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94. Jahrgang, 2014, Heft 5 · S. 335-343

Analysen und Berichte

Das deutsche Russlandgeschäft im Schatten der Krise: gefährliche Abhängigkeiten?

Claus-Friedrich Laaser, Klaus Schrader

Die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen haben sich seit den 1990er Jahren fast unbemerkt von der (medialen) Öffentlichkeit positiv weiterentwickelt. Russland wurde zwar als G8-Mitglied und eines der wichtigen Schwellenländer der BRIC-Gruppe wahrgenommen, mehr Aufmerksamkeit genoss allerdings China. Die Bedeutung Russlands für die deutsche Wirtschaft ist – abgesehen vom Erdgasimport und dem damit untrennbar verbundenen Staatsunternehmen Gazprom – dagegen im Verborgenen geblieben.

Dr. Claus-Friedrich Laaser ist Mitarbeiter im Zentrum Wirtschaftspolitik des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Dr. Klaus Schrader ist dort stellvertretender Leiter des Zentrums Wirtschaftspolitik.

Die Annexion der Krim-Halbinsel durch Russland hat das deutsche Russlandgeschäft wieder in den Fokus gerückt. Die Politiker in den westlichen Industriestaaten diskutieren Wirtschaftssanktionen gegen Russland bei einer Ausweitung der Krise als angemessene Gegenmaßnahme. Hingegen warnen gleichzeitig deutsche Wirtschaftsvertreter vor russischen Gegensanktionen, die den deutschen Wohlstand aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Russland gefährden könnten. Doch wie groß sind die Abhängigkeiten durch das Russlandgeschäft wirklich?

Die Intensität des deutschen Russlandhandels

Russland gehörte 2013 bei den Exporten mit einem Anteil von 3,3% zumindest nicht zu den Top-10-Handelspartnern Deutschlands (vgl. Abbildung 1a). Der wichtigste Partner war Frankreich mit einem Anteil von mehr als 9% an der deutschen Ausfuhr. Russland tauchte erst auf Rang 11 mit etwa einem Drittel des deutschen Frankreichexports auf. Aus Sicht der EU27 hat Russland als Exportpartner sogar ein noch geringeres Gewicht – zumal die EU27-Werte stark durch die Exporte Deutschlands geprägt sind. Die Europäer insgesamt sind auch weniger stark auf den wichtigen US-amerikanischen und chinesischen Märkten vertreten. Allerdings haben sich für Deutschland die Ausfuhren nach Russland in den letzten zehn Jahren deutlich positiv entwickelt: von einem Anteil in Höhe von 2% (2004) auf 3,3% (2013) bei einem Volumen von 36,1 Mrd. Euro.1

 

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Top-Handelspartner Deutschlands und ihr Gewicht für die EU27 2013

in %

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A = Österreich, B = Belgien, CH = Schweiz, CN = China, F = Frankreich, I = Italien, NL = Niederlande, PL = Polen, RF = Russische Föderation, UK = Großbritannien, USA = Vereinigte Staaten von Amerika.

Quellen: Eurostat: Statistiken: Internationaler Handel, EU27 Trade since 1988 by SITC, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/international_trade/data/database (10.4.2014); Statistisches Bundesamt: Genesis-Online-Datenbank: Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder. Warensystematik nach SITC, https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabellen/51000 (21.3.2014); eigene Darstellung und Berechnungen.

 

Anders als auf der Exportseite hat Russland bei den deutschen Importen ein größeres Gewicht und gehört hier zu den Top-10-Handelspartnern (vgl. Abbildung 1b). Die Importe aus Russland haben sich in den letzten zehn Jahren ebenfalls positiv, wenn auch weniger stetig als die Exporte, entwickelt. Der Anteil des Russlandimports von 2,8% (2004) stieg bis 2012 auf 4,7%. 2013 schrumpfte der russische Anteil am deutschen Gesamtimport auf 4,5%. Für die EU27 hat Russland mit einem Anteil von 4,6% des europäischen Gesamtimports nur eine unwesentlich größere Bedeutung.2

Insgesamt hat der Russlandhandel in den letzten zehn Jahren also an Gewicht gewonnen, Russland ist zweifellos ein bedeutender deutscher Handelspartner. Dennoch nimmt Russland weder bei den Exporten noch bei den Importen Deutschlands eine überragende Rolle ein – was auch für die EU27 insgesamt gilt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass Russland bei einzelnen Warengruppen und den dahinter stehenden Branchen ein größeres Gewicht hat. Hier könnten die Abhängigkeiten stärker sein, als sie der Gesamthandel widerspiegelt.

Abhängigkeiten einzelner Branchen

Einzelne Warengruppen haben für den deutschen Russland­export eine herausragende Bedeutung. Im Jahr 2013 dominierten die Ausfuhren in der Warengruppe "Straßenfahrzeuge" (SITC-78) mit einem Anteil von fast 20% am deutschen Russlandexport (vgl. Abbildung 2). Als weitere Schwergewichte folgten "Maschinen, Apparate etc." (SITC-74), "Arbeitsmaschinen für besondere Zwecke" (SITC-72), "Elektrische Maschinen etc." (SITC-77) und "Medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse" (SITC-54). Mehr als 51% des deutschen Russlandexports entfallen auf diese fünf Spitzengruppen, die auch die Schwergewichte des deutschen Gesamtexports in die Welt sind – doch mit gut 40% haben sie insgesamt ein geringeres Gewicht als für den Russlandexport.

 

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Top-10-Warengruppen des deutschen Exports nach Russland im Vergleich zum Gesamtexport 2013
33327.png

Zur Definition der Warengruppen siehe Kasten 1.

