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94. Jahrgang, 2014, Heft 6 · S. 420-427

Analysen und Berichte

Der deutsche Bankensektor

Guillaume Gilquin

Trotz eines Konsolidierungsprozesses ist die Bankendichte in Deutschland hoch. Mitte der 2000er Jahre suchten die deutschen Banken nach Renditen im Ausland und waren daher von der Finanzkrise stärker als Banken anderer Euroländer betroffen. Die Europäische Kommission forderte daraufhin vor allem eine starke Reduzierung der Bilanzsummen der vom Staat gestützten Banken. Seit 2010 erzielt der deutsche Bankensektor wieder Gewinne und erscheint dank der Erhöhung des Eigenkapitals und dem Abbau der Bilanzen deutlich robuster. Allerdings weist der Sektor immer noch einen hohen Verschuldungsgrad auf.

Guillaume Gilquin, Absolvent der École Polytechnique und der ENSAE, ist Administrateur de l'INSEE, Austauschbeamter im Bundesministerium der Finanzen und war bis August 2013 Botschaftsrat für Finanzen in der französischen Botschaft in Berlin.

Während Deutschland wegen seiner wirtschaftlichen Stärke in Europa häufig als Vorbild gilt, weist ein Teil des deutschen Bankensektors seit der Finanzkrise erhebliche Schwächen auf. Im Folgenden werden die Entwicklungen dieses Sektors in den letzten zehn Jahren kritisch nachgezeichnet.

Drei-Säulen-Struktur des Bankensektors

Der deutsche Bankensektor hat sich seit Beginn der 2000er Jahre kontinuierlich konsolidiert, vor allem im Bereich der Genossenschafts- und Landesbanken, wobei die Konsolidierung der Landesbanken durch die Krise beschleunigt wurde. Die Zahl der Kreditinstitute ist von 3000 (2000) auf 2053 (2012) gesunken. Trotzdem ist diese Zahl weiterhin hoch: 2,5 auf 100 000 Einwohner in Deutschland gegenüber 1,0 in Frankreich. Gleichzeitig ist die Konzentration des deutschen Bankensektors gering: Die Bilanzsumme der fünf größten Banken entspricht nur der Hälfte des gesamten Bankensektors, während sie bei den fünf größten Banken in Frankreich rund 80% des Sektors umfasst.

Der deutsche Bankensektor weist dabei eine Drei-Säulen-Struktur auf:

  • Derzeit existieren 295 private Banken, darunter nur zwei internationale Großbanken (Deutsche Bank und Commerzbank). Die Deutsche Bank ist das einzige deutsche Institut auf der Liste der 28 als global systemrelevant eingestuften Banken.1
  • Bei den öffentlich-rechtlichen Instituten handelt es sich einerseits um die Sparkassen (insgesamt 423), die sich in kommunaler Trägerschaft befinden, und andererseits um die Landesbanken, die als Dienstleister und Girozentralen der Sparkassen fungieren und von den Ländern und Sparkassen getragen werden. Ferner besitzen die Sparkassen ein bundesweit tätiges Wertpapierhaus, die Dekabank.
  • Die 1102 Genossenschaftsbanken und ihre beiden genossenschaftlichen Zentralbanken (DZ Bank und WGZ Bank) gehören ihren Mitgliedern (vgl. Kasten 1).

Neben diesen drei Säulen stehen Förderbanken (insbesondere die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), nach Bilanzsumme die drittgrößte deutsche Bank), Realkreditinstitute und Bausparkassen. Der Marktanteil nach Bilanzsumme der privaten Geschäftsbanken ist mit 39% relativ niedrig (vgl. Abbildung 1). Legt man die Kreditversorgung der Wirtschaft (Unternehmen und private Haushalte) zugrunde, fällt ihr Anteil sogar noch niedriger aus (29%). Der Marktanteil privater Banken an der Kreditvergabe ausschließlich an Unternehmen beträgt nur 27%, während 40% der Unternehmenskredite von öffentlich-rechtlichen Instituten vergeben werden. Die hohe Zahl der Institute trägt zu einer großen Konkurrenz auf dem heimischen Markt bei, aber auch zu einer strukturell schwachen Rentabilität der deutschen Banken.2

Kasten 1
Sicherungseinrichtung der Genossenschaftsbanken

Die Unterteilung des Bankensektors in drei Säulen findet sich in dem komplexen System der Einlagensicherung wieder. Sparkassen und Genossenschaftsbanken nehmen z.B. nicht am gemeinsamen Einlagensicherungssystem teil, da sie ihre eigenen Sicherungseinrichtungen entwickelt haben. Die 1934 ins Leben gerufene Sicherungseinrichtung der Genossenschaftsbanken ist die älteste. Dieses System, das aus mehreren regionalen Garantiefonds und einem bundesweiten Garantieverbund besteht, sichert nicht unmittelbar die Einlagen der Privatkunden und Nicht-Finanzunternehmen ab, sondern garantiert das Überleben der einzelnen Institute dadurch, dass ihre Zahlungsunfähigkeit gesamtschuldnerisch verhindert wird. Bis zum heutigen Tag hat es innerhalb dieses Verbundes weder Verluste bei den Spareinlagen noch Insolvenzen gegeben. Dieses System sieht präventive Maßnahmen zur Bilanzsanierung bei Mitgliedsbanken, die in Schwierigkeiten geraten, vor. Die von den Genossenschaftsbanken zu entrichtenden jährlichen Beiträge orientieren sich an ihren risikogewichteten Aktiva und ihren Ratings innerhalb des Verbundes. Wird ein Fonds für unzureichend erachtet, kann die Hauptversammlung der Genossenschaftsbanken eine Erhöhung der Beiträge beschließen.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Marktanteile des Bankensektors nach Bilanzsumme
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Quelle: Bundesbank, April 2013.

