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95. Jahrgang, 2015, Heft 7 · S. 446

Russlandhandel: Begrenzte Folgen der Sanktionen

Claus-Friedrich Laaser

Im Juni 2015 hat die Europäische Union ihre Sanktionen gegen Russland verlängert. Und auch Russland hat beschlossen, seine Gegensanktionen aufrechtzuerhalten. Als die EU im vergangenen Jahr infolge der russischen Annexion der Krim und der Aktivitäten in der Ukraine ihre Sanktionen gegen Russland erlassen hatte und Russland mit Gegensanktionen antwortete, zeichneten viele Beobachter zunächst ein Schreckensszenario. Sie erweckten den Anschein, als stünde durch die Beeinträchtigungen der Handelsströme mit einem wichtigen Handelspartner – vor allem durch die im Raume stehenden Drohung einer weiteren Eskalation – der Wohlstand in Deutschland und Europa insgesamt auf dem Spiel.

Nunmehr ist es Zeit für eine erste Bilanz. Grundsätzlich gilt sicher: Sanktionen sind immer ein zweischneidiges Schwert, sind sie doch eine willentliche Beschränkung des freien Handels, der theoriegemäß den Wohlstand der handelnden Nationen erhöht. Sie sind also stets mit Kosten verbunden. Und ihre Wirksamkeit hinsichtlich des Erreichens politischer Ziele kann ebenfalls häufig in Zweifel gezogen werden. Was hat sich nun seit dem vergangenen Sommer im Russlandhandel getan? In der Tat ist der Handel der EU-28-Mitgliedstaaten mit Russland 2014 gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgegangen; die Exporte nach Russland sind um 13½%, die Importe von dort um 12% gefallen. Blicken wir auf Deutschland, das den EU-Handel mit Russland nicht unwesentlich prägt, so fällt der Rückgang noch deutlicher aus. Der deutsche Warenexport nach Russland ist 2014 um mehr als 18% gefallen, von vorher knapp 36 Mrd. auf etwas mehr als 29 Mrd. Euro. Russland ist damit weiter in der Rangskala der wichtigsten Zielländer der deutschen Exporte zurückgefallen: Hatte es 2013 mit einem Anteil von 3,3% der deutschen Exporte nur knapp den Sprung in die Top 10 verfehlt, rutschte es 2014 mit nur noch 2,6% auf Platz 13 ab. Etwas größer ist nach wie vor die Bedeutung Russlands als Quelle deutscher Importe: Der Anteil ging von 4,6% auf 4,2% zurück, Russland ist jetzt noch Deutschlands zehntwichtigster Handelspartner, 2013 lag es noch auf Platz 6.

Den Rückgang allerdings durch die Sanktionen zu begründen, führt in die Irre. Russland hatte bereits seit 2012 Wachstumsprobleme, wodurch das Russlandgeschäft schrumpfte. Schon 2013 waren die deutschen Exporte nach Russland gegenüber 2012 um 6% gefallen. Und dann kam 2014 noch der unerwartete Einbruch bei den Ölpreisen hinzu. Man muss in diesem Zusammenhang berücksichtigen, dass ein Großteil der russischen Staatseinnahmen aus den Erlösen seiner Erdöl- und Erdgaslieferungen besteht. Wenn hier plötzlich Einnahmen wegbrechen, beeinträchtigt das die auf Rohstoffexporte konzentrierte russische Wirtschaft in erheblichem Maße. Und wenn man dann noch ins Kalkül zieht, dass zwischenzeitlich der Rubelkurs förmlich einbrach und sich damit Importe aus den westlichen Lieferländern deutlich verteuerten, dann ist der Exportrückgang nicht unwesentlich auf diese Faktoren zurückzuführen.

Hinzu kommt: Dem Rückgang der deutschen Exporte nach Russland um 18% steht ein Zuwachs der deutschen Exporte auf den Weltmärkten insgesamt um 3,7% gegenüber. Hier zeigt sich, dass die Schwergewichte der deutschen Exportwirtschaft, die in den Jahren zuvor ihre Marktposition in Russland ausgebaut hatten, zwar sicher Kosten in Form von Exportrückgängen zu diesem Partner zu verzeichnen hatten. Aber zugleich ist es den "global players" offensichtlich gelungen, auf anderen Märkten stärker zu expandieren und die Verluste aus dem Russlandgeschäft zu kompensieren. Fazit: Kosten der Sanktionen sind wohl zu verzeichnen, im Einzelfall vielleicht auch schmerzliche, aber insgesamt halten sich die Auswirkungen auf die Handelsströme in Grenzen.

Claus-Friedrich Laaser

Institut für Weltwirtschaft Kiel

Claus-Friedrich.Laaser@ifw-kiel.de


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