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95. Jahrgang, 2015, Heft 8 · S. 514

Chinesischer Aktienmarkt: Neue Normalität

Martin Klein

Seit dem letzten Spitzenwert von 5166 Punkten am 12. Juni hat der wichtigste chinesische Aktienindex (Shanghai Composite) bis Anfang August 30% verloren. Das bedeutet einen Verlust von ca. einem Prozentpunkt pro Börsentag in einem Zeitraum, in dem der DAX nahezu unverändert geblieben ist. Was geht vor in China?

Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Sie reichen von Warnungen, die das Ende des chinesischen Wirtschaftswachstums vorhersagen (mit entsprechenden negativen Konsequenzen für die deutsche Exportkonjunktur), bis hin zu der nüchternen Einschätzung, dass am chinesischen Aktienmarkt eine notwendige Preiskorrektur stattfindet, durch die sich die Übertreibungen der vorangegangenen sechs Monate zurückbilden. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Chinas Wirtschaftswachstum ist seit Jahren im Abschwung. Wachstumsraten von über 10%, die von China geradezu erwartet wurden, gehören der Vergangenheit an. Der Parteivorsitzende Xi Jinping zielt mit seiner Politik der Neuen Normalität auf stetiges und nachhaltiges, dafür aber auch geringeres Wirtschaftswachstum. Der Boom am chinesischen Aktienmarkt, der alle anderen Märkte in Asien überholt hatte, war damit auf die Dauer nicht vereinbar. Diese Blase ist zu Recht geplatzt und die Preiskorrektur könnte sich auch noch eine Zeit lang fortsetzen.

Die Diagnose ist also eher einfach, doch was sind die Folgen? Eine zunehmende Zahl von chinesischen Sparern ist bei steigenden Kursen in den Aktienmarkt eingestiegen, teilweise mit geliehenem Geld. Sie haben die Blase angetrieben, doch jetzt erleiden sie erhebliche Vermögensverluste, die den privaten Verbrauch bremsen können. Die Zahl der chinesischen Aktienbesitzer ist mit geschätzten 90 Mio. zwar größer als die deutsche Bevölkerung, doch im Vergleich zur chinesischen Bevölkerung klein. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der Einbruch der Börsenkurse zu einem Anstieg fauler Kredite im Finanzsystem führen könnte, dürften sich die konjunkturellen Folgen in Grenzen halten.

Spannender ist die Frage, welche Rolle die Börse im chinesischen Wirtschaftssystem der Zukunft spielen wird. Die aktuellen Vorgänge werden in der chinesischen Führung die Auffassung bestärken, dass Vertrauen in die Effizienz der Finanzmärkte naiv ist, Kontrolle und Intervention dagegen unverzichtbar sind. Sie hat mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen reagiert, um den Einbruch der Börsenkurse aufzuhalten.

Neben den in Europa und USA praktizierten Liquiditätsausweitungen kommt dabei nicht nur lupenreine Marktwirtschaft zum Einsatz. Ein Verbot von Aktienverkäufen durch große Anteilseigner, sowie eigene Aktienkäufe durch den chinesischen Staat über verschiedene staatseigene Institutionen gehören dazu. Eine wichtige Rolle spielt dabei die China Securities Corporation (CSF), eine 2011 gegründete, bisher eher obskure staatliche Finanzinstitution, deren ursprünglicher Zweck die Finanzierung des Marginhandels mit großen Hebeln an der Börse war. In den letzten Wochen ist sie mit Stützungskäufen direkt in den Aktienmarkt eingestiegen, wobei sie durch die chinesische Notenbank finanziert wird. Das massive staatliche Engagement an der Börse kann nicht so schnell wieder rückgängig gemacht werden. Man darf vermuten, dass es Teil der Neuen Normalität wird. Xi Jinping bleibt damit der Linie seiner Vorgänger treu. Marktwirtschaft pur wird es in China nicht geben. Es gilt der Primat der Politik.

Martin Klein

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

martin.klein@wiwi.uni-halle.de


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