 

Organisation der Bankenaufsicht

Die Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beaufsichtigen gemeinsam die Banken, Versicherungen und Finanzmärkte. Die BaFin, die der Rechts- und Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums (BMF) untersteht, kann Banklizenzen erteilen und einziehen und darf gegebenenfalls Sanktionen gegen Banken verhängen. Das BMF hat der BaFin eine Regelungsbefugnis übertragen, aufgrund derer sie Verordnungen und Rundschreiben herausgeben darf. Das Direktorium der BaFin besteht aus einem Präsidenten und vier Exekutivdirektoren. Sie werden auf Vorschlag der Bundesregierung durch den Bundespräsidenten für die Dauer von acht Jahren ernannt. Der zweimal jährlich tagende Verwaltungsrat der BaFin setzt sich aus 17 Mitgliedern zusammen, die gemäß dem Gesetz zur Stärkung der deutschen Finanzaufsicht vom 28.11.2012 vom BMF berufen werden: fünf Bundestagsabgeordnete, sechs Vertreter aus den Bundesministerien und sechs Finanzmarktexperten. Ein Vertreter der Bundesbank darf an den Sitzungen teilnehmen, ist aber nicht stimmberechtigt. Zwei Gremien unterstützen die BaFin: der Fachbeirat und der Verbraucherbeirat.

Neben der BaFin ist auch die Bundesbank für die Bankenaufsicht zuständig: Sie wertet die von den Banken übermittelten Informationen aus (Monatsberichte, Angaben zu Risikoexpositionen usw.) und übermittelt ihre Empfehlungen an die BaFin. Ein Vorstandsmitglied der Bundesbank ist für die Bankenaufsicht zuständig (ihm unterstehen 180 Bedienstete in der Zentrale und 800 Bedienstete in den Außenstellen der Bundesbank). Die Zusammenarbeit zwischen BaFin und Bundesbank ist in den Leitlinien aus den Jahren 2003 und 2008 geregelt. Mit dem Gesetz zur Stärkung der deutschen Finanzaufsicht aus dem Jahr 2012 werden diese beiden Behörden darüber hinaus zum Informationsaustausch verpflichtet.

Kontinuierliche Konsolidierung bis zur Finanzkrise

Im Bereich der privaten Geschäftsbanken erwarb die Commerzbank, die zweitgrößte deutsche Bank, 2005 den Immobilienfinanzierer Eurohypo (elftgrößte deutsche Bank). Im August 2008 wurde insbesondere das damals drittgrößte Institut Deutschlands, die Dresdner Bank, übernommen. Die Deutsche Bank übernahm ihrerseits 2006 die Berliner Bank und die Norisbank sowie ab September 2008 sukzessive die Postbank (die Nr. 13 der deutschen Institute).

Bei den Landesbanken gab es mehrere umfassende Konsolidierungsvorhaben, die jedoch immer wieder an divergierenden Interessen der Länder scheiterten. Einige Fusionen fanden dennoch statt: Die Landesbanken von Schleswig-Holstein und Hamburg sind 2002 zur HSH Nordbank verschmolzen, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) übernahm 2004 die Landesbank Rheinland-Pfalz und Ende 2007 die SachsenLB, ein frühes Opfer der Subprime-Krise. Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben, unabhängig von der Krise, einen langfristig angelegten Konsolidierungsprozess durchlaufen. Die Zahl der Sparkassen hat sich von 563 im Jahr 2000 auf heute 423 und die Zahl der Genossenschaftsbanken von 1796 im Jahr 2000 auf heute 1102 reduziert.

Deutscher Bankensektor besonders hart getroffen

Die Finanzkrise traf die deutschen Banken zwischen 2007 und 2009 besonders hart. Sie erlitten während dieses Zeitraums 40% der innerhalb der Eurozone verzeichneten Verluste und Wertberichtigungen,3 obwohl ihre Bilanzsumme nur 25% aller Banken betrug.4 Deutschland galt zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts wegen seiner schlechten wirtschaftlichen Lage als "kranker Mann Europas". Von 2001 bis 2005 war seine Wirtschaftstätigkeit, fast ausschließlich durch den Außenhandel getragen, deutlich weniger dynamisch als die der Eurozone. Das BIP stagnierte 2002 und verringerte sich 2003 um 0,4%. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war kritisch, die Arbeitslosigkeit stieg und betraf 2005 mehr als 11% der Erwerbsbevölkerung. Darüber hinaus herrschte Flaute im Immobiliensektor, die Preise blieben im Betrachtungszeitraum stabil, die Transaktionsvolumina waren niedrig und die Unternehmen zeigten eine geringe Investitionsneigung.5 Vor diesem Hintergrund stagnierte die Kreditvergabe an den privaten Nicht-Finanzsektor in Deutschland von Ende 2000 bis Ende 2005. Da die heimische Wirtschaft kein Wachstumsmotor war und die Margen wegen der großen Konkurrenz nicht gesteigert werden konnten, versuchten die deutschen Banken zunehmend, Einkünfte im Ausland zu erzielen.