Quelle: Statistisches Bundesamt: Genesis-Online-Datenbank: Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder. Warensystematik nach SITC, https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabellen/51000 (21.3.2014); eigene Darstellung und Berechnungen.

Kasten 1 (zurück zum Text)
Warengruppen nach der Standard International Trade Classification (SITC)
SITC
24 Holz
32 Kohle und Koks
33 Erdöl, Erdölerzeugnisse und verwandte Waren
34 Gas
52 Anorganische chemische Erzeugnisse
54 Medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse
56 Düngemittel
67 Eisen und Stahl
68 NE-Metalle
69 Metallwaren, anderweitig nicht genannt
71 Kraftmaschinen und Kraftmaschinenausrüstungen
72 Arbeitsmaschinen für besondere Zwecke
74 Maschinen, Apparate und Geräte für verschiedene Zwecke
75 Büro- und automatische Datenverarbeitungsmaschinen
77 Elektrische Maschinen, Apparate und Geräte
78 Straßenfahrzeuge
79 Andere Beförderungsmittel
87 Mess-, Prüf- und Kontrollinstrumente, -apparate und -geräte
93 Besondere Warenverkehrsvorgänge und verschiedene Waren

Quelle: Statistisches Bundesamt: Internationales Warenverzeichnis für den Außenhandel (SITC, Rev. 4). Deutsche Übersetzung der Standard International Trade Classification, Revision 4, der Vereinten Nationen, Wiesbaden 2006.

 

Für die EU27 ergibt sich beim Russlandexport nach Warengruppen eine ähnliche Struktur wie beim deutschen Russlandexport. Mit einem Anteil von mehr als 40% dominieren die gleichen Top-5-Warengruppen. Allerdings ist damit beim Russlandexport der EU27 die Konzentration auf einzelne Branchen geringer als für Deutschland.3

Unterhalb des SITC-Zweisteller-Niveaus zeigt sich, dass in der Gruppe "Straßenfahrzeuge" der überwiegende Anteil von 83% auf Personenkraftwagen und Kfz-Teile entfällt. 2013 wurden alleine PKW in einem Wert von 3,3 Mrd. Euro nach Russland ausgeführt. Bei den drei großen Gruppen des Maschinenbaus (SITC-74, 72, 77), die zusammen auf einen Exportwert von 9,3 Mrd. Euro kommen, findet sich eine breite Palette von Investitionsgütern, die beim Aufbau russischer Industrieproduktionen oder bei der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung Verwendung finden. Bei "Medizin und Pharma" dominieren Arzneiwaren mit fast 1,7 Mrd. Euro bzw. einem Gruppenanteil von 79%.

Die Struktur des deutschen Russlandexports sagt jedoch noch nichts darüber aus, welche Bedeutung der Russlandexport in den einzelnen Warengruppen hat. Um dies zu klären, dient als Ausgangspunkt der Anteil Russlands am deutschen Gesamtexport im Jahr 2013 von 3,3%. Bei einer Anzahl von Warengruppen ist der Anteil des Russlandexports teilweise sehr viel höher. "Spitzenreiter" in diesem Sinne ist die Warengruppe "Tierische Fette und Öle" mit einem Russlandexportanteil von über 20%. Allerdings ist das Gewicht dieser Gruppe am deutschen Gesamtexport sehr gering – es beträgt gerade einmal 0,03%. Weitere Gruppen mit hohem Russlandanteil, wie "Ölsaaten und ölhaltige Früchte" oder "sanitäre Anlagen", sind ebenfalls von insgesamt geringer Bedeutung für den deutschen Export. Jedoch sind unter den Warengruppen mit überdurchschnittlichem Russlandanteil auch die deutschen Schwergewichte vertreten: SITC-72, 74, 78, 54 und 77. Die wichtigste Warengruppe "Straßenfahrzeuge" weist zwar nur einen leicht überdurchschnittlichen Russlandanteil von 3,9% auf. Ausgeprägter ist der Russlandexport hingegen bei "Arbeitsmaschinen" und "Maschinen, Apparate, Geräte" mit Anteilen von 6% bzw. 4,8% am Gesamtexport der jeweiligen Warengruppe.4 Damit wäre ein Ausfall des Russlandgeschäfts für einzelne Branchen sicherlich schmerzhaft. Jedoch zeigt diese Analyse, dass keine substanzielle Abhängigkeit wichtiger Branchen vom Russlandexport besteht. Allerdings: Auf Unternehmensebene kann das Russlandgeschäft bei fehlender regionaler Diversifikation von wesentlich größerer Bedeutung sein und ein Ausfall des Russlandexports könnte bei fehlender Flexibilität existenzbedrohend werden.

Ein stark abweichendes Bild ergibt die Analyse des deutschen Russlandimports nach Warengruppen. Zu beobachten ist eine überaus starke Konzentration auf Rohstoffe und rohstoffintensive Produkte (vgl. Abbildung 3): "Erdöl" (SITC-33) und "Gas" (SITC-34) dominieren zusammen mit einem Anteil von etwa 84% den deutschen Russlandimport; allein auf "Erdöl" entfielen 2013 etwa 56,5% oder 23 Mrd. Euro. Auch die mit großem Abstand folgenden nächstgrößeren Importgruppen sind rohstoffnah. Diese Gewichtungen beim Russlandimport weichen auch stark von der Verteilung der Warengruppen beim deutschen Gesamtimport ab. Deutschland ist insgesamt nicht nur Importeur von Rohstoffen, sondern auch von einer breiten Palette von End- und Zwischenprodukten mit unterschiedlicher Faktorintensität. Dies spiegelt sich im Russlandimport nicht wider, Russland ist für Deutschland fast ein reiner Rohstofflieferant. Eine industrielle Arbeitsteilung mit Russland über den Rohstoffhandel hinaus ist kaum erkennbar.

