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95. Jahrgang, 2015, Heft 1 · S. 76-78

Ökonomische Trends

Internationale Trends bei der Entwicklung der Verteidigungsausgaben

Niklas Potrafke, Leonard Thielmann

Prof. Dr. Niklas Potrafke leitet das ifo Zentrum für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie in München und hat den Lehrstuhl für Volkswirtschaft, insbesondere Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne.

Leonard Thielmann war Mitarbeiter am ifo Zentrum für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) weltweit deutlich gesunken. Dieser Trend wurde durch das Ende des Kalten Krieges fortgesetzt, so dass sich diese Quote heute auf einem historisch niedrigen Niveau befindet (vgl. Abbildung 1). Daten der Military Expenditure Database des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) zeigen, dass im Jahr 1991 weltweit noch durchschnittlich 4,11% des BIP für Verteidigung ausgegeben wurden, 2013 waren es nur noch 1,93%.

Sinkende Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt

Bei den angegebenen Durchschnitten handelt es sich um arithmetische Mittel, die über die Anteile der Verteidigungsausgaben am BIP von bis zu 137 Staaten ermittelt wurden und nicht nach der Wirtschaftskraft der Staaten gewichtet sind. Allgemein sind die Verfügbarkeit und die Verlässlichkeit von Daten über Verteidigungsausgaben von Staaten häufig eingeschränkt. Dies ist unter anderem damit zu begründen, dass einige Staaten keine oder nur wenig detaillierte Angaben über ihre Verteidigungsausgaben und deren Zusammensetzung machen. Für einzelne Länder handelt es sich bei den angegebenen Daten also um Schätzungen, die aufgrund der verfügbaren Informationen vorgenommen wurden.1

Die Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum BIP unterscheiden sich sowohl im Niveau als auch in der Entwicklung über die Zeit zwischen den Staaten und Regionen deutlich. Beispielsweise gaben die Staaten Mittelamerikas und der Karibik 1991 durchschnittlich 1,06% und 2013 durchschnittlich 0,57% ihres BIP für Verteidigung aus, im Nahen Osten hingegen lagen diese Werte bei 18,17% für 1991 und 4,94% für 2013 (vgl. Tabelle 1). Besonders hoch militarisiert waren hier Israel mit Verteidigungsausgaben von 5,6% des BIP im Jahr 2013, Saudi Arabien mit 9,3% und Oman mit 11,3%. Der Spitzenwert von 18,17% im Jahr 1991 geht allerdings auf Kuwait zurück. Aufgrund des damaligen Golfkrieges gab Kuwait im Jahr 1991 117% des BIP für Verteidigung aus. Möglich war dies durch fulminante Ölexporte.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Durchschnittliche Verteidigungsausgaben weltweit

in % des BIP

35089.png

Quelle: SIPRI Military Expenditure Database, eigene Berechnungen.

 

In Südasien lagen die Verteidigungsausgaben anteilig am BIP 2013 mit durchschnittlich 2,85% sogar über dem Wert von 2,82% für 1991. Dieser hohe Wert ergibt sich vor allem aus dem deutlichen Anstieg der Verteidigungsausgaben Afghanistans, die von 1,8% des BIP im Jahr 2005 auf 6,3% des BIP im Jahr 2013 angestiegen sind. Ein wichtiger Grund für diese regionalen Unterschiede liegt in der Wahrscheinlichkeit, in einen Krieg verwickelt zu werden: Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, geben die jeweiligen Staaten mehr für Verteidigung aus.2

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Durchschnittliche Verteidigungsausgaben nach Regionen

in % des BIP

Region 1991 2006 2013
Gesamt

4,12

1,95

1,93
Afrika

2,78

1,81

1,82
Nordafrika

2,43

2,08

3,53
Sub-Sahara

2,81

1,78

1,66
Amerika

1,63

1,16

1,22
Zentralamerika & Karibik

1,06

0,46

0,57
Nordamerika

3,30

2,55

2,40
Südamerika

1,85

1,66

1,65
Asien & Ozeanien

2,94

1,75

2,08
Ostasien

3,28

1,66

1,99
Südasien

2,82

2,20

2,85
Ozeanien

1,90

1,25

1,10
Europa

2,60

1,83

1,62
Naher Osten

18,17

4,51

4,94

Quelle: SIPRI Military Expenditure Database, eigene Berechnungen.