Hinzu kam die Sondersituation der Landesbanken:

  • Die Europäische Kommission hat 2001 entschieden, die unbegrenzte Haftung der Länder für die Landesbanken ab 2005 zu unterbinden. Wie aus Abbildung 2 deutlich wird, zogen die Landesbanken daher ihre Refinanzierungsgeschäfte auf 2004 und 2005 vor, um die staatliche Garantie bis zum Schluss zu nutzen. Auf diese Weise verfügten sie ab 2004 über eine hohe Liquidität. Nach Fischer et al.6 entfielen zwischen 2001 und 2005 die höchsten Refinanzierungsvolumina auf die Landesbanken, die ein schlechteres Rating und somit eine Verteuerung ihrer Finanzierungsmöglichkeiten antizipierten. Zwar stellten sie ihr Kreditportfolio vor 2005 nicht um, aber danach vergaben sie Kredite an Kunden mit höherem Risiko zu niedrigeren Zinsen.
  • Bis 2001 waren die Landesbanken der verlängerte "Finanzarm" der Länder und auch heute bestehen noch enge Beziehungen zwischen den Landesregierungen und den Landesbanken.7
  • Die HSH Nordbank und in geringerem Maße die NordLB haben sich stark auf den Bereich der Schiffsfinanzierung spezialisiert, einen Sektor mit naturgemäß hoher Volatilität.
Abbildung 2 (zurück zum Text)
Anleiheemissionen der Landesbanken

Aggregierte Volumina in Mrd. Euro

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Quelle: M. Fischer, C. Hainz, J. Rocholl, S. Steffen: Government Guar­antees and Banking Risk Taking Incentives, in: ifo Schnelldienst, Nr. 18/2012.

 

Deutsche Banken investierten überdurchschnittlich in strukturierte Produkte, vor allem in den USA.8 Nach einer Analyse von Moody's vom Juni 2007 soll die private IKB9 aus Düsseldorf, eine Mittelstandsbank, die nach Bilanzsumme (52 Mrd. Euro) die Nr. 32 unter den deutschen Banken war, noch vor der SachsenLB und der Deutschen Bank mit 19,5 Mrd. US-$ der größte deutsche Investor in forderungsbesicherten Wertpapieren (Asset-Backed Commercial Papers, ABCP) gewesen sein (vgl. Abbildung 3). Die Banken versuchten auch Einkünfte in den Ländern der Eurozone zu erzielen, die damals ein starkes Wachstum verzeichneten, vor allem in Spanien und Irland. Das Engagement des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) in Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland belief sich Ende 2009 auf 20,3% seiner Bilanzsumme.10 Die HRE übernahm vor allem 2007 den irischen Immobilienfinanzierer Depfa.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Investitionen in Asset-Backed Commercial Papers

in Mrd. US-$

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Quelle: Moody's, German banking system: regional focus. Special comment, 2007, zitiert durch M. Puri, J. Rocholl, S. Steffen: Global retail lending in the aftermath of the US financial crisis: Distinguishing between supply and demand effects, in: Journal of Financial Economics, 100. Jg. (2011), H. 3, S. 556-578.

 

Auswirkungen der Finanzkrise auf den Bankensektor

Die private IKB und die SachsenLB gehörten zu den ersten Banken, die von der Subprime-Krise im Sommer 2007 getroffen wurden. Die durch die Pleite von Lehman Brothers im September 2008 ausgelöste Finanzkrise wirkte sich dann auf den gesamten deutschen Bankensektor negativ aus (die Verluste vor Steuern der zwölf größten Banken betrugen 2008 nach Angaben der Bundesbank 23,7 Mrd. Euro, vgl. Tabelle 1). Der Bund, die KfW und die Anteilseigner der Landesbanken (Länder und Sparkassen) retteten 2008 alle angeschlagenen Banken. Der Bankenrettungsfonds (SoFFin) wurde im Oktober 2008 eingerichtet und mit einem Höchstbetrag von 480 Mrd. Euro ausgestattet: 80 Mrd. Euro für Eigenkapital und 400 Mrd. Euro für Garantien. Die Commerzbank, die HRE und die WestLB erhielten Eigenkapitalspritzen vom SoFFin; darüber hinaus übernahm der SoFFin Bürgschaften für die HRE, die IKB, die Commerzbank sowie für die Landesbanken HSH Nordbank und BayernLB. Die Eigenkapitalspritzen erreichten im Laufe des Jahres 2010 einen Höchststand von 29,4 Mrd. Euro (darunter 18,2 Mrd. Euro für die Commerzbank, 7,7 Mrd. Euro für die HRE und 3 Mrd. Euro für die WestLB) und die übernommenen Garantien einen Wert von 168 Mrd. Euro (darunter 124 Mrd. Euro für die HRE, 24 Mrd. Euro für die HSH Nordbank, 10 Mrd. Euro für die IKB und jeweils 5 Mrd. Euro für die BayernLB und die Commerzbank). Seitdem haben die Banken praktisch alle Garantien an den Bund zurückgegeben und die Commerzbank hat einen Großteil der erhaltenen Finanzhilfen unter anderem durch Kapitalerhöhungen zurückgezahlt. Ende Juli 2013 betrugen die Kapitalbeteiligungen des SoFFin 17,1 Mrd. Euro (darunter 9,8 Mrd. Euro an der HRE, 5,1 Mrd. Euro an der Commerzbank und 2 Mrd. Euro an der Portigon, der ehemaligen WestLB). Somit ist der Bund heute zu 100% an der HRE und zu 17,2% an der Commerzbank beteiligt.11

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Ergebnisse der größten deutschen Banken

in Mrd. Euro

Operative Erträge davon Zinsüberschuss davon Provisions-überschuss davon Handelsergebnis Risikovorsorge im Kreditgeschäft Verwaltungs-aufwand Ergebnis vor Steuern
2008

35,2

36,7

18,6

-20,1

-10,9

-38,5

-23,7
2009

67,3

39,1

17,5

10,6

-20,9

-44,1

-5,0
2010

64,9

39,1

19,3

6,6

-7,7

-45,6

9,0
2011

63,2

38,6

18,9

5,7

-4,4

-45,8

9,6
2012

62,4

35,1

18,4

8,9

-6,5

-47,9

6,0

Quelle: Bundesbank, zwölf Banken bis 2010, elf Banken ab 2011.