 

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Top-10-Warengruppen des deutschen Imports aus Russland im Vergleich zum Gesamtimport 2013
33360.png

Zur Definition der Warengruppen siehe Kasten 1.

Quelle: Statistisches Bundesamt: Genesis-Online-Datenbank: Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder. Warensystematik nach SITC, https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabellen/51000 (21.3.2014); eigene Darstellung und Berechnungen.

 

Zudem haben die Schwergewichte des deutschen Russland­imports auch bezogen auf den deutschen Gesamtimport einen überdurchschnittlichen Stellenwert. Während 2013 der durchschnittliche Anteil des Russlandhandels am deutschen Gesamtimport 4,5% betrug, kamen fast 29% der deutschen Gasimporte, 27% der deutschen Erdölimporte und 21% der deutschen Kohle- und Koksimporte aus Russland. Auch die übrigen Warengruppen mit überdurchschnittlichem Russland­anteil gehören in die Kategorie rohstoffintensiver bzw. rohstoffnaher Produkte.5 Russland ist damit einer der wichtigen Rohstofflieferanten des rohstoffarmen Deutschlands. Der deutsch-russische Außenhandel erscheint als ein Austausch von Technologie gegen Rohstoffe.

Einen systematischeren Einblick in die deutsch-russische Arbeitsteilung verschafft aber erst eine Analyse der Exporte und Importe nach Faktorintensitäten. Eine solche Klassifikation wird aus der Produktzyklushypothese abgeleitet. Sie besagt, dass hoch entwickelte Länder komparative Vorteile bei technologie- und humankapitalintensiven Gütern ("Schumpeter-Güter") haben, während sich weniger entwickelte Länder auf die Produktion von rohstoffintensiven Gütern ("Ricardo-Güter") und von arbeits- und kapitalintensiven Gütern ("Heckscher-Ohlin-Güter") spezialisieren (vgl. Kasten 2). Bei den Schumpeter-Gütern kann zudem nach mobilen und immobilen Gütern differenziert werden: Selektionskriterium ist der räumliche Zusammenhang zwischen Forschung und Produktion. Eine Trennung von Forschung und Produktion ist bei den mobilen Gütern mit vergleichsweise geringen Kosten möglich, während diese bei den immobilen Gütern aufgrund des Ausmaßes der Komplementaritäten nur schwer durchführbar ist. Das bedeutet, dass der Wissenstransfer bei den mobilen Schumpeter-Gütern relativ leicht ist, diese also auch leichter zu imitieren sind, was bei den immobilen Schumpeter-Gütern schwerer fällt.6

 

Kasten 2 (zurück zum Text)
Zuordnung von Gütern nach SITC zu den spezifizierten Güterarten
Güterarten Bezeichnung nach SITC rev.2
Rohstoffintensive Güter 0, 2 ohne 26, 3 ohne 35, 4, 56, 57
Arbeitsintensive Güter 26, 6 ohne 62, 67, 68, 8 ohne 87
Kapitalintensive Güter 1, 35, 53, 55, 62, 67, 68, 793
Erzeugnisse der mobilen Schumpeter-Industrien 51, 52, 58, 59, 75, 76, 77
Erzeugnisse der immobilen Schumpeter-Industrien 54, 71, 72, 73, 74, 78, 791, 792, 87

Die dargestellte Zuordnung basiert auf SITC rev. 2 und wurde für die Berechnungen entsprechend in SITC rev. 3 konvertiert.

Quellen: H. Klodt: Wettlauf um die Zukunft: Technologiepolitik im internationalen Vergleich, Kieler Studien 206, Tübingen 1987, S. 29-37; B. Heitger, K. Schrader, E. Bode: Die mittel- und osteuropäischen Länder als Unternehmensstandort, Kieler Studien 250, Tübingen 1992, S. 43-45; eigene Zusammenstellung.

 

Die Analyse des deutsch-russischen Außenhandels nach Faktorintensitäten bestätigt die Rolle Russlands als Rohstofflieferanten Deutschlands und als Abnehmer hochwertiger Industrieprodukte (vgl. Tabelle 1). Diese Rollenverteilung hat sich seit den 1990er Jahren keineswegs abgeschwächt, sondern bei einem wachsenden Handelsvolumen sogar noch weiter verfestigt. Mit fast 88% dominierten 2012 die rohstoffintensiven Güter den deutschen Russlandimport, nennenswert war nur noch der Anteil kapitalintensiver Güter mit knapp 9%. Hingegen war der Import arbeits- sowie technologie- und humankapitalintensiver Güter aus Russland unbedeutend. Diese Güter wurden quasi spiegelbildlich nach Russland exportiert, mit einem Schwerpunkt bei besonders hochwertigen immobilen Schumpeter-Gütern.

 

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Der deutsche Außenhandel mit Russland und der Welt: Strukturen nach Faktorintensitäten

in % der Gesamtexporte bzw. -importe (Spezialhandel), soweit nach SITC klassifiziert und unter Revisionsvorbehalt

1999 2012
Russland Welt Russland Welt
Rohstoffintensiv

Exporte

12,9

7,2

7,4

12,9
Importe

71,5

16,8

87,5

34,5
RCA

-1,71

-0,83

-2,47

-0,98
Arbeitsintensiv

Exporte

29,0

30,2

14,2

16,8
Importe

8,4

34,6

1,5

18,3
RCA

1,24

-0,13

2,27

-0,09
Kapitalintensiv

Exporte

11,6

9,6

6,6

9,7
Importe

14,3

8,2

8,7

9,9
RCA

-0,21

0,16

-0,28

-0,02
Mobile Schumpeter-Güter

Exporte

14,3

15,4

17,5

21,6
Importe

4,7

12,9

1,8

19,8
RCA

1,12

0,18

2,26

0,09

Immobile Schumpeter-Güter

Exporte

32,1

37,6

54,3

39,0
Importe

1,1

27,6

0,4

17,5
RCA

3,35

0,31

4,84

0,80

Die RCA-Werte (RCA = Revealed Comparative Advantage) für i Warengruppen wurden nach der folgenden Formel berechnet: RCAi = ln[(Exporti : Importi) : ∑Exporti : ∑Importi)]; zu den Güterarten siehe Kasten 2.

