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95. Jahrgang, 2015, Heft 8 · S. 572-574

Ökonomische Trends

Einkommensungleichheit in Deutschland

Peter Krause

Dr. Peter Krause ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Zunehmende Einkommensungleichheit hat nach einem aktuellen OECD-Bericht langfristig in vielen OECD-Ländern zu einem verringerten Wirtschaftswachstum beigetragen.1 Auch in Deutschland ist die Ungleichheit der verfügbaren Nettoeinkommen der privaten Haushalte bis Mitte der 2000er Jahre gestiegen. Im selben Zeitraum hat sich auch die Armutsrisikoquote erhöht. Seitdem verharren Einkommensungleichheit und Armutsrisiken weiterhin auf hohem Niveau. Auf Grundlage der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ist die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte – gemessen am Gini-Koeffizienten (vgl. Abbildung 1) – von 1994 bis Mitte der 2000er Jahre deutlich gestiegen und bleibt seitdem weiterhin hoch.2 Dafür ist vor allem die stark zunehmende Ungleichheit in den zugrunde liegenden Markteinkommen der privaten Haushalte maßgebend.3 Der Abstand der Gini-Koeffizienten zwischen Markt- und verfügbaren Einkommen veranschaulicht das Ausmaß, um das die Ungleichheit der am Markt erzielten Einkommen durch staatliche Umverteilung bei den privaten Haushalten reduziert wird. Wie in Abbildung 1 zudem ersichtlich ist die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland seit 2000 ebenfalls gestiegen, sie ist aber weiterhin geringer ausgeprägt als in Deutschland insgesamt.4 Im Unterschied dazu ist die Ungleichheit der zugrunde liegenden Markteinkommen in Ostdeutschland bereits unmittelbar nach der Wiedervereinigung stärker gestiegen, sie liegt nunmehr seit Mitte der 1990er Jahre über dem gesamtdeutschen Niveau und sank nach 2006 ab. Der Umfang der Einkommensumverteilung durch sozialstaatliche Maßnahmen ist in Ostdeutschland weiterhin stärker ausgeprägt als in Deutschland insgesamt. Die quantitativ bedeutsamste Komponente der Haushaltsmarkteinkommen sind die im Haushalt erzielten individuellen Erwerbseinkommen. Die Ungleichheit der Erwerbseinkommen hat sich innerhalb der letzten zwei Dekaden ebenfalls erhöht. Sie ist unter den 25- bis 64-jährigen Erwerbstätigen in Ostdeutschland niedriger als im Bundesgebiet insgesamt.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Entwicklung der Einkommensungleichheit

Gini-Koeffizient

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HH = Haushalt; Gini-Koeffizient: (0=maximale Gleichheit, 1=maximale Ungleichheit); HH-Nettoeinkommen (>0) und HH-Markteinkommen (>=0) im Vorjahr, äquivalenzgewichtet, revidierte OECD-Skala; Erwerbseinkommen (>0) im Monat; alle Einkommen zu Preisen von 2013 (bis 1998 getrennte Preisanpassung für West- und Ostdeutschland); zusätzlich zu den Werten sind die 95%-Konfidenzintervalle angegeben.

Quelle: SOEPv30l; eigene Berechnung.

 

Einkommensschichtung

Die Zunahme der Einkommensungleichheit beruht auf Verschiebungen in der Einkommensschichtung. Dies wird deutlich, wenn man die nach der Höhe des verfügbaren Einkommens gruppierten Bevölkerungsschichten im zeitlichen Verlauf betrachtet. Diese werden anhand gleicher relativer Einkommensabstände gruppiert.5 Auf diese Weise lassen sich die Bevölkerungsschichten unterhalb der Armutsrisikogrenze, prekäre Einkommensverhältnisse, mittlere Einkommensschichten unter- und oberhalb des Medians, gehobene Wohlstandsniveaus sowie die Einkommensgruppen in relativer Wohlhabenheit und Reichtum unterscheiden.

Abbildung 2a gibt die Verschiebung der Bevölkerungsanteile im Zuge der zunehmenden Einkommensungleichheit für die letzten beiden Dekaden – zusammengefasst zu durchschnittlich vier 5-Jahresgruppen – wieder. Die Bevölkerungsanteile unterhalb der Armutsrisikogrenze sind demnach im zeitlichen Verlauf gestiegen, im mittleren Einkommenssegment ober- und unterhalb des Medians gesunken, und die Anteile der in Wohlhabenheit lebenden Bevölkerungsgruppen haben zugenommen. In den beiden zurückliegenden Dekaden erfolgte demnach ein Rückgang der mittleren Einkommensgruppen und – damit verbunden – eine zunehmende Einkommenspolarisierung der Bevölkerung.6

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Einkommensschichtung und -entwicklung 1995 bis 2013
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Einkommensschichtung: 30% Einkommensdifferenz zur jeweils nächsten Einkommensschwelle (Median als Referenz); Haushaltsnettoeinkommen (>0) und Haushaltsmarkteinkommen (>=0) im Vorjahr, äquivalenzgewichtet, revidierte OECD-Skala; Erwerbseinkommen (>0) im Monat; alle Einkommen zu Preisen von 2013 (bis 1998 getrennte Preisanpassung für West- und Ostdeutschland); zusätzlich zu den Werten sind die 95%-Konfidenzintervalle angegeben.