 

Demokratien geben weniger aus

Die Verteidigungsausgaben der Staaten variieren nicht nur zwischen den Regionen oder Gruppen wie beispielsweise NATO- und Nicht-NATO-Mitgliedern, sondern auch zwischen politischen Regimen. Staaten, die nach Cheibub, Gandhi und Vreeland3 als Demokratie eingestuft wurden, gaben einen geringeren Anteil ihres BIP für Verteidigung aus als autokratische Staaten.4 Demokratien wendeten 2008 durchschnittlich 1,61% des BIP für Verteidigung auf, autokratische Staaten hingegen 2,43% des BIP.

In den letzten sieben bis zehn Jahren ist in einigen Regionen und auch weltweit wieder eine Stagnation oder sogar ein Anstieg der durchschnittlichen Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum BIP zu beobachten: In Ostasien stiegen diese von 1,66% im Jahr 2006 auf 1,99% im Jahr 2013, in Südasien von 2,2% auf 2,85%, im Nahen Osten von 4,51% auf 4,94% und in Afrika von 1,81% auf 1,82%. In Nordamerika war von 2000 bis 2009 ein deutlicher Anstieg zu beobachten, der vor allem auf den internationalen Kampf gegen den Terrorismus und den damit verbundenen Anstieg der Verteidigungsausgaben der USA von 3% des BIP im Jahr 2000 auf 4,8% des BIP im Jahr 2009 zurückzuführen ist.

Weltweite reale Verteidigungsausgaben gestiegen

Noch deutlicher werden Unterschiede in der Entwicklung der Verteidigungsausgaben zwischen den Staaten, wenn man die absoluten realen Werte der Ausgaben betrachtet. Sinkende Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum BIP müssen schließlich keinesfalls bedeuten, dass die Verteidigungsausgaben in realen Werten tatsächlich gesunken sind. So stiegen die weltweiten realen Verteidigungsausgaben von 2004 bis 2013 um 26% an. Gerade bei Staaten, die ein hohes Wirtschaftswachstum aufweisen, können die Verteidigungsausgaben stark steigen, auch wenn dies anhand der Ausgaben im Verhältnis zum BIP nicht zu vermuten ist. So gab beispielsweise China im Jahr 2003 2,1% und im Jahr 2013 2% des BIP für Verteidigung aus. Nichtsdestotrotz stiegen in diesem Zeitraum die realen Verteidigungsausgaben um 199% an, was fast einer Verdreifachung entspricht. Viele Staaten haben in den letzten zehn Jahren die Verteidigungsausgaben in realen Werten deutlich erhöht. Im Zeitraum von 2003 bis 2013 hat beispielsweise Russland seine Verteidigungsausgaben um 117% erhöht, Saudi Arabien um 142%, Algerien um 214%, die Ukraine um 113%, Ghana um 235% (2005 bis 2013), Argentinien um 163%, Afghanistan um 573% (2005 bis 2013) und Liberia sogar um 1008%. Insgesamt haben 33 Staaten ihre Verteidigungsausgaben von 2003 oder einem späteren Zeitpunkt bis 2013 mehr als verdoppelt (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2 (zurück zum Text)
Staaten mit mindestens verdoppelten realen Verteidigungsausgaben
Staat Zeitraum reale
Verteidigungsausgaben