Quelle: Eurostat: Comext: Intra- und Extra-EU-Handel. CD-Rom. Luxemburg 2013; eigene Zusammenstellung und Berechnungen.

Im Handel Deutschlands mit der Welt ist diese Arbeitsteilung ebenfalls in Grundzügen zu beobachten, aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie mit Russland. Dies lässt sich auch an den RCA-Werten ablesen.7 Wie im Handel mit der Welt hat Deutschland auch gegenüber Russland Wettbewerbsnachteile bei rohstoff- und kapitalintensiven Gütern, Vorteile hingegen bei Schumpeter-Gütern – mit jeweils sehr hohen negativen bzw. positiven RCA-Werten. Sogar bei arbeitsintensiven Produkten hat Deutschland im Russlandhandel, abweichend vom Gesamthandel, Wettbewerbsvorteile. Dieses Gesamtbild des deutsch-russischen Handels legt daher die Schlussfolgerung nahe, dass mit Russland keine Technologiepartnerschaft im Rahmen einer intraindustriellen Arbeitsteilung besteht. In den internationalen Wertschöpfungsketten deutscher Unternehmen ist die russische Wirtschaft anders als Unternehmen aus mittel- und osteuropäischen Reformländern oder asiatischen Schwellenländern kein Lieferant hochwertiger industrieller Zwischen- und Endprodukte. Ein industrieller Strukturwandel des Rohstofflieferanten Russland steht offensichtlich weiterhin aus.

Die Abhängigkeit vom russischen Gas

Die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Import lässt sich aber nicht allein an den Gewichten einzelner Warengruppen ablesen. Ausschlaggebend ist, ob und wie schnell Importe aus Russland durch Lieferungen aus anderen Ländern ersetzt werden könnten. Unter diesem Aspekt scheint in den meisten Fällen eine Substitution prinzipiell machbar zu sein, auch wenn es bei einem Ausfall russischer Lieferungen in jedem Fall zu Preissteigerungen und temporären Knappheiten kommen könnte. Anders sieht es nur bei den leitungsabhängigen Importen von Erdgas aus. Hier dürfte eine zeitnahe Substitution nicht möglich sein.

Den deutschen Gasmarkt teilen sich Norwegen und die Niederlande mit dem größten Lieferanten Russland auf – weitere Lieferländer spielen keine Rolle. Gemessen in Brennwerteinheiten entfielen 2013 auf Russland knapp 39% des deutschen Erdgasimports, auf Norwegen und die Niederlande mehr als 29% bzw. 26%.8 Die deutsche Abhängigkeit vom russischen Erdgas ist seit den 1990er Jahren trotz der insgesamt gestiegenen Importe keineswegs gewachsen (vgl. Abbildung 4). Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass der deutsche Erdgasbedarf in den 2000er Jahren deutlich zugelegt hatte, so dass hinter dem russischen Lieferanteil ein höheres Volumen als in den 1990er Jahren steht.

 

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Entwicklung der deutschen Erdgasimporte
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1 Exajoule (EJ) = 1*1018 Joule

Quelle: Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle: Entwicklung des deutschen Gasmarktes (monatliche Bilanz 1998-2013, Einfuhr seit 1960), Eschborn 2014, http://www.bafa.de/bafa/de/energie/erdgas/ausgewaehlte_statistiken/index.html (20.3.2014); eigene Darstellung und Berechnungen.

 

Nennenswert substituieren könnten die russischen Lieferungen allenfalls Norwegen und die Niederlande. Doch erscheint zweifelhaft, dass die Fördermöglichkeiten und die Leitungskapazitäten kurzfristig im notwendigen Maß erhöht werden könnten. Ähnliche Zweifel betreffen auch Flüssiggasimporte aus Übersee, für die die notwendige Infrastruktur weitgehend fehlt. Kurzfristig erscheint daher eine Substitution der russischen Erdgaslieferungen durch andere Lieferländer nicht möglich. Kurzfristig dürfte auch die Substitution von Erdgas durch andere Energieträger ausscheiden. Eine deutsche Abhängigkeit von russischen Erdgasimporten ist daher offensichtlich, ein länger andauernder Ausfall der russischen Lieferungen wäre für Deutschland wohl kostspielig.

Der Handel aus russischer Sicht

Die Globalisierung und die damit einhergehende Integration des Außenhandels hat auch vor Russland nicht Halt gemacht. Abgesehen davon, dass die Marktintegration für die beteiligten Akteure per saldo von Vorteil war, sind durch den immer intensiveren Warenverkehr auch gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen worden. Russlands wichtigste Absatzmärkte befinden sich mittlerweile vorwiegend in westlichen Industriestaaten (vgl. Tabelle 2): Unter den Top-10-Exportpartnern Russlands 2012 entfiel mit knapp 15% der Gesamtexporte der größte Anteil auf die Niederlande, Deutschland folgte auf Rang 3 mit fast 7%. Insgesamt betrug der Anteil der EU27 am russischen Export 53%. Dagegen war das Gewicht der wichtigsten GUS-Länder Ukraine, Weißrussland und Kasachstan auf den Rängen 6, 7 und 10 deutlich geringer.

