt CO2-Einsparungen mit den geringsten Kosten zu realisieren. Die Praxis sieht aber anders aus. Die Zuteilungsregeln im europäischen Emissionshandel sind willkürlich. Das Zauberwort heißt Carbon-Leakage-Risiko: man schont Branchen und teilt kostenlose Emissionszertifikate zu, weil befürchtet wird, dass die Branche sonst außerhalb Europas mit alten CO2-intensiven Anlagen produziert.

Sicher gilt auch, dass man nicht opportunistisch zwischen Systemen hin- und herspringen darf. Wenn es gerade passt, Emissionshandel, wenn es den Verkauf von Diesel-Pkw beeinträchtigt, eben keine Energiesteuer. Das System sollte verbessert werden, aber bitte mit durchgängigen und wirksamen Konzepten. Opportunistisch umsteuern ist gefährlich. Die Autoindustrie ist für Deutschland enorm wichtig. Die Innovationen der Branche werden gebraucht. Auch deshalb sollte nicht Pingpong mit Systemen gespielt werden. Der wichtigste Automarkt der Welt heißt China und nicht USA. Und in China werden derzeit die Weichen für das Elektroauto gestellt. Allein in die Ladestruktur sollen im nächsten Jahr 16 Mrd. Euro fließen. Deshalb sollte langfristig ein Lenkungssystem in Richtung klimaschonende Mobilität verfolgt werden. Die Chinesen bringen das Elektroauto auf die Straße, der Emissionshandel ist durch politische Kompromisse zur Farce geworden. Ein zahnloser Tiger "Emissionshandel" würde großen Schaden für die Branche bedeuten.

Ferdinand Dudenhöffer

Universität Duisburg-Essen

ferdinand.dudenhoeffer@uni-due.de


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