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95. Jahrgang, 2015, Heft 12 · S. 861-863

Analysen und Berichte

Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland – eine Replik

Jan Goebel, Carsten Schröder

In der Oktoberausgabe 2015 veröffentlichte der Wirtschaftsdienst einen Aufsatz zu "Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland: Spitzeneinkommen – ein Missing-Link". Die Autoren des vorliegenden Beitrags setzen sich kritisch damit auseinander, im Anschluss erläutern Moritz Drechsel-Grau, Andreas Peichl und Kai Daniel Schmid ihren Standpunkt in einer Erwiderung.

Dr. Jan Goebel ist Leiter des Forschungsdatenzentrums SOEP im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Prof. Dr. Carsten Schröder ist Bereichsleiter Applied Panel Analysis im SOEP und Professor für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik an der Freien Universität Berlin.

Hohe Einkommens- und Vermögensungleichheiten innerhalb einzelner Länder und zwischen Ländern sowie deren Anstieg über die Zeit sind drängende gesellschaftliche Herausforderungen. Hohe Ungleichheiten innerhalb von Ländern können deren ökonomisches Wachstum und das Vertrauen in die gesellschaftlichen Institutionen schwächen. Hohe Ungleichheiten zwischen Ländern und Regionen können Wanderungs- und Migrationsströme auslösen. Ungleichheit kann also mit gesellschaftlichen Kosten verbunden sein. Dieser "Price of Inequality"1 kann hoch sein und daher ist es relevant, ein möglichst exaktes und detailliertes Bild über die vorliegenden Ungleichheiten zu gewinnen.

In einer Studie von Drechsel-Grau et al., die jüngst im Wirtschaftsdienst erschienen ist,2 untersuchen die Autoren ein ökonomisch interessantes Thema: den Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlicher Entwicklung und Einkommensungleichheit. Sie verwenden hierfür zwei Datensätze: Daten der amtlichen Statistik ("Taxpayer Panel", TPP) und Survey-Daten (Sozio-oekonomisches Panel, SOEP) und kommen – je nach verwendetem Datensatz – zu scheinbar widersprüchlichen Befunden: "Analysen zur Einkommensverteilung in Deutschland anhand administrativer Daten des Taxpayer-Panels zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Spitzeneinkommen und Konjunktur. Im Gegensatz zu Berechnungen auf Basis von Haushaltssurveys wie dem Sozio-oekonomischen Panel wird deutlich, dass Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Unternehmens- und Vermögenseinkommen die personale Einkommensungleichheit substanziell beeinflussen."3

Sie plädieren daher dafür, "die auf Umfragedaten basierenden Verteilungsanalysen durch Auswertungen administrativer Steuerdaten zu ergänzen, um die historische Entwicklung der Einkommensverteilung besser zu messen und zu erklären sowie zukünftige Verteilungsänderungen verlässlicher zu schätzen", und fordern in einer Pressemitteilung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)4: "Bessere Daten aus amtlicher Quelle tun Not."

Tatsächlich ist die Datenlage in Deutschland – und das Autorenteam Drechsel-Grau et al. nutzt diesen Umstand – heute so gut wie nie zuvor. Dies gilt sowohl für stichprobenbasierte Survey-Daten als auch für administrative Daten, die mittlerweile für Forschungszwecke faktisch oder formal anonymisiert bereitgestellt werden. So gibt es neben langlaufenden Surveys wie dem SOEP oder der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe5 das jüngst aufgelegte "Panel on Household Finances" sowie diverse spezialisierte Haushaltssurveys und auch international vergleichbare Dateninfrastrukturen (Luxembourg Income Study Database; Cross-National Equivalent Files, European Union Statistics on Income and Living Conditions, etc.). Bei den Prozessdaten der amtlichen Statistik kommen neben dem in der Studie verwendeten TPP verschiedene Datensätze aus der Sozialversicherung (Forschungsdaten aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung oder dem Forschungsdatenzentrum der Rentenversicherung) hinzu.