 

Darüber hinaus mussten zwei Bad Banks gegründet werden, eine für die ehemalige WestLB (vgl. Kasten 2) zulasten des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Sparkassen, und die andere für die HRE zulasten des Bundes. Die Wertpapier-Portfolios dieser beiden Bad Banks betrugen Ende 2012 143 Mrd. Euro bzw. 137 Mrd. Euro. Seit Gründung im Oktober 2008 verbuchte der SoFFin einen insgesamt aufgelaufenen Fehlbetrag von 21,5 Mrd. Euro12 bei einem Überschuss von 580 Mio. Euro im Jahr 2012. Die Möglichkeit, auf den SoFFin zurückzugreifen, wurde vom Bundestag bis Ende 2014 verlängert. Ferner wurde die IKB 2007 und 2008 gerettet, im Wesentlichen durch die Unterstützung der KfW, die die mit der Rettung zusammenhängenden Verluste auf 8,2 Mrd. Euro beziffert. Diese Rettungsaktion belastete auch den Bundeshaushalt, weil der Bund hierfür 2008 1,2 Mrd. Euro an die KfW überweisen musste. Die IKB wurde im August 2008 an den US-Fonds Lone Star verkauft.

Schließlich unterstützten die Länder, die ein Eingreifen des Bundes in die Landespolitik begrenzen wollten, die strauchelnden Landesbanken 2008 massiv. So übernahmen die Anteilseigner (Länder und Sparkassen) Finanzspritzen in Höhe von 20 Mrd. Euro, 17 Mrd. Euro wurden dabei von den Ländern zur Verfügung gestellt:13 10 Mrd. Euro für die BayernLB durch den Freistaat Bayern, 5 Mrd. Euro für die LBBW durch Baden-Württemberg und die Sparkassen, 3 Mrd. Euro für die HSH Nordbank durch Hamburg und Schleswig-Holstein und 2 Mrd. Euro für die WestLB durch Nordrhein-Westfalen und die Sparkassen. Laut Eurostat wirkten sich die kumulierten Finanzhilfen von 2008 bis 2012 in Höhe von 42,5 Mrd. Euro,14 also 1,6% des BIP, auf das deutsche Maastricht-Defizit aus. Die Auswirkungen auf die deutsche Schuldenstandsquote beliefen sich Ende 2012 auf 11,2% des BIP.15 Das BMF rechnet damit, dass sich diese Auswirkungen bis Ende 2017 auf 6,0% des BIP reduzieren.

Beschleunigter Konsolidierungsprozess seit 2008

Wie die meisten europäischen Banken bauen auch die deutschen Banken ihre Verschuldung ab (Deleveraging), um den neuen Aufsichtsregeln gerecht zu werden, die Stresstests der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde zu bestehen und, in einigen Fällen, um den Anforderungen der Europäischen Kommission im Rahmen der Beihilfeverfahren nachzukommen. Zwei Aspekte sind für das Deleveraging in Deutschland charakteristisch:

  1. Das Engagement im Ausland ist vor allem betroffen, da die deutschen Banken vor der Krise massiv außerhalb Deutschlands investierten. Das Auslandsengagement der deutschen Banken erreichte 2006 seinen Höhepunkt und hat sich danach deutlich zurückentwickelt: 22% der Bilanzsumme heute gegenüber 30% Ende 2006 und 14% Ende 1998.16
  2. Außerdem hat die Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission eine entscheidende Rolle bei der Neuausrichtung der Bankenlandschaft gespielt. Als Gegenleistung für die Beihilfen des Bundes und der Länder forderte sie eine Bilanzreduzierung von rund 85% bei der HRE, eine Bilanzreduzierung der Commerzbank durch den Rückzug ihrer Tochter Eurohypo aus dem Markt, eine Bilanzreduzierung um 50% bei der BayernLB und um jeweils 40% bei der LBBW und der HSH sowie die Abwicklung der WestLB.

Die Commerzbank kündigte Ende 2011 an, sich auf die Kernmärkte Deutschland und Polen konzentrieren zu wollen, und beschloss Mitte 2012 den Rückzug aus der Schiffsfinanzierung. Sie übertrug einen Teil der Nicht-Kernaktivitäten (Portfolio der ehemaligen Eurohypo, Schiffs- und Staatsfinanzierung, d.h. Papiere im Wert von 139 Mrd. Euro Ende 2012) auf eine Abbaueinheit. 2012 wurde die ukrainische Tochter Bank Forum verkauft. 2013 veräußerte sie ihre Depotbank an BNP Paribas Securities Services. Ihre Bilanzsumme belief sich Ende 2012 auf 636 Mrd. Euro, 25% weniger als Ende 2009. Darüber hinaus einigten sich Vorstand und Betriebsrat der Commerzbank im Juni 2013 auf einen Umstrukturierungsplan: Bis 2016 will die zweitgrößte deutsche Bank 5200 Stellen abbauen, das entspricht einer Personalkürzung um 11,5%.17

Die Bilanzsumme der HRE reduzierte sich nach der Auslagerung eines Teils ihrer Papiere in die Bad Bank FMS Wertmanagement (137 Mrd. Euro Ende 2012) stark. Ende 2012 betrug sie 169 Mrd. Euro gegenüber 420 Mrd. Euro Ende 2008. Die HRE konzentriert sich auf die Geschäftstätigkeit ihrer strategischen Kernbank in Deutschland (pbb – Deutsche Pfandbriefbank AG in München). Nach dem Beschluss der Kommission vom 18.7.2011 "befindet sich die andere große Tochtergesellschaft der HRE Holding, die Depfa Bank plc., im Ablauf und betreibt kein Neugeschäft".18 Die HRE ihrerseits möchte die Depfa bis 2014 reprivatisieren.