Quelle: SOEPv30l; eigene Berechnung.

 

Die Abbildungen 2b und 2c verdeutlichen die Einkommensentwicklungen innerhalb der nach den verfügbaren Einkommen gebildeten Bevölkerungsgruppen.7 Die verfügbaren Einkommen weisen für die untere Einkommenshälfte im gesamten Zeitraum keine durchschnittlichen realen Steigerungen mehr auf (vgl. Abbildung 2b). Das Wohlstandsniveau bzw. die Kaufkraft hat sich demnach in den unteren und mittleren Einkommenslagen seit Mitte der 1990er Jahre kaum mehr verändert. Vor allem in der obersten Einkommensgruppe sind hingegen im selben Zeitraum kräftige Einkommenszuwächse zu verzeichnen. Dies wird noch augenscheinlicher bei den in den Haushalten erzielten Markteinkommen, die Entwicklung indiziert so auch eine zunehmende Polarisierung zwischen den Privathaushalten hinsichtlich der Beteiligung am Arbeits- und Kapitalmarkt. Die individuellen Erwerbseinkommen sind im Mittel in den letzten beiden Dekaden für die unteren und prekären Einkommensschichten sogar eher rückläufig (vgl. Abbildung 2c). Auch hier zeigen sich in der obersten Einkommensklasse im zeitlichen Verlauf deutliche reale Einkommenszuwächse.

Armutsrisiken und Niedrigeinkommensquoten

Der Bevölkerungsanteil in relativer Einkommensarmut ist nach 1995 zunächst zurückgegangen, dann von 2001 bis 2005 signifikant gestiegen und stagniert in den letzten Jah­ren (vgl. Abbildung 3). Die ohnehin höheren Armutsrisiken sind in der ostdeutschen Bevölkerung im Zuge der Rezessionsphase bis 2005 überproportional gewachsen – die Armutsdifferenz zum Bundesgebiet insgesamt hat sich dadurch vergrößert. Die aus den individuellen Brutto-Erwerbseinkommen abgeleiteten Niedrigeinkommensquoten sind bereits seit 1995 zunächst langsam, ab 2000 dann stärker angestiegen und weisen ab 2005 nur mehr geringfügige Änderungen auf. Die entsprechenden Niedrigeinkommensquoten der 25- bis 64-jährigen Erwerbstätigen liegen für Ostdeutschland deutlich höher als im Bundesgebiet insgesamt.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Relative Einkommensarmuts-Risikoquoten und Niedrigeinkommensquoten

in %

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Einkommensarmut: <60% Haushaltsnettoeinkommen (Vorjahr, äquivalenzgewichtet, revidierte OECD-Skala); Niedrigeinkommen: <66% Median, Erwerbseinkommen im Monat, zu Preisen von 2013; Niedriglohn: <66% Median der Stundenlöhne (Erwerbseinkommen im Monat/Arbeitszeit), zu Preisen von 2013; zusätzlich zu den Werten sind die 95%-Konfidenzintervalle angegeben.

Quelle: SOEPv30l; eigene Berechnung.

 

Weitergehende Differenzierungen nach Altersgruppen offenbaren zudem eine Verschiebung der demografischen Risikogruppen. Waren Mitte der 1990er Jahre Kinder (bis 14 Jahren) noch überproportional von Armut betroffen, so unterscheidet sich deren Armutsquote heute kaum mehr von der der Gesamtbevölkerung. Stattdessen haben sich die Armutsrisiken der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 24 Jahren erhöht.8 Davon war die ostdeutsche Bevölkerung überproportional betroffen, aber auch die Armutsrisiken der im Übergang zum Ruhestand befindlichen Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen blieben weiterhin hoch.9 Die zuletzt wieder zunehmenden Armutsrisiken der Älteren (ab 65 Jahren) liegen in Ostdeutschland weiterhin unter denen der gesamtdeutschen Altersgruppen – sie sind hier aber ebenfalls gestiegen und entsprechen jetzt dem durchschnittlichen Niveau der Bevölkerung in Deutschland insgesamt.