 

Tabelle 2 (zurück zum Text)
Die zehn wichtigsten Außenhandelspartner Russlands 2012
Export Import
Handelspartner Anteil in % Handelspartner Anteil in %
Niederlande

14,6

China

16,5
China

6,8

Deutschland

12,2
Deutschland

6,8

Ukraine

5,7
Italien

6,2

Japan

5,0
Türkei

5,2

USA

4,9
Ukraine

5,2

Frankreich

4,4
Weißrussland

4,7

Italien

4,3
Polen

3,8

Weißrussland

3,8
Japan

3,0

Korea

3,5
Kasachstan

2,9

Kasachstan

2,7
EU27 insgesamt

53,0

EU27 insgesamt

42,2

Quelle: Federal'naja Tamožennaja Služba: Tamožennaja statistika vnešnej torgovli Rossijskoj Federacii: sbornik, 2012, Moskva ZDB 2013; eigene Zusammenstellung und Berechnungen.

 

Die Importseite des russischen Außenhandels dokumentiert 2012 die Dominanz der westlichen Industriestaaten noch ausgeprägter. Aus den EU27 kamen gut 42% der russischen Importe; Deutschland erwies sich mit über 12% hinter dem führenden China als der insgesamt zweitwichtigste Importpartner Russlands, und mit Frankreich und Italien auf den Rängen 6 und 7 gehörten weitere bedeutende russische Partner zur EU (vgl. Tabelle 2). Offenkundig haben die Märkte westlicher Länder sowohl für den russischen Export als auch für den Import eine tragende Rolle entwickelt. Die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan erscheinen zwar ebenfalls in der Rangliste der zehn wichtigsten Importpartner, spielen aber eine geringere Rolle als man es aufgrund des sowjetischen Erbes und ihrer Nähe zu den russischen Märkten vermuten könnte. Hier fehlt es an wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Kaufkraft.

Die Exportstruktur nach Warengruppen macht allerdings deutlich, dass Russland mit seiner Produktpalette auf den Weltmärkten eine relativ eindimensionale Rolle spielt. Russland präsentiert sich fast ausschließlich als Lieferant von Rohstoffen und rohstoffintensiven Produkten (vgl. Abbildung 5). Mit einem Anteil von 70% dominiert die Warengruppe CN 27 – das sind mineralische Brennstoffe, worunter im Wesentlichen Erdöl, Erdölprodukte, Gas und Kohle fallen. Auch die Exporte in den nächstgrößeren Warengruppen, die allerdings erst mit weitem Abstand folgen, entstammen rohstoff- bzw. kapitalintensiven Produktionen. Anspruchsvolle Industrieprodukte finden sich in den Hauptwarengruppen des russischen Exports nicht.

 

Abbildung 5 (zurück zum Text)
Top 5 der russischen Exporte nach Warengruppen 2012

Anteile in % des Gesamtexports

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Warengruppen nach der Combined Nomenclature (CN). Im Einzelnen:
CN 27: Mineralische Brennstoffe, Mineralöle und Erzeugnisse ihrer Destillation; Bituminöse Stoffe; Mineralwachse. CN 72: Eisen und Stahl. CN 71: Echte Perlen oder Zuchtperlen, Edelsteine oder Schmucksteine, Edelmetalle, Edelmetallplattierungen und Waren daraus; Fantasie­schmuck; Münzen. CN 31: Düngemittel. CN 28: Anorganische chemische Erzeugnisse; Anorganische oder organische Verbindungen von Edelmetallen, von Seltenerdmetallen, von radioaktiven Elementen oder von Isotopen.

Quellen: Federal'naja Tamožennaja Služba (2013). Tamožennaja statistika vnešnej torgovli Rossijskoj Federacii: sbornik, 2012, Moskva ZDB 2013; Eurostat: Metadaten: Kombinierte Nomenklatur; eigene Berechnungen und Zusammenstellung.

 

Innerhalb der Warengruppe CN 27 entfielen 2012 rund drei Viertel auf den Export von Mineralöl und Mineralölprodukten, etwa ein Fünftel auf Erdgas. Wichtigster Abnehmer für russisches Erdgas war die Ukraine mit knapp 18%, gefolgt von der Türkei mit fast 17%. Ebenfalls fast 17% gingen 2012 nach Deutschland. Alle EU27-Mitgliedstaaten zusammen nahmen rund 50% des russischen Gasexports ab (vgl. Abbildung 6), was auf eine bedrohliche Abhängigkeit hinweisen könnte. Zu berücksichtigen ist beim vieldiskutierten Gasexport Russlands aber auch, dass die Abhängigkeiten aufgrund der Leitungsgebundenheit der Lieferungen wechselseitiger Natur sind. Das russische Liefergebiet ist durch das vorhandene Pipelinenetz definiert: Das heißt, dass Russland kurzfristig keine anderen Abnehmer für sein Gas finden wird, wenn es zu Handelsbeschränkungen kommen sollte. Der Aufbau eines Pipelinenetzes nach China ist noch im Planungsstadium und vor 2018 wäre mit der Fertigstellung dieses Lieferweges wohl nicht zu rechnen.9 2012 wurden lediglich 0,1% des russischen Gases nach China exportiert.

 

Abbildung 6 (zurück zum Text)
Die wichtigsten Bestimmungsländer für russische Gasexporte 2012
33934.png

Quellen: Federal'naja Tamožennaja Služba: Tamožennaja statistika vnešnej torgovli Rossijskoj Federacii: sbornik, 2012, Moskva ZDB 2013; Eurostat: Metadata: Kombinierte Nomenklatur; eigene Darstellung und Berechnungen.

