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94. Jahrgang, 2014, Heft 3 · S. 157-158

Bitcoin: MtGox meldet Insolvenz an

Artus Krohn-Grimberghe, Christoph Sorge

Das "Aus" für die MtGox hat für Aufsehen gesorgt. In Dokumenten, die öffentlich durchsickerten, wird der Verlust der umsatzstärksten Bitcoin-Handelsplattform durch einen über Jahre unentdeckt gebliebenen Angriff mit 744 000 Bitcoins (ca. 370 Mio. Euro beim aktuellen Marktwert) beziffert, das sind effektiv alle Bitcoins des Anbieters und seiner Kunden. Weiterhin berichten die zwischenzeitlich vom MtGox-Chef Mark Karpelès als authentisch bezeichneten Dokumente noch von einem Überschuss an Verbindlichkeiten in Höhe von rund 22,5 Mio. US-$ (16,3 Mio. Euro) – die Insolvenzanmeldung ist also wenig verwunderlich.

Dies bedeutet einerseits einen hohen finanziellen Verlust für die Nutzer der Plattform. Andererseits bietet insbesondere das Verschwinden von MtGox aus dem Bitcoin-System auch eine Chance für eine Weiterentwicklung. War MtGox in der Anfangszeit von Bitcoin wichtig, damit es überhaupt einen elektronischen Markt nennenswerten Umfangs für die virtuelle "Währung" gab, wurde der "Platzhirsch" MtGox in letzter Zeit für Bitcoin mehr und mehr zu Ballast. So bot MtGox nur wenige Handelsfunktionalitäten, insbesondere verglichen mit klassischen Börsen für Währungen und Wertpapiere: Es gab im Wesentlichen nur die Möglichkeit, entweder direkt zum Marktpreis zu kaufen oder zu verkaufen oder eine Order zu einem bestimmten Preis einzustellen. Eine Anbindung an den internationalen Devisenmarkt gab es nicht, ebensowenig wie Stops, Leverage oder Leerverkäufe.

Den Todesstoß versetzte MtGox allerdings die unprofessionelle Programmierung der Website. So berichteten Insider, dass Mark Karpelès gerne direkt auf dem Live-System programmierte, anstatt in einer getrennten Umgebung zu entwickeln und zu testen. Selbst als MtGox erhebliche Bedeutung und Größe erlangt hatte, bestand Karpelès den Berichten zufolge darauf, den Code eines jeden angestellten Programmierers eigenhändig zu begutachten, was die Entwicklungsgeschwindigkeit weiter verlangsamte. Ein zwischenzeitlich aufgetauchtes Quellcode-Fragment weist darüber hinaus auf mangelhafte Code-Qualität und Verstöße gegen grundlegende Sicherheitspraktiken hin. Noch fraglicher ist, wie einem Finanzdienstleister dieser Größenordnung der Verlust von erheblichen Beständen über mehrere Jahre hinweg entgehen kann. In einem regulierten Markt wäre dies kaum denkbar – MtGox aber hatte ganz bewusst die fehlende Regulierung von Bitcoin in Japan genutzt, um den Handelsplatz von dort aus ungestört betreiben zu können. In den beiden nach Umsatz innerhalb der "Börse" bedeutendsten Ländern, den USA und Deutschland, hätte Aufsichtspflicht bestanden.

Die Insolvenz von MtGox sagt alleine noch nichts über die Zukunft von Bitcoin; jedoch ist sie eine Mahnung, auch anderen Dienstleistern nicht grenzenlos zu vertrauen. Bitcoin-Dienstleister sind ein beliebtes Angriffsziel. Gleichzeitig ist die Professionalisierung der Bitcoin-Szene erst im Gange – das Risiko weiterer erfolgreicher Angriffe ist also nicht zu unterschätzen. Bislang hat sich der Bitcoin-Kurs auch nach spektakulären Zwischenfällen, von denen bereits vor MtGox diverse Dienstleister betroffen waren, stets wieder erholt, und auch diesmal scheint das der Fall zu sein.

Mit Anbietern wie Coinbase, Kraken, BitStamp oder BTC China steht eine neue Generation von Handelsplätzen bereit, die die Chance hat, von den Fehlern der Pioniere wie MtGox zu lernen. Auch die Kunden könnten gelernt haben und auf Anbieter setzen, die sich der Regulierung durch nationale Aufsichtsbehörden nicht entziehen. Ob diese Entwicklung insgesamt eine langfristige Zukunft für Bitcoin garantiert, ist schwer abzuschätzen. Inhärente Probleme wie der erhebliche (eigentlich unproduktive) Rechenaufwand oder die mangelnde Skalierbarkeit, wenn der Peer-to-Peer-Charakter erhalten werden soll, bleiben bestehen.

Artus Krohn-Grimberghe, Christoph Sorge

Universität Paderborn

artus@campus.uni-paderborn.de


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