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95. Jahrgang, 2015, Heft 10 · S. 652

Kraftfahrzeuge: VW braucht eine neue Ethik

Ferdinand Dudenhöffer

Es ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Der VW-Konzern hat mit Vorsatz über mehr als fünf Jahre die US-Umweltgesetze gebrochen. Das Verfahren war dreist. Eine Software im Motormanagement von Dieselmotoren des Typs EA 189 hat im Testzyklus den Motor so gesteuert, dass er die strengen US-Umweltanforderungen erfüllt. Sobald das System erkennt, dass kein Testzyklus vorliegt, schaltet es in den Normalbetrieb mit höheren Stickoxidbelastungen. Der VW-Konzern hat bei fast 500 000 Fahrzeugen vorgetäuscht, die Umweltstandards in den USA einzuhalten. Im Gegensatz zum Verbrauch oder zu Kohlendioxid sind Stickoxidemissionen im Fahrbetrieb nur aufwendig zu messen. Daher glaubte man an den perfekten Betrug. Weltweit sind 11 Mio. Fahrzeuge betroffen.

Der Grund scheint bizarr. Es geht um Kosten, die zwischen 200 und 300 Euro pro Fahrzeug liegen dürften. Statt die Abgase des Dieselmotors mit sogenannten SCR-Katalysatoren durch Zugabe von Harnstoff unter die gesetzlichen Grenzwerte zu drücken, hat man falsche Tatsachen vorgespiegelt. Jedes Fahrzeug bei einem Autobauer braucht eine technische Freigabe, um für den Straßenverkehr zugelassen zu werden. Diese technischen Freigaben erfolgen in der zentralen Entwicklung – bei VW in Wolfsburg. Jedes Fahrzeug und seine Spezifikationen werden in Vorstandssitzungen diskutiert. Da der Motor EA 189 ein millionenfach verbautes Aggregat ist, muss der gesamte Konzernvorstand über den Einsatz und das Abgasreinigungssystem des Motors gesprochen haben. Neben dem Entwicklungsvorstand hat sich wahrscheinlich auch der Finanzvorstand – der zukünftige Aufsichtsratsvorsitzende – mit dem Thema befasst. Schließlich geht es um hohe Kostenbeträge. Der Skandal wirft ein schräges Bild auf das Unternehmen. Es ist unwahrscheinlich und schlicht nicht vorstellbar, dass sich Spitzenmanager über den millionenfachen Betrug im Unklaren waren. Welche Kultur und Ethik steuert so einen Konzern? Es ist nicht der erste Skandal. Vor zehn Jahren kam der Sexskandal um den Betriebsrat auf und auch die Porsche-Übernahme war nicht das Fallbeispiel für vorbildliches Verhalten. Man hat – wie heute – vor zehn Jahren beteuert, das härteste Compliance System der Branche umzusetzen.

Wie will man in die Zukunft gehen? VW hat die Aufarbeitung des Skandals der hausinternen Revision übertragen. Beim Zündschloss-Skandal von General Motors hat man keine Sekunde gezögert und die Vorfälle von einer externen Gesellschaft lückenlos aufklären lassen. Bei VW hat der Aufsichtsratsvorsitzende bei der Vorstellung des neuen Vorstandsvorsitzenden Müller mitgeteilt, den heutigen Finanzvorstand Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden zu küren. Nach den Regeln des "Deutschen Corporate Governance Kodex" dürfen Vorstandsmitglieder nicht vor Ablauf von zwei Jahren nach dem Ende ihrer Bestellung Mitglied des Aufsichtsrats werden. In der größten Krise schert man sich nicht um Corporate Governance. Der VW-Konzern scheint eine eigene Kultur zu leben. Geschützt wird diese Kultur durch das VW-Gesetz, das obsolet ist und gemeinsam mit der Mitbestimmung und dem Land Niedersachsen eine seltsame Machtverteilung impliziert. Man stelle sich vor, die Deutsche Bank sei zu 20% im Besitz der Stadt Frankfurt und es gäbe ein Deutsche-Bank-Gesetz. Wie könnte so ein Gebilde unter dem Frankfurter Kirchturm global agieren, Strukturen aufbauen, die globale Wettbewerbsfähigkeit sichern? Betonierte Systeme können sich nicht anpassen und erzeugen "Überdruck", der sich die falschen Ventile sucht. Und die anderen? Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass Unternehmen wie BMW oder Daimler mit krimineller Energie Gesetze brechen. Dort regelt man die Dieselabgase mit der richtigen Technik. Das Problem liegt also weder typischerweise in der Autobranche noch bei Dieselmotoren. Die Ethik bei VW hat versagt. Daher braucht es einen Anfang von außen.

Ferdinand Dudenhöffer

Universität Duisburg-Essen

Ferdinand.dudenhoeffer@uni-due.de


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