 

Auch bei Rohöl und Ölprodukten finden sich Russlands Exportmärkte vornehmlich in der EU27: Beim Rohöl betrug der EU-Anteil 2013 über 70%, bei den Ölprodukten waren es mehr als 61%; die deutschen Anteile lagen bei 9,3% bzw. 1,1%.10 Anders als beim Gas gibt es hier keine festgelegten Lieferwege, die Flexibilität ist wesentlich höher. Dies gilt allerdings auch für die bisherigen Abnehmerländer in der EU.

Kapitalverflechtung aus deutscher und europäischer Perspektive

Zur Beurteilung von Russlands Rolle in der internationalen Arbeitsteilung bedarf es über die Analyse des Handels hinaus einer Prüfung der wirtschaftlichen Verflechtungen auf der Kapitalseite. Hier interessieren insbesondere die ausländischen Direktinvestitionen (FDI), also die Vermögensanlagen im Ausland bzw. durch das Ausland im Zuge der Verflechtung der Geschäftstätigkeit. Die Statistik der Deutschen Bundesbank verzeichnet für das Jahresende 201111 insgesamt über alle Zielländer gerechnet einen Bestand an deutschen Investitionen im Ausland von etwas mehr als 1144 Mrd. Euro (vgl. Tabelle 3). Der Bestand ausländischer Direktinvestitionen aus allen Ländern in Deutschland belief sich auf knapp 549 Mrd. Euro. Die engste Kapitalverflechtung für Deutschland besteht dabei mit den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Fast 54% der deutschen Direktinvestitionen sind dort angelegt, und mehr als 75% der ausländischen Direktinvestitionen hierzulande kommen von dort. Wichtigster außereuropäischer Partner sind die USA. In der Russischen Föderation waren Ende 2011 dagegen nur 19,7 Mrd. Euro investiert, das sind 1,7% des Gesamtbestandes aller deutschen Direktinvestitionen in der Welt. Innerhalb der Gruppe der BRIC-Staaten nimmt Russland damit hinter China und Brasilien nur den dritten Platz als Ziel deutscher Investitionen ein. Bei den ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland ist der Anteil Russlands mit 0,6% noch geringer, allerdings führt es hier innerhalb der BRIC-Staaten die Investorenrangfolge an. Insgesamt ist aus deutscher Sicht die Kapitalverflechtung mit Russland daher überschaubar.

 

Tabelle 3 (zurück zum Text)
Deutsche Direktinvestitionen nach Ziel- und Herkunftsländern 2011
Deutsche Direktinvestitionen im Ausland Ausländische Direktinvestitionen in Deutschland
Bestand in Mrd. Euro Anteil in % Bestand in Mrd. Euro Anteil in %
Insgesamt

1 144,0

100,0

548,6

100,0
EU27

615,5

53,8

416,1

75,9
USA

253,9

22,2

50,3

9,2
Japan

15,0

1,3

15,4

2,8
Brasilien

24,2

2,1

0,2

0,0
Russische Föderation

19,7

1,7

3,2

0,6
Indien

9,2

0,8

0,4

0,1
China

38,8

3,4

1,1

0,2

Unmittelbare und (über abhängige Holdinggesellschaften bestehende) mittelbare Direktinvestitionen (konsolidiert). Vorläufige Werte, Stand der Datenerhebung: 30.4.2013.

Quellen: Deutsche Bundesbank: Bestanderhebung über Direktinvestitionen 2013. Statistische Sonderveröffentlichung 10, Frankfurt a.M., April 2013, http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Veroeffentlichungen/Statistische_Sonderveroeffentlichungen/Statso_10/statistische_sonderveroeffentlichungen_10.html (7.4.2014); Deutsche Bundesbank: Tabellen - Bestandsangaben über Direktinvestitionen, Ergänzende Tabellen zur Statistischen Sonderveröffentlichung 10, Direktinvestititionsbestände nach Bundesländern 2011, Frankfurt a.M. 2013, http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Aussenwirtschaft/Direktinvestitionen/Bestandsangaben/Tabellen/tabellen.html (7.4.2014); eigene Zusammenstellung und Berechnungen.

Ganz ähnlich sieht das Bild aus, wenn man die Direktinvestitionsbestände aus der Perspektive der gesamten EU27 heraus betrachtet.12 Nur 1,4% der ausländischen Direktinvestitionen aller EU27-Mitgliedstaaten sind nach den Angaben von Eurostat in Russland getätigt worden, also prozentual noch weniger als von deutschen Investoren. Umgekehrt sind die russischen Investitionen in der EU27 mit 0,6% ähnlich bedeutend wie in Deutschland. Für die EU27 spielt damit Russland als Ziel- bzw. Herkunftsland von Direktinvestitionen keine größere Rolle als für Deutschland.

Kapitalverflechtungen aus russischer Perspektive

Die außenwirtschaftliche Integration Russlands mit den westlichen Industriestaaten spiegelt sich auch in der russischen Direktinvestitionsstatistik wider. Die wichtigsten Investoren in Russland kommen aus den EU-Staaten mit einem Anteil von insgesamt fast 70% der ausländischen Direktinvestitionen im Jahr 2012 – das entspricht etwa 261 Mrd. Euro. Doch auf den ersten Blick überraschend dominieren dabei nicht die großen europäischen Volkswirtschaften: Deutschlands Anteil liegt beispielsweise lediglich im 4%-Bereich. Es dominiert das kleine EU-Land Zypern mit 30% (vgl. Abbildung 7a). Auffällig ist auch, dass Offshore-Bankenplätze wie die British Virgin Islands, die Bermudas und die Bahamas unter den Top-10-Herkunftsländern vertreten sind. Hier macht sich bemerkbar, dass russisches Kapital offensichtlich von internationalen Finanzplätzen aus in Russland reinvestiert wird.13 Insofern ist der EU-Anteil verzerrt und kann nicht als Indikator für die fortschreitende Integration Russland mit der EU interpretiert werden. Die Direktinvestitionen fließen vornehmlich in das Verarbeitende Gewerbe (32,5%) und mit Abstand in das Grundstücks- und Wohnungswesen (15,7%), den Bergbau (14,3%) sowie in Kreditinstitute und Versicherungen (13,1%).14

 

Abbildung 7 (zurück zum Text)
Ausländische Direktinvestitionen in Russland und russische Direktinvestitionen im Ausland
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A = Österreich, BM = Bermudas, BS = Bahamas, CH = Schweiz, CY = Zypern, D = Deutschland, F = Frankreich, IRL = Irland, L = Luxemburg, NL = Niederlande, S = Schweden, UK = Großbritannien, USA = Vereinigte Staaten von Amerika.

