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94. Jahrgang, 2014, Heft 6 · S. 418-419

Analysen und Berichte

Sollten Zentralbanken unabhängig sein?
Zu den Ergänzungen von Arne Heise

Stefan Schäfer

Prof. Dr. Stefan Schäfer lehrt Volkswirtschaftslehre an der Wiesbaden Business School der Hochschule Rhein-Main. Er forscht am Wiesbaden Institute of Finance and Insurance.

Arne Heises Ergänzungen zu meinem Aufsatz vom Januar 2014 ist inhaltlich zuzustimmen; allerdings greift er Fragestellungen auf, die nicht im Fokus meines Beitrages standen. Diesen ausgelöst hatte ein Blogeintrag des FAZ-Journalisten Gerald Braunberger,1 der sich mit der Jahrestagung der American Economic Association (AAA) im Januar 2013 beschäftigt. Prominente Theoretiker der Geldpolitik – allen voran John Taylor – hatten dort die von mir referierte Kritik am "Dogma" der Unabhängigkeit vorgetragen. Braunbergers Zusammenfassung der AAA-Diskussion bestätigte meine Beobachtung, dass "die Deutschen" mit ihrer spezifischen Auffassung von Wirtschaftspolitik (Primat der Ordnungspolitik, Unabhängigkeit der Zentralbank, Priorisierung des Ziels Preisstabilität, strikte Trennung von Geld- und Fiskalpolitik etc.) zunehmend alleine stehen – und zwar in der täglichen politischen Praxis ebenso wie in der wissenschaftlichen Debatte.

Deutsche Wirtschaftspolitiker – von Wolfgang Schäuble bis Jens Weidmann – sehen sich und ihre Auffassungen einer heterogenen Phalanx von Kritikern gegenüber, darunter Institutionen wie IWF und OECD, die Mehrheit im EZB-Rat, große Teile der Bevölkerung in Südeuropa, Publizisten wie Paul Krugman oder Joseph Stiglitz sowie weitere durchaus renommierte Ökonomen – siehe AAA-Tagung. Streitpunkte sind dabei unter anderem die Stellung und Aufgaben einer Zentralbank, die deutschen Exportüberschüsse sowie die angeblich zu kontraktiv ausgerichtete und noch dazu anderen Ländern aufgezwungene Fiskalpolitik (Stichwort "Austerität").

Das bedeutet: Die "deutsche" Sichtweise – möglicherweise mit dem Begriff "Stabilitätskultur" auf den Punkt zu bringen – gerät immer mehr ins Hintertreffen. Das ist gerade jetzt von besonderer Bedeutung, wo die Karten im großen Spiel der internationalen Wirtschaftspolitik aufgrund der Krise neu gemischt werden. Es ist dringend notwendig, dass die Verfechter der "Stabilitätskultur" sich dieser Herausforderung bewusst werden und angemessen darauf reagieren. Letzteres erfordert, die Kritik – hier: am Dogma der Unabhängigkeit – ernst zu nehmen und seine eigene Position auf ein solides Fundament zu stellen. Arne Heises Ergänzungen zu meinem Aufsatz leisten dazu einen enorm wichtigen Beitrag. Sie sollten aber nur der Auftakt zu einer weiterreichenden Diskussion über die Grundlagen der "deutschen Stabilitätskultur" und die an ihr geäußerte Kritik sein.

Title: Should Central Banks Be Independent?

Abstract: This article extends the inspection of Central Bank Independence (CBI) with respect to inflation performance to an examination of the relationship between CBI and economic welfare in general. The common view of monetary neutrality, i.e. a "free lunch" of CBI with respect to economic growth and employment, is contested on the basis of neo- and post-Keynesian theories of policy interactions and market constellations. Nevertheless, the fact has to be taken seriously that there is a broad discussion under way about the merits of CBI. The defenders of CBI must be on the lookout against a broad political and scientific offensive against the cornerstones of "German stability culture".

JEL Classification: B22, E58, E61

  • 1 Vgl. G. Braunberger: AAA-Meeting (3): Hat die Unabhängigkeit der Zentralbank überhaupt noch einen Sinn?, in: Fazit – das Wirtschaftsblog, http://blogs.faz.net/fazit/2013/01/04/geldpolitik-regeln-sind-wichtiger-als-unabhaengigkeit-869/ (25.3.2014)


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