Die Studie von Drechsel-Grau et al. zeigt aber auch, wie wichtig es ist, klar zu definieren, was genau mit Ungleichheit gemeint ist. Vor der eigentlichen empirischen Arbeit sind dabei verschiedene inhaltliche und normative Fragen zu beantworten. Hier eine unvollständige Auswahl zu klärender Fragen:

  • Was ist die angemessene Einheit, auf deren Ebene Einkommen gemessen wird (z.B. Individuum versus Haushalt)?
  • Soll die Ungleichheit innerhalb der gesamten Bevölkerung in Deutschland oder einer Teilgruppe gemessen werden (z.B. "Arme" oder "Reiche"; Migranten oder Nicht-Migranten)?
  • Welches Einkommenskonzept (z.B. brutto versus netto) und welche -komponenten (z.B. nur Löhne und Gehälter, Alterseinkommen, Markteinkommen oder verfügbare Einkommen) sollen der Analyse zu Grunde gelegt werden?
Datenbasis nicht kongruent

Ein aussagekräftiger Vergleich von Ungleichheitskennziffern, berechnet aus verschiedenen Datensätzen sowie darauf aufbauender Analysen, setzt voraus, dass die oben genannten und weitere Fragen beantwortet und in geeigneter Art und Weise kongruent implementiert wurden. Anderenfalls können die Ursachen und die Bedeutung widersprüchlicher empirische Befunde nicht befriedigend erklärt werden.

Tatsächlich zeigt sich, dass die Studie von Drechsel-Grau et al. dem Erfordernis der Kongruenz nicht gerecht wird:

  1. Die Einheiten, auf deren Ebenen die Ungleichheitsmaße berechnet wurden, unterscheiden sich. Für die Steuerdaten verwenden die Autoren als Analyseeinheit Steuereinheiten, also gemeinsam verheiratete Paare oder einzeln Veranlagte. Für die Berechnungen mit dem SOEP verwenden sie Individuen. Für die Höhe der gemessenen Ungleichheit und für deren Entwicklung spielt es aber über die Zeit eine zentrale Rolle, ob Individuen, Steuerfälle oder Haushalte für die Konstruktion der Einkommensverteilung verwendet werden, ebenso wie daraus resultierende eventuelle Notwendigkeiten zur Bedarfsanpassung.6
  2. Die betrachteten Populationen unterscheiden sich systematisch. Während das SOEP eine Repräsentativstudie für die Bevölkerung in Privathaushalten in Deutschland ist, enthält TPP nur die Population der Einkommensteuerzahler, worauf die Autoren auch selbst verweisen.7 Kongruenz hätte also eine Harmonisierung bei der betrachteten Population verlangt. So hätten aus der Beobachtungseinheit im SOEP (Haushalte bzw. Personen) für einen aussagekräftigen Vergleich Steuereinheiten konstruiert werden können. Variiert beispielsweise die Arbeitslosigkeit über die Zeit und geben Arbeitslose keine Einkommensteuererklärung ab,8 sind systematische Unterschiede in Ungleichheits-Zeitreihen zwischen SOEP und TPP nicht eventuellen Datenproblemen geschuldet, sondern spiegeln reale Begebenheiten wider. Eine Besonderheit von TPP ist zudem, dass nur in den Daten enthalten ist, wer in allen Jahren eine Einkommensteuererklärung abgegeben und zudem nicht die Steuernummer z.B. aufgrund von Hochzeit oder Umzug gewechselt hat. Aufgrund dieser sogenannten Balanciertheit altert das TPP per definitionem, was beim SOEP, das als unbalanciertes Panel angelegt ist, nicht der Fall ist.
  3. Auch das Einkommenskonzept unterscheidet sich je nach Datensatz. So basieren die SOEP-basierten Zeitreihen auf Markteinkommen, die TPP-basierten auf Vorsteuereinkommen. Steuerrechtlich nicht relevante Einkommen fehlen in TPP aber: Hierzu zählen Einkommen, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, oder steuerfreie Zuschläge für Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit. Andere Einkünfte sind unvollständig, im Sinne eines ökonomischen Einkommensbegriffs, oder unzureichend nachgewiesen. Gewinneinkünfte oder Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung können verzerrt sein, wenn die steuerrechtlichen Abschreibungsregelungen nicht den tatsächlichen Werteverbrauch widerspiegeln. Außerdem können Verluste periodenfremd veranlagt werden. Ein Problem im Verteilungskontext ergibt sich insbesondere dann, wenn sich die oben beschriebenen Verzerrungen nicht gleichmäßig auf alle Steuerpflichtigen auswirken. Die steuerliche Definition der Einkommen ist gerade seit der Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 problematisch, da seitdem die Angaben zu Kapitaleinkommen, die am oberen Rand der Einkommensverteilung konzentriert sind, in den Steuerdaten vollständig fehlen, während diese in Surveys wie dem SOEP weiterhin enthalten sind. Ein Effekt, der in den Verlaufsdaten des TPP deutlich erkennbar ist.
Ungleichheit und Konjunkturzyklus