Quelle: Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW): WIIW FDI Database: FDI by Partner. Datenbankauszug vom 26.3.2014, Wien 2014; eigene Darstellung und Berechnungen.

 

Diese Direktinvestitionsstruktur zeigt sich quasi spiegelbildlich, wenn man die russischen Direktinvestitionen in ihren Bestimmungsländern betrachtet (vgl. Abbildung 7b). Erneut verschleiert ein EU-Anteil von 68%, der 208 Mrd. Euro entspricht, dass Zypern mit mehr als 37% dominiert. Weitere Finanzplätze mit niedrigen Steuern und wenig entwickelten Regulierungsinstitutionen finden sich auch bei den Top-10-Bestimmungsländern russischer Direktinvestitionen. Es wird damit deutlich, welche Rolle Zypern bisher für russische Investoren als sicherer Hafen in der Eurozone und Kapital-Drehscheine gespielt hat. Es wird auch klar, wie wenig ausgeprägt bislang die industriellen Interessen russischer Investoren in westlichen Industriestaaten sind.

Gegenseitige Abhängigkeiten

Die Analyse des deutschen Russlandgeschäfts lässt die Schlussfolgerung zu, dass im Fall von Wirtschaftssanktionen gegen Russland der Wohlstand in Deutschland zwar nicht bedroht wäre, jedoch zumindest kurzfristig auch der deutschen Volkswirtschaft durchaus spürbare Kosten entständen. Der größere Verlierer einer Sanktionsspirale wäre allerdings Russland, das durch Einschränkungen beim Handel und Kapitalverkehr dringend benötigte Einnahmen und Investitionen ebenso verlieren würde wie seine Reputation als zuverlässiger Wirtschaftspartner.

Zweifellos hat die deutsche Exportwirtschaft in Russland lukrative Märkte für eine breite Palette an Investitionsgütern und hochwertigen Gebrauchsgütern erschlossen. Eine existenzielle Abhängigkeit vom Russlandgeschäft besteht aber in keiner der deutschen Hauptexportbranchen, ernste Schwierigkeiten dürften sich auf kleine und wenig diversifizierte Unternehmen beschränken. Selbst ein kompletter Ausfall des Russlandgeschäfts mit einem Rückgang des deutschen Exports um etwa 3,5% wäre noch sehr deutlich von dem Exporteinbruch im Krisenjahr 2009 mit mehr als 18% entfernt. Eine solche statische Sichtweise verkennt zudem, dass die Schwergewichte des deutschen Exports "Global Player" sind, die flexibel auf regional begrenzte Schwankungen zu reagieren wissen. Verluste beim Russlandgeschäft wären kurzfristig schmerzlich, die Weiterentwicklung und Erschließung der Märkte anderer Schwellenländer könnte aber für einen Ausgleich sorgen. Auch für die europäische Wirtschaft insgesamt ergibt sich kein bedrohliches Bild, da die Abhängigkeit der EU vom Russlandexport noch geringer ist.

Gewichtiger sind die Abhängigkeiten auf der Importseite vom Rohstofflieferanten Russland. Die Achillesferse stellt hier insbesondere der Import russischen Erdgases dar, der aufgrund der Leitungsgebundenheit der Lieferungen kurzfristig nicht zu substituieren ist. Da Russland überwiegend als Lieferant von Rohstoffen und rohstoffintensiven Produkten auftritt, bestehen allerdings keine Abhängigkeiten im Rahmen internationaler Wertschöpfungsketten der Industrie, auch als Technologiepartner ist Russland von geringer Bedeutung.

Im Fall von Wirtschaftssanktionen würde allerdings Russland sowohl beim Export als auch beim Import spüren, dass die Teilhabe an der globalen Arbeitsteilung gegenseitige Abhängigkeiten schafft. So ist das Schwellenland Russland auf den Import westlicher, nicht zuletzt deutscher Investitionsgüter angewiesen, um die überfällige Modernisierung der russischen Industrie und die Erneuerung der russischen Infrastruktur voranzutreiben. Die mittlerweile von einer wachsenden Schicht russischer Konsumenten nachgefragten hochwertigen Gebrauchs- und Verbrauchsgüter stammen ebenfalls aus westlicher Produktion. Zudem ist Russland auf die Einnahmen aus dem Rohstoffexport in westliche Länder angewiesen. Der russische Staat finanziert über die Gewinne aus dem Rohstoffgeschäft einen großen Teil seines Budgets. Insbesondere beim russischen Gasexport ist es ausgeschlossen, dass kurzfristig alternative Abnehmerländer mit der entsprechenden Kaufkraft gefunden werden. Aufgrund der Leitungsgebundenheit der Gaslieferungen ist die Abhängigkeit gegenseitig.

Von geringer Bedeutung sind hingegen die Kapitalverflechtungen mit Russland. Für deutsche Direktinvestoren spielt das Land nur eine untergeordnete Rolle, auch wenn einzelne Großprojekte einen anderen Eindruck vermitteln mögen. Es sollte nicht übersehen werden, dass Investitionen in Russland nach wie vor auf ein schwieriges Umfeld stoßen und mit erhöhten Risiken verbunden sind.15 Umgekehrt dominiert auf russischer Seite die Investition russischer Vermögen auf internationalen Bankenplätzen die Direktinvestitionsbilanz, was nicht für den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten spricht.