Die größte Landesbank, LBBW, veräußerte im September 2012 insbesondere ihre Anteile an der Versicherungs- und Bausparkassengruppe Wüstenrot & Württembergische. Die Bank reduzierte ihre Bilanzsumme gegenüber 2008 um 25% auf 336 Mrd. Euro Ende 2012. Die BayernLB trennte sich von ihren Anteilen an der Lufthansa, an ihren Immobilientöchtern DKB Immobilien und GBW und an der Bausparkasse LBS. Ihre Bilanzsumme sank gegenüber 2008 bereits um 32% auf 287 Mrd. Euro Ende 2012. Die HSH Nordbank, die auf die Schiffsfinanzierung spezialisiert ist und von den Schwierigkeiten dieser Branche hart getroffen wurde, reduzierte ihre Bilanzsumme gegenüber 2008 um 37% auf 131 Mrd. Euro.19

Darüber hinaus hat die Sparkassengruppe, der der Vermögensverwalter Dekabank und die Landesbank Berlin (LBB) angehören, eine organisatorische Straffung beschlossen. Die LBB (5740 Beschäftigte) wird daher in drei Einheiten aufgespalten: Die Dekabank übernimmt von der LBB das Kapitalmarktgeschäft und die Vermögensverwaltung (240 Beschäftigte), die Immobilienfinanzierungstochter Berlin Hyp (600 Beschäftigte) wird ein eigenständiges Institut und die übrig gebliebene LBB (4900 Beschäftigte) wird in eine Sparkasse des Landes Berlin umgewandelt. Sie muss dabei 900 Stellen kürzen. Deutschland zählt nur noch sechs Landesbanken (LBBW, BayernLB, NordLB,20 Helaba, HSH Nordbank und SaarLB) gegenüber elf im Jahr 2000. Die Beteiligung der Länder fällt heute je nach Landesbank sehr unterschiedlich aus (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2 (zurück zum Text)
Kapitalstruktur der Landesbanken

in %

Länder Sparkassen bzw. Sparkassen-

verbände

andere
LBBW

41

40

19 (Stuttgart)
BayernLB

75

25

NordLB

62

38

Helaba

12

88

HSH Nordbank

85

5

9 (US-Fonds JC Flowers)
SaarLB

35

15

49,9 (BayernLB)

Quelle: Geschäftsberichte der Banken.

 

Die Deutsche Bank setzte mit der Übernahme der Privatbank Sal. Oppenheim 2009 ihre Einkaufstour fort. Aber sie hat auch eine Entschuldungsstrategie entwickelt, indem sie Ende 2012 nicht strategische Vermögenswerte in Höhe von 122 Mrd. Euro in eine Abbau-Einheit auslagerte, die diese veräußern sollte. Zwar reduzierte sich die Bilanzsumme innerhalb eines Jahres um 6% auf 2022 Mrd. Euro Ende 2012, aber es ist wegen der Auswirkungen der Derivate auf die Bilanz schwierig, die Intensität des Deleveragings zu beurteilen.

Alle zwölf betroffenen deutschen Banken bestanden den Stresstest der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) im Jahr 2012.21 Die Quote an hartem Kernkapital (Core Tier 1 in der Definition der EBA) belief sich Ende Juni 2012 (im arithmetischen Mittel) auf 11,6% gegenüber 10,7% Ende September 2011. Dieses Ergebnis wurde innerhalb von neun Monaten durch eine Erhöhung des Eigenkapitals um 11,2% (d.h. 13 Mrd. Euro) und eine Reduzierung der risikogewichteten Aktiva um 7,9% (d.h. 101 Mrd. Euro) erreicht. Die Stresstests der EBA verstärkten diesen Entschuldungsprozess und beschleunigten die Umwandlung stiller Einlagen in hartes Kernkapital. Die Leverage-Ratio deutscher Banken ist jedoch im internationalen Vergleich weiterhin hoch.22 Schließlich geht das Deleveraging mit einem Personalabbau einher: Nach Angaben des AGV Banken ging die Zahl der Beschäftigten im Bankensektor 2012 um 0,7% auf 648 950 Beschäftigte zurück. Dieser Rückgang betraf vor allem die privaten Geschäftsbanken (-2,0% auf 172 900 Beschäftigte). Dieser Prozess wird seit etwa zehn Jahren regelmäßig fortgesetzt mit einem Personalabbau von insgesamt rund 15% gegenüber dem Jahr 2000: -26% bei den privaten Geschäftsbanken, -11% bei den öffentlich-rechtlichen Instituten und -9% bei den Genossenschaftsbanken.

Heterogene Ergebnisse im Jahr 2012

Nach Angaben der Bundesbank reduzierte sich das Ergebnis der elf größten deutschen Banken 2012 nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) auf 6,0 Mrd. Euro gegenüber 9,6 Mrd. Euro im Jahr 2011 (vgl. Tabelle 1). Die operativen Erträge der Banken blieben 2012 relativ stabil: Zwar stieg das Handelsergebnis (+3,2 Mrd. Euro) wegen der Erholung an den Börsen, der Zinsüberschuss hingegen ging aufgrund des sinkenden Zinsniveaus zurück (-3,5 Mrd. Euro). Die Ergebnisse wurden durch höhere Risikovorsorge im Kreditgeschäft (+2,1 Mrd. Euro) vor dem Hintergrund des konjunkturellen Abschwungs und der Krise in der maritimen Wirtschaft und durch höheren Verwaltungsaufwand (+2,1 Mrd. Euro) gedrückt.

