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95. Jahrgang, 2015, Heft 11 · S. 724-725

Mindestlohn: Wir schaffen das

Gustav A. Horn

Der Streit um den Mindestlohn geht weiter. Zwar hatten sich die Gemüter nach dessen Einführung zu Beginn des Jahres 2015 beruhigt, zumal bislang keine der von vielen befürchteten negativen Effekte erkennbar sind. Mit dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms seit Mitte 2015 nimmt die Debatte jedoch wieder Fahrt auf. Es geht um die Forderung, der Mindestlohn solle allgemein oder speziell für Flüchtlinge ausgesetzt oder vermindert werden. Hinter diesen Forderungen steckt der Gedanke, dass mit dem Zustrom der Flüchtlinge im Laufe der Zeit das Angebot an Arbeitskräften steigt. Um diese Menschen in Beschäftigung zu bringen, bedarf es einer höheren Nachfrage nach Arbeit, die nur mit niedrigen Löhnen erreicht werden könne. Die Politik könnte Lohndruck ausüben, indem sie den Mindestlohn senkt. Dabei ist es im Übrigen kaum von Bedeutung, ob dies nur für Flüchtlinge oder allgemein geschieht. Der niedrige Lohnsatz wird sich am Markt weitgehend durchsetzen, weil in der Folge immer mehr Mindestlohnstellen mit Flüchtlingen besetzt werden würden.

Abgesehen von der politischen und ethischen Problematik, am Arbeitsmarkt besonders schwache Gruppen gegeneinander auszuspielen, leidet der Ansatz unter einem gravierenden ökonomischen Denkfehler. Er geht davon aus, dass sich demografische Ausweitungen des Arbeitsangebots nur über entsprechende Lohnminderungen in Beschäftigung umsetzen lassen. Dies ist schon empirisch fragwürdig. So hat Deutschland in der Nachkriegszeit ein steigendes Arbeitsangebot durchaus mit steigenden Löhnen in Beschäftigung gebracht. Umgekehrt kann man nicht behaupten, dass Japans schrumpfende Erwerbsbevölkerung zu steigenden Löhnen geführt hätte. Es muss also andere, bedeutsamere Faktoren als die Lohnhöhe geben, die Einfluss auf die Beschäftigung ausüben.

Was von den Gegnern des Mindestlohns schon immer gerne übersehen wurde, ist, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ebenfalls einen Einfluss auf die Beschäftigung hat. Diese wird – im Verein mit anderen relevanten Größen wie Produktivität und Preise – in diesen Überlegungen zumeist explizit oder implizit als konstant angesehen. Dann und nur dann gilt der strikt negative Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung. Diese Setzung ist aber eine unzulässige Vereinfachung. Denn die Einkommen der zum Mindestlohn Beschäftigten verschwinden ja nicht, sie werden von den Flüchtlingen wahrscheinlich sogar vollständig ausgegeben. Sie verwandeln sich also in erhöhte Nachfrage und damit in höhere Absatzmöglichkeiten für die Unternehmen. Dies würde für sich genommen sogar die Beschäftigung erhöhen.

In die gleiche Richtung würde es wirken, wenn die Flüchtlinge im Vergleich zur inländischen Bevölkerung im Mindestlohnsegment relativ produktiv wären. Das ist angesichts der vergleichsweise guten Ausbildung vieler syrischer Flüchtlinge nicht abwegig. Mit einer derartig erhöhten Produktivität ließen sich die höheren Kosten pro Arbeitsstunde gleichfalls finanzieren. Schließlich bleibt den betroffenen Unternehmen immer noch die Option, die Preise zu erhöhen; eine Option, von der sie schon bei der Einführung des Mindestlohns ohne Schaden zu nehmen Gebrauch gemacht haben. Dann würde die Beschäftigung der Flüchtlinge auch durch einen Solidarbeitrag aller Konsumenten in Form eines leichten Kaufkraftverlusts bezahlt. All diese Überlegungen machen eines deutlich. Es ist möglich, Flüchtlinge in Beschäftigung zu bringen, ohne den Mindestlohn zu senken. Wir schaffen das.

