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95. Jahrgang, 2015, Heft 7 · S. 444

Aufstocker: Trotz Mindestlohn: viele bedürftig

Kerstin Bruckmeier, Jürgen Wiemers

Die Zahl der abhängig erwerbstätigen Hartz-IV-Bezieher ist im Februar 2015 im Vergleich zum Dezember 2014 stärker gesunken als in den Vorjahren. Dies geht aus den neuesten veröffentlichten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. Vor dem Hintergrund, dass der Mindestlohn auch mit der Hoffnung verbunden war, mehr Menschen aus der Abhängigkeit von Grundsicherungsleistungen zu bringen, ist der Rückgang angesichts der über 1 Mio. Aufstocker bisher allerdings eher gering. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Die Mehrheit der Aufstocker arbeitet nur in Teilzeit oder in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, sodass selbst bei einem Lohn oberhalb des Mindestlohns kein existenzsicherndes Einkommen erreicht werden kann. Eine weitere Ursache besteht darin, dass in Mehrpersonenhaushalten häufig nur ein Haushaltsmitglied erwerbstätig ist, dessen Einkommen zur Deckung des Haushaltsbedarfs dann nicht ausreicht.

Weiter ist zu beachten, dass ein Mindestlohn Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfrageeffekte auslösen kann. Da Aufstocker mehrheitlich – und häufig deutlich – unterhalb des Mindestlohns beschäftigt waren, sind positive Effekte auf ihr Arbeitsangebot zu erwarten. Gerade weil die Löhne von Aufstockern häufig sehr niedrig waren, mussten diese mit Einführung des Mindestlohns besonders stark angehoben werden, so dass das Risiko von Arbeitsplatzverlusten für Aufstocker überdurchschnittlich hoch ist. Geht der Mindestlohn mit Beschäftigungsverlusten bei Aufstockern bzw. geringeren Beschäftigungschancen der Hartz-IV-Bezieher einher, könnten sich die positiven Effekte ins Gegenteil verkehren: Ein Rückgang der Aufstockerzahlen würde dann bedeuten, dass es weniger Leistungsbeziehern gelingt, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, auch wenn ihre Beschäftigung noch nicht bedarfsdeckend ist. Für eine Bewertung der Beschäftigungswirkungen des Mindestlohns ist es allerdings noch zu früh, die mittel- und langfristigen Effekte bleiben also abzuwarten.

Lässt man sich trotzdem auf eine Interpretation der aktuellen Zahlen ein, so muss diese zu einem ambivalenten Ergebnis kommen. Die Zahl der abhängig beschäftigten Aufstocker ist von Dezember 2014 bis Februar 2015 um knapp 43 000 zurückgegangen. Der Rückgang war damit etwa doppelt so stark wie im gleichen Zeitraum der beiden vorhergehenden Jahre. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher hingegen ist in diesem Zeitraum im üblichen Umfang gestiegen, und zwar um 75 000 Personen. Differenziert man nach den Hinzuverdiensten, so zeigt sich folgendes Bild: Von den 43 000 Aufstockern entfallen gut 28 000 auf Minijobber. Bei der – allerdings kleinen – Gruppe der Aufstocker mit Verdiensten über monatlich 1200 Euro gab es hingegen sogar eine Zunahme um 1%. Insgesamt zeigt sich damit eine Entwicklung, wie sie schon seit einigen Jahren zu beobachten ist: Die Verdienststruktur der Aufstocker verschiebt sich tendenziell hin zu höheren Verdiensten. Dieser dem allgemeinen Lohnwachstum zuzuschreibende Effekt dürfte sich durch die Einführung des Mindestlohns tendenziell verstärkt haben. Ebenfalls dürfte der im Januar überdurchschnittlich starke Rückgang der geringfügigen Beschäftigung in Deutschland auch einen Teil der Aufstocker betroffen haben. Ob ihre Beschäftigungsverhältnisse verloren gegangen sind oder in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze umgewandelt wurden, kann derzeit nicht beantwortet werden. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die bisherige Entwicklung die Erwartungen der Experten bestätigt: Große Effekte auf die Aufstockerzahlen sind ausgeblieben.

Kerstin Bruckmeier, Jürgen Wiemers

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

kerstin.bruckmeier@iab.de, juergen.wiemers@iab.de


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