in Mio. US-$

Veränderung in %
Liberia

2003-2013

1,2

13,3

1 008
Afghanistan

2005-2013

183

1 333

628
Aserbaidschan

2003-2013

454

3 264

619
Georgien

2003-2013

96

442a

360
Malawi

2003-2013

18

77

328
Kasachstan

2003-2013

654

2 599

297
Irak

2006-2013

1 828

7 251

297
Ghana

2005-2013

79

272

244
Zimbabwe

2010-2013

102

334

227
Algerien

2003-2013

3 152

9 902

214
Weißrussland

2003-2013

300

921

207
China

2003-2013

57 390

171 381

199
Demokratische Republik Kongo

2003-2013

142

402

183
Angola

2004-2013

1 893

5 208

175
Ecuador

2004-2013

945

2 596

175
Paraguay

2003-2013

170

458

169
Argentinien

2003-2013

1 876

4 929

163
Saudi Arabien

2003-2013

25 951

62 760

142
Honduras

2005-2013

93

223

140
Venezuela

2003-2013

1 888

4 487a

138
Burkina Faso

2003-2013

68

161

137
Oman

2003-2013

3 687

8 738a

137
Armenien

2003-2013

181

428

136
Swasiland

2003-2013

55

128a

133
Indonesien

2005-2013

3 643

8 358

129
Namibia

2003-2013

212

465

119
Vietnam

2003-2013

1 471

3 205

118
Russland

2003-2013

39 100

84 864

117
Ukraine

2003-2013

2 496

5 327

113
Bahrain

2005-2013

553

1 172

113
Kambodscha

2004-2013

111

228

105
Sambia

2007-2013

180

367

104
Kirgisistan

2003-2013

110

221

101

a Die realen Verteidigungsausgaben waren zu einem Zeitpunkt innerhalb des angegebenen Zeitraums höher als 2013.

Quelle: SIPRI Military Expenditure Database, eigene Berechnungen.

 

Kein Anstieg bei OECD- und NATO-Mitgliedern

Auffällig ist, dass unter den in Tabelle 2 aufgeführten Staaten weder gegenwärtige Mitglieder der OECD noch der NATO sind. Die derzeitigen Mitglieder der NATO haben ihre realen Verteidigungsausgaben von 2003 bis 2013 um durchschnittlich 2,3% gesenkt. Nicht-NATO-Mitglieder haben ihre realen Verteidigungsausgaben im selben Zeitraum um durchschnittlich 83,1% erhöht. Dieser Trend schlägt sich auch in den Anteilen der Regionen an den weltweit gesamten Verteidigungsausgaben nieder (vgl. Abbildung 2). Wendeten Nordamerika und Europa 2004 zusammen noch 70% der weltweiten Verteidigungsausgaben auf, waren es 2013 nur noch 61,4%. Für die Region Afrika hat sich dieser Anteil von 1,7% im Jahr 2004 auf 2,5% im Jahr 2013 erhöht, für Asien (ausgenommen Ozeanien) von 16,5% auf 21,9%, für Südamerika von 3,3% auf 3,9% und für den Nahen Osten von 6,6% auf 8,1%.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Anteil der weltweiten Verteidigungsausgaben nach Region

in %

35097.png

Quelle: SIPRI Military Expenditure Database, eigene Berechnungen.

 

Künftig steigende Verteidigungsausgaben

Die durchschnittlichen Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum BIP zeigen weltweit seit dem Ende des Kalten Krieges einen Abwärtstrend auf. Die absoluten realen Verteidigungsausgaben steigen jedoch seit der Jahrtausendwende in vielen Staaten wieder stark an. Internationale Risiken und Bedrohungen werden von der Politik anders eingeschätzt als unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges. Beispielsweise haben die politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen zugenommen. Diese Entwicklungen geben Anlass davon auszugehen, dass die Verteidigungsausgaben auch in Zukunft weiter steigen werden.

  • 1 Vgl. Informationen zu Quellen und Methoden der SIPRI Military Expenditure Database: http://www.sipri.org/research/armaments/milex/milex_database/copy_of_sources_methods.

  • 2 Vgl. W. D. Nordhaus, J. R. Oneal, B. Russett: The effects of the international security environment on national military expenditures: a multicountry study, in: International Organization, 66. Jg. (2012), Nr. 3, S. 491-515.

  • 3 J. A. Cheibub, J. Gandhi, J. R. Vreeland: Democracy and Dictatorship Revisited, in: Public Choice, 143. Jg. (2010), Nr. 1-2, S. 67-101.

  • 4 In ökonometrischen Studien wird gezeigt, dass Verteidigungsausgaben in Autokratien höher sind als in Demokratien. Vgl. beispielsweise J. P. Dunne, S. Perlo-Freeman, R. Smith: The demand for military spending in developing countries: hostility versus capability, in: Defence and Peace Economics, 19. Jg. (2008), Nr. 4, S. 293-302.


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