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95. Jahrgang, 2015, Heft 2 · S. 86

Frankenkurs: Zentral für Schweizer Wirtschaft

Jan-Egbert Sturm, Alexander Rathke

Die Aufhebung des Mindestkurses des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro am 15. Januar 2015 hat die Welt stark überrascht. Seit Dezember 2014 war der Druck auf die Untergrenze wegen der in Aussicht stehenden weiteren Lockerung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB), der Verunsicherung im Vorfeld der Wahlen in Griechenland und der Rubelkrise gestiegen. Seit Ende 2013 verlor der Euro nach mehreren Lockerungsschritten der EZB 15% seines Wertes gegenüber dem US-Dollar und zog den Schweizer Franken mit sich. Diese Entwicklungen trugen zur Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank bei, den Mindestkurs aufzuheben und mit der Hilfe von Negativzinsen die Zinsdifferenz zum Euroraum wieder zu erhöhen. Die Schweizerische Nationalbank ist somit der US-amerikanischen Zentralbank gefolgt und hat mit dem Ausstieg aus der "unkonventionellen" Geldpolitik begonnen, während die EZB den geldpolitischen Ausnahmezustand nun vollends ausgerufen hat. Kurzfristig führte dies zu einer fast 20%igen Aufwertung des Frankens.

Zwar hat der Franken über Jahrzehnte hinweg gegenüber einem Korb von 41 Währungen von Handelspartnern stetig nominell aufgewertet. Gleichzeitig war aber auch die Inflationsrate in der Schweiz meistens tiefer als jene in den Partnerländern. Somit blieb der reale effektive Wert – abgesehen von den Krisenperioden in den 1970er Jahren und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise – trotz Schwankungen über längere Zeiträume hinweg recht stabil. In internationalen Krisenzeiten, die gleichzeitig auch Kapitalfluchtzeiten sind, legt der Schweizer Franken beinahe traditionell inflationsbereinigt deutlich an Wert zu. Nach dem Schock der Aufgabe der Untergrenze lag der reale Wert des Frankens so hoch wie nie zuvor und war aus kaufkraftparitätischer Sicht klar überbewertet. Mittel- bis längerfristig, d.h. wenn die sogenannte Safe-Haven-Funktion wieder nachlässt, müsste also eine Abwertung möglich sein.

Wie würde sich eine andauernde Frankenstärke auf die Schweizer Wirtschaft auswirken? Eine Umfrage der KOF Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zeigt, dass der Effekt von "Wechselkursschocks" stark von der Branchenzugehörigkeit abhängt. So büßt wenig überraschend die Tourismusbranche deutlich an Wettbewerbsfähigkeit ein. Die exportorientierten Industrieunternehmen sind ebenfalls stark betroffen und erwarten deutliche Umsatzrückgänge. Derartige Auswirkungen sind im Baugewerbe dagegen weitaus geringer. Auch wenn viele Unternehmen den negativen Effekt abdämpfen können, indem sie Vorleistungen importieren, wird die Schweizer Wirtschaft gemäß unserer jüngsten Institutsprognose vom 28. Januar 2015 in diesem Sommerhalbjahr eine Rezession durchmachen, wenn der Wechselkurs weiterhin nahe der Parität verbleibt.

Nach einer dreieinhalbjährigen "Ruhephase" unter dem Schirm des Mindestkurses, in der sie die vorherige starke Aufwertungsphase zu verdauen hatte, muss sich die Schweizer Wirtschaft jetzt wieder, möglicherweise heftigen, Wechselkursschwankungen stellen. Bleibt der Franken nahe der Parität, stellt dies viele Firmen vor große Herausforderungen. Sie werden sich dann nochmals einer Rosskur unterziehen und sich den neuen Bedingungen anpassen müssen. Wie schnell ihnen das diesmal gelingt, welche strukturellen Änderungen das mit sich bringen wird und inwieweit auch diesmal die Binnenkonjunktur als Stabilisator auftreten kann, ist allerdings noch schwer abzuschätzen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass der Franken in nächster Zeit wieder etwas an Wert verliert. Das würde die Notwendigkeit zu harten Strukturanpassungen naturgemäß reduzieren. Zentral für die Zukunft der Schweizer Volkswirtschaft wird also sein, auf welchem Niveau sich der Wert des Frankens in den nächsten Wochen und Monaten einpendeln wird.

Jan-Egbert Sturm, Alexander Rathke

ETH Zürich, KOF Konjunkturforschungsstelle

sturm@kof.ethz.ch


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