Die aufgezeigten Ergebnisse lassen allerdings weder Schlussfolgerungen auf die Ursachen zu noch lassen sich hieraus zuverlässige Prognosen ableiten. Die Befunde legen jedoch einen hohen Einfluss der Entwicklungen am Arbeitsmarkt nahe – daneben sind Einflüsse sozialstaatlicher Maßnahmen, Veränderungen im Kapitalgefüge, sowie sozio-demografische und siedlungsstrukturelle Veränderungen wirksam. Maßgebend für die zunehmende Einkommens­ungleichheit der privaten Haushalte ist der starke Ungleichheitsanstieg der in den Haushalten erzielten Markteinkommen seit Beginn der 1990er Jahre, der wiederum mit zunehmend ungleichen Erwerbseinkommen und Löhnen10 sowie Lebenseinkommen11 korrespondiert. Der Ungleichheitsanstieg der Erwerbseinkommen geht einher mit hohen Einkommensgewinnen im obersten Einkommenssegment und stagnierenden und in Teilen sogar rückläufigen Realeinkommen bei den unteren Einkommensschichten.12 Auch wenn sich die Niedrig­einkommensquoten in den letzten Jahren wieder etwas stabilisiert haben, so ist der Anteil an geringfügig Beschäftigten, Mini- und Midi-Jobbern sowie Personen mit prekären Beschäftigungen und Honorarverträgen ohne ausreichenden Sozialschutz weiterhin hoch.13

Die Veränderungen am Arbeitsmarkt sind insbesondere im Kontext des SBTC-Ansatzes (Skill-biased Technological Change) vielfach diskutiert worden.14 Im Übergang zu dem als "Industrie 4.0" bezeichneten Einsatz von automatisierten Produktionsprozessen ergeben sich weitere Herausforderungen, die nicht nur die Entwicklung der Erwerbsstruktur und Erwerbseinkommen selbst,15 sondern auch die künftige Wohlstandsverteilung insgesamt tangieren. Flexiblere Lebensformen bei verlängerter Lebenserwartung und Leistungsfähigkeit sowie wachsende internationale kurz- und längerfristige Migrationsbewegungen im globalen Austausch generieren neue Spannungen sowie Herausforderungen – aber auch neue Möglichkeiten hinsichtlich der Verteilung von Einkommen und Lebenschancen. Verteilungsfragen – nicht nur die der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte sondern auch der Lebenschancen insgesamt – bleiben somit auf absehbare Zeit im Focus der arbeitsmarkt-, sozial- und wirtschaftspolitischen Aufmerksamkeit.

  • 1 OECD: In It Together: Why Less Inequality Benefits All, OECD Publishing, Paris 2015, http://dx.doi.org/10.1787/9789264235120-en.

  • 2 J. Goebel, M. Grabka, C. Schröder: Einkommensungleichheit in Deutsch­land bleibt weiterhin hoch – junge Alleinlebende und Berufseinsteiger sind zunehmend von Armut bedroht, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 25/2015, S. 571-586; M. Grabka: Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland, S. 368-397; ders.: Ungleichheit in Deutschland − Langfristige Trends, Wendepunkte, in: Sozialer Fortschritt, 63 (12), S. 301-307; M. Grabka, J. Goebel, J. Schupp: Höhepunkt der Einkommensungleichheit in Deutschland überschritten?, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 43/2012, S. 3-15.

  • 3 Vgl. M. Biewen, A. Juhasz: Understanding Rising Income Inequality in Germany, 1999/2000-2005/2006, in: Review of Income and Wealth, Bd. 58, S. 622-647; J. Goebel, P. Krause, R. Habich: Einkommensentwicklung – Verteilung, Angleichung, Armut und Dynamik, in: Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.): Datenreport 2013, Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, S.168-180.

  • 4 J. Goebel, R. Habich, P. Krause: Ost-West-Angleichung von Einkommen und Zufriedenheit im Lebenszyklus, in: P. Krause, I. Ostner (Hrsg.): Leben in Ost- und Westdeutschland. Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990-2010, Frankfurt a.M. 2010, S. 463-491; P. Krause, I. Ostner: Wiedervereinigung, in: S. Mau, N. Schöneck (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, S. 949-965.

  • 5 Vgl. P. Krause: Redistributive Impact of Government and Private Household Activities. Trends in Equivalized Household Net Incomes and Intra-household Earnings in Germany, 1985-2005, in: Intervention, 5 (1), S. 129-153; ders.: Quality of Life and Inequality, in: SOEPpapers, Nr. 765, DIW Berlin, Berlin 2015.

  • 6 C. Burkhardt et al.: Mittelschicht unter Druck?, Gütersloh 2013.

  • 7 Sämtliche Einkommensangaben in Preisen von 2013.

  • 8 P. Krause et al.: Zur Entwicklung von Armutsrisiken bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in: Sachverständigenkommission 14. Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfe in neuer Verantwortung, München 2013; J. Goebel, M. Grabka, C. Schröder, a.a.O.

  • 9 J. Simonson et al.: Ostdeutsche Männer um 50 müssen mit geringeren Renten rechnen, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 23/2012, S. 3-13.

  • 10 D. Antonczyk et al.: Anstieg der Lohnungleichheit, Rückgang der Tarifbindung und Polarisierung, in: Zeitschrift für Arbeitsmarkt-Forschung, 44. