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95. Jahrgang, 2015, Heft 10 · S. 654

Arzneimittelausgaben: Dramatischer Anstieg

Stefan Greß

Nach Jahren der relativen Stabilität steigen die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Arzneimittel wieder in rasantem Tempo, im Jahr 2014 um etwa 10%. Im ersten Halbjahr 2015 haben die Ausgaben um weitere 5,8% zugenommen. Ein Teil dieses Anstiegs ist durch Sonderfaktoren zu erklären. Zum Jahresende 2013 sind ein erhöhter Zwangsrabatt und ein Preismoratorium ausgelaufen. Beide Maßnahmen hat der Gesetzgeber 2010 eingeführt, um den damaligen Anstieg der Arzneimittelausgaben zu bremsen. Die Arzneimittelhersteller haben durch den Ausgabenanstieg des Jahres 2014 offensichtlich einen Teil der Einnahmenverluste aus den Vorjahren kompensieren können. Die Zuwächse sind dennoch deutlich höher als prognostiziert. Dies wiederum liegt erstens an der Preispolitik der Hersteller für neue Produkte und zweitens an einem Konstruktionsfehler der öffentlichen Preisregulierung für diesen Produktkreis.

Die Preispolitik der Arzneimittelhersteller für neue Präparate hat in letzter Zeit häufiger für Schlagzeilen gesorgt. Am bekanntesten in diesem Zusammenhang sind sicherlich die Therapiekosten eines neuen – offensichtlich hoch wirksamen – Präparats gegen Hepatitis C, das die Krankenkassen pro Behandlung bis zu 62 000 Euro kostet. Alleine für dieses Mittel mussten die Krankenkassen 2014 rund 570 Mio. Euro aufwenden. Mondpreise werden allerdings auch für Präparate aufgerufen, deren Wirksamkeit im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Alternativen deutlich geringer bzw. sogar eher zweifelhaft ist – etwa bei Medikamenten gegen Krebs oder Multiple Sklerose. Der Konstruktionsfehler liegt in dem Verfahren der sogenannten frühen Nutzenbewertung, das der Gesetzgeber im Rahmen des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) 2011 eingeführt hat. Danach müssen die Hersteller ein Jahr nach Markteinführung den Zusatznutzen eines neuen Produktes durch methodisch hochwertige Studien belegen. Das Ergebnis dieser Nutzenbewertung ist dann wiederum Grundlage für Preisverhandlungen mit dem Spitzenverband der GKV. Allerdings können die Hersteller im ersten Jahr nach der Markteinführung den Preis für ihr Produkt frei bestimmen. Offensichtlich sind die Befürchtungen von Kritikern eingetreten, die schon bei der Einführung des AMNOG diese Regelung als Einfallstor für explodierende Preise bezeichnet haben.

Es ist abzusehen, dass die Politik einem weiterhin ungebremsten Anstieg der Arzneimittelausgaben nicht tatenlos zusehen wird. Die Reserven der Krankenkassen schmelzen, steigende Zusatzbeiträge wären die Konsequenz. Diese müssten dann wegen der neuen Finanzarchitektur der GKV ausschließlich von den Versicherten getragen werden. Dieses Szenario werden die Gesundheitspolitiker der Koalition im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 vermeiden wollen. Im Wesentlichen stehen der Politik zwei Handlungsoptionen zur Verfügung. Erstens könnte sie die Daumenschrauben der gesetzlichen Preisregulierung – Preismoratorium und erhöhter Herstellerrabatt – wieder anziehen. Problematisch an diesen Maßnahmen ist, dass sie innovative und weniger innovative Produkte gleichermaßen treffen würden. Zweitens – und dafür plädiere ich – könnte der Gesetzgeber die schon seit der Einführung des AMNOG bekannte Lücke im ersten Jahr nach der Zulassung schließen. Der Hersteller müssten dann den Zusatznutzen ihres Produkts sofort belegen. Zudem würde der in Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband vereinbarte Preis rückwirkend zum Datum der Markteinführung gelten. Eine solche Regelung wäre ein guter Kompromiss aus wirksamen Innovationsanreizen für die Hersteller und dem Schutz der Versichertengemeinschaft vor finanzieller Überforderung.

Stefan Greß

Hochschule Fulda

stefan.gress@pg.hs-fulda.de


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