Ein Service der

Inhalt

95. Jahrgang, 2015, Heft 2 · S. 84-85

Ölmarkt: Niedrige Preise – ein Wunder?

Manuel Frondel

Der Preis für Rohöl fällt und fällt. Das ist für viele überraschend, am meisten wohl für die Peak-Oil-Pessimisten, die das Maximum der globalen Ölförderung in sehr naher Zukunft erreicht, wenn nicht gar bereits überschritten gesehen haben. Die innerhalb eines halben Jahres dramatisch gesunkenen Ölpreise widerlegen nun sowohl die Peak-Oil-Hypothese als auch Mutmaßungen über einen immer weiter steigenden Rohölpreis.

Diese Theorien verwundern doch sehr, da sich Rohstoffmärkte bekanntermaßen zyklisch verhalten. Sind die Preise niedrig, wird wenig in die Exploration und Erschließung neuer Ölfelder investiert. Das war besonders nach der Asienkrise 1998 der Fall, als der Preis unter 10 US-$ pro Barrel (159 Liter) Rohöl fiel. Trifft ein daraus resultierendes niedriges Angebot auf eine stark steigende weltwirtschaftliche Nachfrage, wie dies – nicht zuletzt befeuert durch das Wachstum Chinas – bis zur Finanzkrise 2008 der Fall war, steigen die Preise, bis zum bisherigen Allzeithoch von knapp 150 US-$ im Jahr 2008. Wenn sich das Preisniveau auf hohem Niveau als stabil erweist, wie z.B. in den Jahren 2010 bis 2013, werden immer mehr Investitionen und Projekte zur Erhöhung der Ölproduktion getätigt. Die Ausweitung des Angebots ist die Voraussetzung für wieder sinkende Preise.

Neben hohen Preisen hat auch der technologische Fortschritt Auswirkungen. Dieser ermöglichte die wirtschaftliche Gewinnung der als unkonventionelle Vorkommen bezeichneten Schieferölvorräte. Die USA konnten damit den Rückgang ihrer heimischen Ölproduktion stoppen und ihre Nettoimporte zwischen 2003 und 2013 deutlich von rund 11 Mio. auf 6,5 Mio. Barrel pro Tag verringern. Die dem Weltmarkt nun zusätzlich zur Verfügung stehenden 4,5 Mio. Barrel bedeuten einen Anteil von rund 5% des täglichen weltweiten Verbrauchs von aktuell rund 91 Mio. Barrel. Somit sind sowohl die lange Zeit als richtig erachteten Vorhersagen des Geologen Marion King Hubbert, nach denen die Erdölproduktion in den USA ihren Höhepunkt bereits Ende der 1960er Jahre erreicht hätte, als auch die sich darauf stützende Peak-Oil-Hypothese endgültig widerlegt.

Ungewöhnlich ist allerdings die Reaktion der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC), die auf nachhaltig fallende Preise üblicherweise mit Förderkürzungen reagierte. Vor allem der größte Ölproduzent der OPEC, Saudi-Arabien, hat seine bekannte Rolle als "Swing Producer" vorerst aufgegeben und sein Angebot trotz fallender Preise nicht verringert. Womöglich hoffen die Saudis mit dieser Strategie zur Begrenzung des Marktpreises die wieder erstarkte Konkurrenz aus den USA schwächen zu können und den Markteintritt anderer potenzieller Anbieter von Schieferöl, wie China, Russland oder Kanada, zu verhindern.

Was die Staatshaushalte vieler OPEC-Mitglieder und auch Russlands derzeit massiv beeinträchtigt, freut die Verbraucher: Verglichen mit dem früheren Preisniveau von über 100 US-$ werden beim derzeitigen Preis von unter 50 US-$ übers Jahr gerechnet mehr als 1,66 Billionen US-$ umverteilt – zulasten der Produzenten. Während bedeutende Ölproduzenten, insbesondere die russische Wirtschaft, ins Schlingern geraten könnten, wirkt dies in den Verbraucherländern wie ein riesiges Gratis-Konjunkturprogramm. Von sehr langer Dauer dürfte dieser Zustand aufgrund der Zyklizität des Marktes aber nicht sein: Die niedrigen Preise von heute sind die Ursache für die hohen Preise von morgen.

Manuel Frondel

Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung

Manuel.Frondel@rwi-essen.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?