Wegen der fehlenden Kongruenz in den verwendeten Konzepten dürfen widersprüchliche Ergebnisse bezüglich des Zusammenhangs zwischen gesamtwirtschaftlicher Entwicklung und Ungleichheit nicht verwundern. Insbesondere sind die scheinbaren Widersprüche kein Beweis für Mängel in der Datenlage, wie die Autoren suggerieren, wenn sie in ihrer Pressemitteilung schreiben: "Das SOEP ignoriert zum großen Teil die Spitzeneinkommen in Deutschland, da diese Haushalte schwer für Befragungen zu gewinnen sind." Für einen überzeugenden empirischen Beweis hätten nämlich für beide Datensätze kongruente Konzepte implementiert werden müssen. Richtig ist, dass alle Surveys mit dem Problem konfrontiert sind, dass bei den üblichen Fallzahlen die Wahrscheinlichkeit gering ist, Haushalte mit sehr hohen Einkommen oder Vermögen zu beobachten. Dies ist kein Hinweis auf systematische Verzerrungen oder schlechte Datenqualität, sondern auf eine geringe statistische Aussagekraft für Detailanalysen zu dieser Gruppe.9

Tatsächlich haben sowohl Daten aus wissenschaftlichen Umfragen als auch administrative Daten potenzielle Vorteile und Schwächen. Wissenschaftliche Umfragen stellen umfangreiche Merkmale im Haushaltskontext bereit, die eine detaillierte Beschreibung von Ungleichheiten und ihren Ursachen ermöglichen. Tatsächlich gelingt es aber nicht immer, in ausreichender Zahl Haushalte mit sehr hohen Einkommen zur Teilnahme zu gewinnen.10 Dann ergeben sich Ungenauigkeiten gerade am oberen Ende der Einkommensverteilung.

Administrative Datensätze haben den Vorteil, den Hocheinkommensbereich – zumindest bei bestimmten Einkommensarten und vollständiger wahrheitsgemäßer Angabe – mit weniger Messfehlern abbilden zu können. Sie liefern aber zumeist wenige sozio-ökonomische Hintergrundinformationen – etwa zum Haushaltskontext oder zu individuellen Merkmalen – und betrachten in der Regel nur Subpopulationen. Ferner ist zu beachten, dass Einkommensteuerdaten in Deutschland nur mit einem Verzug von mehreren Jahren verfügbar sind. Ferner erfordert die Arbeit mit administrativen Daten detaillierte Kenntnis über die Gesetzgebung und eventuelle Reformen, da diese den Aussagegehalt der erhobenen Daten determinieren. So ist seit der Einführung des Halbeinkünfteverfahrens nur noch ein Teil der Dividenden in den Steuerdaten sichtbar. Seit der Einführung der Abgeltungsteuer fehlen Dividenden und Zinseinkommen. Harmonisiert man die Steuerdaten für den Zeitraum 2001 bis 2010, sodass man ein über die Zeit konsistent definiertes Kapitaleinkommen erhält, ergeben sich insbesondere für den Einkommensanteil des reichsten Dezils deutlich geringere konjunkturzyklische Schwankungen als die Autoren in ihrer Studie suggerieren. Insbesondere der Einbruch zwischen 2001 und 2002 ist fast vollständig ein mechanischer Effekt der Einführung des Halbeinkünfteverfahrens.11

Fazit

Administrative Daten und wissenschaftliche Umfragen liefern komplementäre Informationen. Ihre systematische gemeinsame Analyse unter Beachtung des Kongruenzprinzips kann daher einen wichtigen Beitrag zur Messung von Ungleichheit und einem besseren Verständnis ihrer Genese leisten. Dass dies möglich ist, zeigen beispielsweise die Studien von Bach et al. für Deutschland oder Aaberge et al. und Björklund/Palme für Schweden.12 Administrative Daten und Survey-Daten sollten daher systematischer, als es bislang der Fall war, zusammengeführt und gemeinsam analysiert werden. Dazu sollte die einschlägige Wissenschaft mit der Politik und dem Gesetzgeber systematisch ins Gespräch kommen, nicht zuletzt aufgrund der bei der statistischen Verknüpfung zu beachtenden Datenschutzaspekte.