Im Oktober 2012 bewertete Moody's den Ausblick für den deutschen Bankensektor negativ (39 untersuchte Banken, 85% des Sektors nach Kreditvergabe). Die Ratingagentur führte zur Rechtfertigung dieser Entscheidung vier wesentliche Gründe an: Erstens schrumpfen die in Deutschland ohnehin strukturell schwachen Margen vor dem Hintergrund eines verschärften Wettbewerbs auf dem heimischen Markt und einer nur moderat steigenden Kreditnachfrage weiter. Zweitens verlangsamt sich die Wirtschaftstätigkeit, was die Betriebsergebnisse belastet. Weiterhin lässt sich eine tendenzielle Verschlechterung der finanziellen Situation der Banken feststellen (höhere Risikokosten, geringere Qualität der Aktiva). Und schließlich würde der Bankensektor einen neuerlichen Schock wegen des hohen Verschuldungsgrades nur schwer verkraften. Ende 2012 ist die Situation der deutschen Banken heterogen. Das Ergebnis der Deutschen Bank wurde durch Aufwendungen für Rechtsstreitigkeiten (vor allem Verfahren in den USA) und das Ergebnis der Commerzbank durch die Krise der maritimen Wirtschaft und die Kosten für den Umstrukturierungsplan gedrückt. Die Ergebnisse der HSH Nordbank und der NordLB wurden ebenfalls durch Abschreibungen im Bereich der Schiffsfinanzierung belastet. Die HSH Nordbank, die sich stark auf diesen Bereich spezialisiert hat, ist jedoch die einzige Landesbank, die 2012 einen Verlust auswies.

Umgekehrt stiegen die Gewinne der Landesbanken in Mittel- und Süddeutschland (BayernLB, Helaba, LBBW) 2012 stark, obwohl die BayernLB hohe Risikorückstellungen für ihre ungarische Tochter MKB bilden musste und die Helaba Aufwendungen im Zusammenhang mit der Übernahme der Verbundbank verzeichnete. Die KfW erzielte das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte und das beste Ergebnis der deutschen Banken, vor allem wegen der niedrigen Refinanzierungskosten am Markt. Die Sparkassenverbände (einschließlich der Dekabank) und die Genossenschaftsbanken (einschließlich der DZ Bank und der WGZ Bank) konnten seit der Krise Marktanteile hinzugewinnen und verzeichnen steigende Gewinne. Und die Hypovereinsbank, eine Tochter der italienischen Unicredit, erzielte 2012 das beste Ergebnis der privaten Geschäftsbanken in Deutschland.

Finanzierung der Realwirtschaft durch die Banken

Für die Unternehmensfinanzierung steht seitens der Banken wegen der Vielzahl der Akteure und der Neuausrichtung auf den heimischen Markt ein großes Angebot zur Verfügung. In einem Interview mit der Börsen-Zeitung vom 14.6.2013 zeigte sich die damalige Vizepräsidentin der Bundesbank Sabine Lautenschläger beunruhigt über den scharfen Wettbewerb im Mittelstandskreditgeschäft, das bei den Banken als "unheimlich sexy" gelte: "es stürzen sich 2000 Institute auf den Mittelstand, so dass man sich fragen muss, ob es dafür überhaupt genügend deutsche Mittelständler gibt." Die Kreditnachfrage ist nämlich seit der Finanzkrise schwach. So bauten deutsche Unternehmen 2012 erstens ihre Vorräte ab (Wachstumsbeitrag von -0,5%) und reduzierten ihre Investitionen (die Bruttoinvestitionen sind real um 4,9% gesunken). Zweitens griffen sie auf andere Finanzierungsmodalitäten zurück: Eigen- und Anleihefinanzierung (das Engagement von nicht finanziellen Kapitalgesellschaften auf den Anleihemärkten stieg Ende 2012 im Jahresvergleich um 10,1% nominal). Insgesamt stieg die Kreditvergabe an den nicht finanziellen Kapitalgesellschaften 2012 nur um 0,6% nominal.

Nach zehn Jahren der Quasi-Stagnation steigt hingegen seit zwei Jahren die Vergabe von Immobilienkrediten an private Haushalte (+1,9% im Jahr 2012) vor dem Hintergrund steigender Immobilienpreise. So prognostizierte die Bundesbank23 eine Preissteigerung für Neubau-Immobilien von insgesamt 3% bis 4% (nach +2,7% im Jahr 2011) bzw. von 11% (nach +9,1% im Jahr 2011) in den sieben größten Städten. Die Finanzierungskosten haben übrigens wegen der niedrigen Zinssätze der Bundesanleihen und des 3-Monats-Euribor ihren niedrigsten Stand seit 2003 (Beginn der statistischen Reihe) erreicht: 2,19% für nicht finanzielle Kapitalgesellschaften (ohne Überziehungszinsen) und 2,28% für Immobilienkredite an private Haushalte Ende 2012.

Schlussfolgerung

Nach Verlusten bei Auslandsengagements zeichnet sich die gegenwärtige Strategie der deutschen Banken durch eine Neuausrichtung auf den heimischen Markt aus. Dieser verschärfte Wettbewerb, der grundsätzlich positiv zu bewerten ist, dürfte vor dem Hintergrund einer verhältnismäßig wenig dynamischen Kreditnachfrage zu einer Fortsetzung des Konsolidierungsprozesses führen. Vor allem setzen die Landesbanken ihre Bilanzreduzierung nach den Vorgaben der Europäischen Kommission fort, aber es scheint wenig wahrscheinlich, dass sich ihre Zahl, die sich innerhalb von zehn Jahren halbiert hat, kurzfristig weiter verringert. Ferner üben die Verbände kleinerer Institute (Sparkassen und Genossenschaftsbanken) aufgrund ihres Gewichts bei der Finanzierung der deutschen Realwirtschaft einen starken politischen Einfluss auf nationaler und europäischer Ebene aus. So werden die Besonderheiten ihrer Sicherungseinrichtungen in den laufenden europäischen Verhandlungen zu den Einlagensicherungssystemen berücksichtigt.


Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift "La Revue d'économie financière Nr. 111" im Oktober 2013 auf Französisch veröffentlicht. Der Autor dankt Jean Boissinot und Emmanuel Massé für ihre Anmerkungen und Anita Gandon, Lucie Petit und Sabine Lanver für ihre Hilfe. Er gibt nur seine eigenen Ansichten wieder.

  • 1 Financial Stability Board (FSB): Update of group of global systemically important banks (G-SIBs), 2012.

  • 2 C. Choulet: Banques allemandes: des failles exacerbées par la crise, BNP Paribas Economic Research, Paris 2009; Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2012/13, Wiesbaden 2012; IWF: Artikel IV-Konsultationen mit Deutschland, Länderbericht, Nr. 13/255, 2013.

  • 3 C. Choulet, a.a.O.

  • 4 Nach Angaben der EZB.

  • 5 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Deutschland muss mehr in seine Zukunft investieren, in: DIW Wochenbericht, Nr. 26/2013.

  • 6 M. Fischer, C. Hainz, J. Rocholl, S. Steffen: Government Guarantees and Banking Risk Taking Incentives, in: ifo Schnelldienst, Nr. 18/2012.

  • 7 M. Puri, J. Rocholl, S. Steffen: Global retail lending in the aftermath of the US financial crisis: Distinguishing between supply and demand effects, in: Journal of Financial Economics, 100. Jg. (2011), H. 3, S. 556-578.

  • 8 V. Acharya, P. Schnabl: Do Global Banks Spread Global Imbalances? Asset-Backed Commercial Paper during the Financial Crisis of 2007-09, in: IMF Economic Review, 58. Jg. (2010), H. 1, S. 37-73.

  • 9 An der die Kreditanstalt für Wiederaufbau zu 38% beteiligt war.

  • 10 Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2010/11, Wiesbaden 2010.

  • 11 Laut Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (FMSA).

  • 12 Fair-Value-Methode wie für die Bilanzierung vom Handelsgesetzbuch vorgeschrieben, einschließlich Ausgleich der Verluste der beiden Bad Banks in Höhe der Beteiligung des Bundes.

  • 13 Daneben übernahmen die Länder auch Garantien für die Landesbanken.

  • 14 Diese Zahl ist nicht unmittelbar mit dem Fehlbetrag des SoFFin vergleichbar; vgl. Eurostat supplementary table for the financial crisis.

  • 15 Bundesministerium der Finanzen (BMF): Deutsches Stabilitätsprogramm, Berlin 2013.

  • 16 Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2012/13, a.a.O.

  • 17 Vgl Frankfurter Allgemeine Zeitung: Commerzbank bestätigt Abbau von 5200 Stellen, 19.6.2013.

  • 18 Europäische Kommission: Staatliche Beihilfen: Kommission genehmigt Umstrukturierungsplan und Beihilfen für die Hypo Real Estate, Brüssel 2011.

  • 19 Vgl. HSH Nordbank: Geschäftsbericht 2011.

  • 20 Darunter die BremenLB, eine 100%ige Tochter der NordLB.

  • 21 Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin): Jahresbericht 2012, Bonn 2012.

  • 22 Siehe IWF, a.a.O.

  • 23 Vgl. Deutsche Bundesbank: Finanzstabilitätsbericht 2012, Frankfurt a.M. 2012.

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Die Abwicklung der WestLB

Die WestLB (4400 Beschäftigte Ende 2011) war seit ihrer Gründung im Jahr 1969 bis 2000 die größte Landesbank. Sie konkurrierte mit den größten privaten Geschäftsbanken Deutschlands und finanzierte die industriepolitischen Vorhaben des Landes Nordrhein-Westfalen. Schnell wuchs sie über ihre Funktion als Dienstleister und Girozentrale der Sparkassen hinaus und bot ihren Kunden die Dienstleistungen einer Geschäftsbank auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene an. Die WestLB stützte sich bei der Diversifizierung ihrer Tätigkeiten mit dem Ziel, eine international tätige Finanzierungs- und Investitionsbank zu werden, auf die politische Unterstützung und die finanzielle Garantie des Landes. Es wurden Beteiligungen an zahlreichen deutschen und internationalen Unternehmen erworben. So war sie 1996 zu 100% an dem britischen Reiseveranstalter Thomas Cook und zu 30% an der deutschen Touristikgruppe TUI beteiligt. Sie verfügte über Vertretungen in 13 Ländern. Aber Ende der 1990er Jahre traten die ersten Probleme auf. 1998 machte ihr die Rubelkrise zu schaffen, und sie verbuchte zu Beginn der 2000er Jahre erhebliche Verluste aus Beteiligungen in Deutschland (Babcock), den USA (Enron, Worldcom und Boullioun) und in Großbritannien (Boxclever). Die Verluste betrugen vor Steuern 1,7 Mrd. Euro (2002), 1,8 Mrd. Euro (2003) und 1,0 Mrd. Euro (2004). Darüber hinaus musste sie 2002 wegen des EU-Wettbewerbsrechts ihre öffentliche Tätigkeit von der Geschäftsbankentätigkeit abspalten: Dies führte zur Gründung der Förderbank NRW-Bank, die die wirtschaftliche Entwicklung des Landes fördert. Die WestLB nutzte wie die anderen Landesbanken die Übergangszeit von 2001 bis 2005, um sich zu niedrigen Zinsen zu refinanzieren und in strukturierte Produkte (vgl. Abbildung 3) und in die Peripheriestaaten der Eurozone zu investieren. 2007 erklärte die Bank, dass sie durch Eigenhandel mit VW-, Metro- und BMW-Aktien 600 Mio. Euro Verlust gemacht habe und verbuchte einen Verlust vor Steuern in Höhe von 1,5 Mrd. Euro.1

Die WestLB gehörte nach der IKB und der SachsenLB zu den ersten deutschen Instituten, die von der Finanzkrise getroffen wurden. Anfang 2008 lagerte sie risikobehaftete Wertpapiere im Wert von 23 Mrd. Euro in eine interne Bad Bank, die Zweckgesellschaft Phoenix mit Sitz in Irland, aus; dafür verfügte sie über Garantien in Höhe von 5 Mrd. Euro (rund 4 Mrd. Euro vom Land NRW und 1 Mrd. Euro von den Sparkassen). Im November 2009 brachte der Bund über den SoFFin 3 Mrd. Euro in Form einer stillen Einlage in die WestLB ein. Die Bad Bank "Erste Abwicklungsanstalt" (EAA) übernahm Papiere im Wert von 77,5 Mrd. Euro, darunter auch Phoenix. Zusätzlich zur Garantie für Phoenix übernahmen die Anteilseigner (Land und Sparkassen) eine Garantie von rund 9 Mrd. Euro (jeweils 4,5 Mrd. Euro). Darüber hinaus gilt eine unbegrenzte Bürgschaft des Landes und des Bundes. Die EAA muss den Verkauf der Papiere bis Ende 2027 abwickeln.

Am 20.12.2011 genehmigte die EU-Kommission den Abwicklungsplan für die WestLB bis Ende Juni 2012 als Gegenleistung für die erhaltenen staatlichen Beihilfen.2 Die Bank wurde in drei Geschäftsbereiche unterteilt: eine Bank, die das Sparkassengeschäft übernahm (Verbundbank), eine Vermögensverwaltungs- und Beratungsgesellschaft, Portigon, und die Bad Bank EAA. Die Beteiligten (Land, Sparkassen, Bund und die Landesbank von Hessen-Thüringen, Helaba) einigten sich Ende Juni 2012 abschließend:

  • Helaba (Bilanzsumme: 164 Mrd. Euro 2011) hat die Verbundbank der WestLB (Bilanzsumme: 40 Mrd. Euro, 451 Beschäftigte) übernommen. Neben den 50 Sparkassen aus Hessen und Thüringen wickeln auch 106 Sparkassen aus NRW und elf Sparkassen aus Brandenburg ihre Geschäfte über die Helaba ab, die zur Girozentrale für 40% der Sparkassen in Deutschland wird.
  • Die Beschäftigten verbleiben mehrheitlich in der Vermögensverwaltungs- und Beratungsgesellschaft Portigon, die für die Bad Bank tätig ist und bis Ende 2016 verkauft bzw. bis Ende 2017 abgewickelt werden muss. Sie muss die Zahl der Beschäftigten bis 2016 von 4000 auf 1000 reduzieren. Portigon gehört zu 67,8% dem Land NRW und zu 30,5% der NRW-Bank (Beteiligungen in Höhe von insgesamt 2 Mrd. Euro). Der Bund hat der Portigon einen Teil seiner stillen Einlage übertragen (2 Mrd. Euro von 3 Mrd. Euro insgesamt; die übrige 1 Mrd. wurde als Garantie auf die EAA übertragen).
  • Die EAA hat Papiere im Wert von rund 100 Mrd. Euro übernommen, vor allem Papiere der Immobilienfinanzierungstochter Westimmo, die nicht verkauft werden konnte (das Portfolio der EAA umfasste Ende 2012 Papiere im Wert von 143 Mrd. Euro).

In dem Beschluss der Kommission heißt es: "der Niedergang (der WestLB) ist auf die Umstellung ihres Geschäftsmodells von einer Regionalbank, die Serviceleistungen für die Sparkassen erbringt, zu einer Investmentbank, die übermäßige Risiken eingeht, zurückzuführen." Der Landesfinanzminister von NRW hat die Gesamtkosten bis 2027 mit 18 Mrd. Euro beziffert: 3 Mrd. Euro zulasten des Bundes, 9 Mrd. Euro zulasten des Landes und 6 Mrd. Euro zulasten der Sparkassen. Das entspricht ungefähr einem Szenario, wonach sämtliche Einlagen und Garantien des Bundes sowie die Finanzhilfen und Garantien des Landes und der Sparkassen durch die Umstrukturierung und Abwicklung aufgebraucht werden, ohne dass die zusätzlichen unbegrenzten Garantien des Bundes und des Landes in Anspruch genommen würden.

  • 1 Geschäftsberichte der WestLB.

  • 2 Europäische Kommission: Staatliche Beihilfen: Kommission gibt grünes Licht für Zerschlagung der WestLB, Brüssel 2011.

Title: Germany's Banking Sector

Abstract: Although Germany's banking sector has experienced a wave of consolidation, especially since the financial crisis, the country is still home to a high number of banking institutions. When domestic economic activity was sluggish in the mid-2000s, German banks searched for sources of income abroad; some of them have massively invested in structured products. As a consequence, the financial crisis of 2007-2009 has hit German banks harder than those from other eurozone countries. The European Commission has played a key role in restructuring the sector, asking in particular that banks which have received state aid strongly reduce their balance sheets – and ordering the liquidation of one of them. Since 2010 the German banking sector has returned to the profit zone and appears more robust thanks to an increase of equity and a reduction of balance sheets. The leverage ratio remains nevertheless significant, profitability remains low in a context of strong competition on the domestic market, and some banks find themselves deeply affected by the crisis of the shipping sector.

JEL Classification: E51, G21, G28


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