Vor diesem Hintergrund sollte Russlands politischer Führung kommuniziert werden, dass der Rückfall in alte Denk- und Verhaltensmuster in die Isolation führt, was in einer während der letzten 20 Jahre immer stärker integrierten Weltwirtschaft hohe Wohlfahrtsverluste zur Folge hat. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Sanktionen gegen die totalitär regierte Sowjetunion kaum wirkten. Erst die wirtschaftlich nicht länger tragbaren Kosten des Rüstungswettlaufs führten zum wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch des Sowjetsystems.16 Wenn auch die heutige Führung in Russland offensichtlich keine politisch initiierten Sanktionen zu fürchten scheint, sollte es die negativen Marktreaktionen auf ihre Politik bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. In Russland ist bereits ohne den politischen Konflikt eine Wachstumsschwäche zu beobachten.17 Bei einer Neubewertung der Wirtschaftsbeziehungen mit Russland durch die Marktakteure dürften sich die Aussichten weiter eintrüben. Die russische Politik sollte daher die Teilhabe Russlands an der Globalisierung nicht aufs Spiel setzen.

Title: German Business with Russia: Dangerous Dependencies?

Abstract: In view of the Russian annexation of Crimea and its ongoing efforts to destabilise Ukraine, political decision-makers in the EU and the US are considering economic sanctions against Russia. The article analyses whether the German economy would be affected by restrictions on trade and investment relations. As a result, German exporters would suffer from restrictions on business relations with Russia, but they would be able to compensate for possible losses. Russian gas export interruptions, however, would be a more severe problem. Due to Russia's dependence on revenues from the export of natural resources as well as on technology imports from Western countries, the Russian economy would be hit particularly hard.

JEL Classification: F13, F14, F51

  • 1 Vgl. Statistisches Bundesamt: Genesis-Online-Datenbank: Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder. Warensystematik nach SITC, https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabellen/51000 (21.3.2014).

  • 2 Ebenda.

  • 3 Vgl. Eurostat: Statistiken: Internationaler Handel, EU27 Trade since 1988 by SITC, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/international_trade/data/database (10.4.2014).

  • 4 Berechnungen auf Basis des Statistischen Bundesamts, a.a.O.

  • 5 Ebenda.

  • 6 Vgl. B. Heitger, K. Schrader, E. Bode: Die mittel- und osteuropäischen Länder als Unternehmensstandort, Kieler Studien 250, Tübingen 1992, S. 43-45.

  • 7 Positive RCA-Werte stehen für komparative Wettbewerbsvorteile, negative Werte für Nachteile.

  • 8 Vgl. Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle: Entwicklung des deutschen Gasmarktes (monatliche Bilanz 1998-2013, Einfuhr seit 1960), Eschborn 2014, http://www.bafa.de/bafa/de/energie/erdgas/ausgewaehlte_statistiken/index.html (20.3.2014).

  • 9 Vgl. E. Mazneva: Gazprom says, China Natural Gas Deal Delayed to Putin's May Visit, Bloomberg, http://bloom.bg/LFAo8D (19.3.2014).

  • 10 Anzumerken ist, dass mehr als 22% des russischen Rohöls in die Niederlande exportiert wurden. Nach einer entsprechenden Weiterverarbeitung dürften über diesen Weg aus russischem Rohöl gewonnene Produkte zusätzlich nach Deutschland gelangt sein.

  • 11 Gegenwärtig liegen nur die Angaben für 2011 von der Deutschen Bundesbank vor; die 2012er Werte waren noch nicht verfügbar. Die Angaben beziehen sich auf unmittelbare und über abhängige Holdinggesellschaften bestehende mittelbare Direktinvestitionen.

  • 12 Auch bei den Statistiken von Eurostat, auf die sich die folgenden Erörterungen stützen, lagen die Werte derzeit nur für Ende 2011 komplett vor, für 2012 dagegen nur auszugsweise. Aufgrund des Berichtsjahrs beziehen sich die Angaben auf die EU27, nicht die EU28 unter Einschluss des Neumitglieds Kroatien von 2013. Siehe Eurostat: Statistiken, EU Direct Investments – Main Indicators [bop_fdi_main], Direct Investment Stocks, Direct Investment Abroad and Direct Investment in the Reporting Economy, Luxemburg 2014, http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=bop_fdi_main&lang=de (11.4.2014).

  • 13 Zur Rolle Zyperns vgl. D. Benček, B. Dettmer, K. Schrader: Zypern: Insel ohne Geschäftsmodell?, in: Wirtschaftsdienst, 93. Jg. (2013), H. 8, S. 564-566.

  • 14 Vgl. Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW): WIIW FDI Database: FDI by Activities, Datenbankauszug vom 26.3.2014, Wien 2014.

  • 15 Das verdeutlicht etwas das Doing Business Ranking 2013 der Weltbank, wo Russland nur Platz 92 einnimmt. Vgl. World Bank: Doing Business – Measuring Business Regulations, Economy Rankings, Washington DC, Juni 2013, http://www.doingbusiness.org/rankings.

  • 16 Vgl. etwa R. Newnham: Deutsche Mark Diplomacy, University Park PA, 2002, S. 292-295.

  • 17 Nach der aktuellen Prognose des IMF wird die russische Wirtschaft 2014 und 2015 nur unterdurchschnittlich mit 1,3% bzw. 2,3% wachsen. Vgl. IMF: World Economic Outlook Recovery Strengthens, Remains Uneven, Washington DC, April 2014.


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