  • 1 J. Stiglitz: The Price of Inequality, New York 2012.

  • 2 Vgl. M. Drechsel-Grau, A. Peichl, K. D. Schmid: Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland: Spitzeneinkommen – ein Missing-Link, in: Wirtschaftsdienst, 95. Jg. (2015), H. 10, S. 684-688.

  • 3 Ebenda S. 684.

  • 4 Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Pressemitteilung vom 12.10.2015, http://www.zew.de/de/presse/3165?twt.

  • 5 Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe als amtliche Datenquelle schließt Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von über 18 000 Euro und mehr explizit aus.

  • 6 C. Schröder, T. Bönke: Country inequality rankings and conversion schemes, Economics – The Open-Access, in: Open-Assessment E-Journal, Kiel Institute for the World Economy, 6. Jg. (2012), Nr. 2012-28, S. 1-43.

  • 7 M. Drechsel-Grau, A. Peichl, K. D. Schmid: Einkommensverteilung und gesamt-wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland Spitzeneinkommen – ein Missing-Link, 2015, S. 7, http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/DrechselGrau-Peichl-Schmid_2015_Spitzeneinkommen_Missing-Link.pdf.

  • 8 Laut Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter enthält TPP 14 582 142 Datensätze vollständig in allen zehn Jahreswellen. Sie stammen aus den jährlich knapp 27 Mio. veranlagten deutschen Steuerpflichtigen. Die Bevölkerung in Deutschland umfasst aber rund 80 Mio. Personen, d.h., dass ein nicht unerheblicher Teil der in Deutschland wohnenden Bevölkerung in TPP fehlt. Untererfasst sind insbesondere Nichterwerbstätige, Geringverdiener, Schüler, Studenten, zum Teil auch Auszubildende, Arbeitslose, oder Rentner. Alternativ zum TPP stellt das Statistische Bundesamt Einkommensteuerdaten auch im Querschnitt zur Verfügung. Diese sind im Unterschied zu TPP repräsentativ für die Grundgesamtheit der Steuerzahler im jeweiligen Jahr.

  • 9 Tatsächlich findet im SOEP bereits ein Oversampling von Haushalten mit hohen Einkommen statt.

  • 10 Deswegen weist das SOEP seit längerem systematisch darauf hin, dass die Zahl der realisierten Stichprobenfälle im obersten Einkommensbereich zu gering ist, um belastbare eigenständige Analysen zu den Top 1% der Einkommensbezieher vornehmen zu können.

  • 11 Vgl. C. Bartels, K. Jenderny: The Role of Capital Income for Top Income Shares in Germany, World Top Incomes Database (WTID) Working Paper, Nr. 1/2015.

  • 12 S. Bach, G. Corneo, V. Steiner: From Bottom to Top: The Entire Income Distribution in Germany, 1992-2003, in: Review of Income and Wealth, 55. Jg. (2009), Nr. 2, S. 303-330; dies.: Effective Taxation of Top Incomes in Germany, in: German Economic Review, 14. Jg. (2013), Nr. 2, S. 115-137; R. Aaberge, A. Björklund, M. Jäntti, M. Palme, P. Pedersen, N. Smith, T. Wennemo: Income Inequality and Income Mobility in the Scandinavian Countries Compared to the United States, in: Review of Income and Wealth, 48. Jg. (2002), Nr. 4, S. 443-469; A. Björklund, M. Palme: Income Redistribution within the Life Cycle versus between Individuals: Empirical Evidence Using Swedish Panel Data, in: D. Cohen, T. Piketty, G. Saint-Paul (Hrsg.): The Economics of Rising Inequality, Oxford 2002, S. 205-223.

Title: Income Distribution and the Macro Economy in Germany – Importance of Top Incomes: Reply and Response

Abstract: Jan Goebel and Carsten Schröder reply to the proposal of Andreas Peichl et al. to combine the Taxpayer Panel with the German Socio-economic Panel. They concede that both measures help to understand the development of income distribution. But problems may occur because the different concepts are only partially congruent. Peichl et al. also think that complementary analyses of survey data and administrative data offer a better understanding of the evolution of income distribution in Germany, as these provide different information. They argue that mutual cross-checking of both kinds of data as well as plausibility considerations in the macroeconomic context can partly offset imperfect congruency when assessing inequality trends. Linking both kinds of data will further reduce uncertainty about the evolution of income distribution and improve research conditions and policy advice in Germany.

JEL Classification: D31, D33


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