Gustav A. Horn

Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Gustav-Horn@boeckler.de


Kommentare zu diesem Artikel

Ralph Klages schrieb am 28.11.2015 um 23:35 Uhr

Sie mögen mit Ihren grundlegenden Erläuterungen sicherlich nicht völlig daneben liegen. Sie betreffen aber den Zuwanderungsbereich nur bedingt.
Zunächst muss der Qualifikationsstand der Migrierenden beleuchtet werden. Angesichts eher schwacher Schulausbildung -auch der aus Syrien Stammenden-und nachfolgend gänzlich anderer Sozialisation dürfte nur eine ganz kleine Gruppe für den Arbeitsmarkt in der bisher geregelten Form (einschl. Hilfestellung der BA, Tarifverträge etc.) Zugang finden. Die weitaus grösste Masse wird den Sprung in einen ausdefinierten Arbeitsmarkt nicht schaffen. Abgesehen davon hat der Personenkreis derzeit auch gar keine Ahnung über die weitverzweigten Qualifikationsanforderungen und deren Erreichbarkeit in westlichen Ländern. Allein letzteres ansatzweise zu begreifen benötigt viel Zeit. Man denke nur an Schweißkurse. Art, Umfang und Ausgangsvoraussetzungen sind so umfänglich, dass nur ein kleiner Teil sowohl die körperlichen bzw. psychomotorischen Voraussetzungen als auch den erforderlichen Wissensstand mitbringt. Nun könnte man auch am habituellen Stand zweifeln, das soll aber hier zurückgestellt sein. Kurz: Ein potentieller Arbeitgeber wird selbst bei großem Wohlwollen und selbst. knappem Vorrat erprobter Arbeitskräfte eher skeptisch mit den Neuankömmlingen umgehen: Die Produktivität wird anzuzweifeln sein. Und damit auch der Lohn. Das, wie gesagt, in einer Tätigkeit, die auf sprachl. Kompetenz vergleichsweise wenig Wert legt. Und naturgemäß von deutschen Arbeitnehmern nicht bevorzugt wird.
Die Liste ließe sich so fortsetzen: Putz-und Reinigungsdienste, Helfer im Bereich der Pflege, Fahrer- und Kurierdienste, Logistik usw. Alles lower Jobs mit geringen Anforderungen auf Anlernniveau. Das Problem liegt darin, dass sich genau hier, am unteren Ende schon jede Menge tummeln und eine innere Konkurrenz ohnehin schon besteht. Migranten, das liegt in der Natur dieses Arbeitsmarktes, werden sich folglich anstellen müssen. Darauf werden die € 8,50-Jobber ihrerseits achten, schon aus Selbsterhalt.
Sie sehen, die Lage ist aus sozialökonomischer oder meinetwegen auch betriebswirtschaftlicher Perspektive deutlich komplexer. Dass ein Migrant ein Nachfragepotential darstellt, und dies umso mehr, als er Einkommen produziert, ist eine Binsenweisheit. Um aber überhaupt Zutritt zu Märkten zu finden, ist eine Lohnvariante unter dem Mindestlohn temporär durchaus eine Debatte wert.
Demgegenüber soll und muss denjenigen nachweislich Qualifizierten (also der syrische Arzt, den ich allerdings immer noch suche) selbstverständlich die Einordnung in den regulären, meine: Ersten Arbeitsmarkt ermöglicht sein. Falsch wäre es, wenn man nur aus Integrationgründen die gerade in Deutschland so ausdifferenzierten Standards in Bildung und Qualifikation entwertet, so wie es ein Innenminister aktuell gern hätte.
Man darf also gespannt sein, ob wir das schaffen. Und wie.
Will

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