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95. Jahrgang, 2015, Heft 3 · S. 156-157

Deflation: Gelassen ins Auge blicken

Henning Klodt

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Deflation. In jüngster Zeit hat es viel zu tun, denn es muss eine EZB-Politik rechtfertigen, die ohne seine Hilfe vielleicht sogar als verantwortungslos angesehen werden könnte.Deflation ist kein neues Phänomen, sondern war in früheren Jahrhunderten weit verbreitet. Die regelmäßig wiederkehrenden Deflationsphasen lösten damals allerdings keinerlei Angst und Schrecken aus. Das änderte sich mit der großen Depression der frühen 1930er Jahre, als stark sinkende Güterpreise die Nominaleinkommen der Wirtschaftssubjekte reduzierten, während die nominalen Altschulden davon unberührt blieben. Durch diese reale Aufwertung der Schulden wurden zahllose Unternehmen und Privathaushalte in die Insolvenz getrieben.

Die Gefahren derartiger "Deflationsspiralen" sind auch heute nicht grundsätzlich von der Hand zu weisen. Sie kommen allerdings erst zum Tragen, wenn die Deflation stark ausgeprägt ist, wovon wir im Euroraum weit entfernt sind. Denn die Nominalzinsen werden bei sinkender Inflationsrate ebenfalls zurückgehen. Erst wenn die Kreditzinsen bei Null angelangt sind und die Deflationsrate noch weiter zunimmt, beginnen Realzinsen und realer Schuldendienst zu steigen.

In der öffentlichen Debatte im Euroraum steht allerdings ein ganz anderes Argument im Vordergrund: Schon bei leicht sinkenden Preisen würde der private Konsum beeinträchtigt, so heißt es bei Mario Draghi und anderen Makroökonomen, weil die Kunden in Erwartung weiter sinkender Preise ihre Ausgaben aufschieben würden. Diese Konsumstau-Hypothese erscheint aus mikroökonomischer Sicht alles andere als überzeugend. Denn auf einzelwirtschaftlicher Ebene fallen zahlreiche Güter ins Auge, deren Preise tendenziell sinken, deren Nachfrage aber keineswegs schwächelt. In einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft konnten unter den insgesamt 578 Gütergruppen, die im Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts enthalten sind, 129 Gütergruppen mit nicht nur vorübergehenden, sondern trendmäßigen Preisrückgängen identifiziert werden. Diese wurden nur in 74 Fällen von einem Mengenrückgang begleitet, während die konsumierten Mengen in 116 Fällen sogar stiegen.

Worauf die Preis- und Mengenänderungen im Einzelnen zurückzuführen sind und in welche Richtung die Kausalitäten dabei verlaufen, lässt sich natürlich nicht eindeutig klären. So können sinkende Preise durchaus zu mehr Konsumausgaben ermuntern. Ein Beispiel bieten Digitalkameras, die sich im gesamten Beobachtungszeitraum stark verbilligten und deren Absatzmengen stetig stiegen. Trendmäßig sinkende Preise können aber auch Ausdruck einer nachlassenden Nachfrage sein, wie bei den Dienstleistungen von Fotolabors, die trotz sinkender Preise der Substitutionskonkurrenz der Digitalfotografie nicht gewachsen waren. Besonders aufschlussreich sind die Mengenänderungen bei jenen Gütergruppen, in denen sich die Preistrends zwischen verschiedenen Beobachtungsperioden umgekehrt haben. Derartige Vorzeichenwechsel sind in immerhin 79 Gütergruppen zu beobachten. Dabei zeigte sich, dass die nachgefragten Mengen beim Übergang von steigenden zu sinkenden Preisen in den meisten Fällen nicht zurückgingen, sondern anstiegen. Wenn es auf der Ebene einzelner Güter kaum Evidenz für konsumhemmende Wirkungen sinkender Preise gibt, dann ist schwer nachvollziehbar, weshalb es auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene anders sein sollte. Die EZB wäre gut beraten, bei ihren geldpolitischen Entscheidungen dem Gespenst der Deflation gelassener ins Auge zu blicken.

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft Kiel

henning.klodt@ifw-kiel.de


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