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94. Jahrgang, 2014, Heft 6 · S. 384

Negativer Einlagezins: Das Experiment beginnt

Jens Klose

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat es getan. Als erste große Zentralbank hat sie den Zinssatz für Übernachteinlagen der Geschäftsbanken in den negativen Bereich gesenkt – konkret auf -0,1%. Bereits seit der Einlagezins im Juli 2012 auf 0 gefallen war, wurde über die Einführung eines solchen "Strafzinses" diskutiert. Nun hat sich die EZB im Verbund mit einer Leitzinssenkung und weiteren geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen (Targeted Longer-Term Refinancing Operations, Verlängerung der Vollzuteilung, Aufhebung der Sterilisierung im Securities Markets Programme) schließlich dazu durchgerungen dieses Instrument tatsächlich einzuführen, um so die Kreditvergabe anzukurbeln. Das Experiment beginnt!

Ob es zu einer verstärkten Kreditvergabe kommt, hängt davon ab, ob durch die zusätzlichen Kosten der Übernachtanlage bei der EZB tatsächlich die Kreditgewährung attraktiver wird. Das grundsätzliche Entscheidungskalkül der Banken habe ich in meinem Beitrag in der Dezember-Ausgabe dieser Zeitschrift zu den Lehren aus Dänemark diskutiert. Denn Banken können ihre Liquidität statt auf einem Konto bei der EZB auch in Form von Bargeld selbst halten. Ob eine Absenkung des Einlagezinses um 0,1% überhaupt ausreicht, um hier signifikante Verschiebungen auszulösen, wird erst die Zeit zeigen. Allerdings wird sich dieser Effekt nicht ausschließlich auf den negativen Einlagezins zurückführen lassen, da insbesondere die Targeted Longer-Term Refinancing Operations ebenfalls auf eine Ankurbelung der Kreditvergabe abzielen.

Die EZB hat sich offenbar an den Erfahrungen der dänischen Zentralbank (Danmarks Nationalbank) orientiert, die zwischen Juli 2012 und April 2014 ebenfalls einen negativen Einlagezins festgesetzt hat, um die Aufwertung der dänischen Krone zu stoppen. Im Falle Dänemarks wurden allerdings Ausweichmöglichkeiten geschaffen, indem zwar auf die Einlagefazilität ein negativer Zinssatz erhoben wurde, aber Möglichkeiten erhalten blieben, unverzinste Einlagen auf einem anderen Konto für Überschussliquidität – den Girokonten bei der Zentralbank – zu parken. Dadurch wurde die eigentliche Wirkung des negativen Einlagezinses zumindest teilweise konterkariert. Hier weicht die EZB von der Danmarks Nationalbank ab. Auch bei ihr kann die Überschussliquidität einerseits in der Einlagefazilität und andererseits in den Girokonten bei der Zentralbank angelegt werden. Doch die EZB belegt eben nicht nur erstere mit einem Strafzins, sondern weitet diesen auch auf das zweite Einlagekonto aus. Allerdings gilt dies nur auf die Einlagen auf Girokonten, die über die Erfüllung der Mindestreserveanforderung von zurzeit rund 100 Mrd. Euro hinausgehen. Warum nicht auch letztere zumindest temporär aufgehoben wurde, erschließt sich allerdings nicht. Das Ziel des negativen Einlagezinses ist es ja gerade, für eine erhöhte Kreditvergabe zu sorgen, wohingegen die Mindestreserve dazu bestimmt ist, das Kreditvolumen einzudämmen, indem jeweils ein Teil einer jeden Einlage bei einer Geschäftsbank bei der EZB hinterlegt werden muss. Die Nicht-Aufhebung der Mindestreserve ist zudem unverständlich, da ebenfalls die Sterilisierung der im Rahmen des Securities Markets Programme gekauften Anleihen aufgehoben wurde, wodurch zusätzlich rund 165 Mrd. Euro im Bankensystem verbleiben. Insgesamt gewährt die EZB den Banken also wenige Möglichkeiten, den negativen Einlagezins zu umgehen. Die maximale Schlagkraft wird die Maßnahme, wegen der genannten Einschränkung, vermutlich nicht entfalten können.

Jens Klose

Sachverständigenrat Wirtschaft

jens.klose@svr-wirtschaft.de


Kommentare zu diesem Artikel

Yaman schrieb am 18.06.2014 um 23:36 Uhr

Super Artikel. Jetzt verstehe ich diesen Schritt. Bin gespannt ob diese wirtschaftspolitische Maßnahme Wirkung zeigen wird.

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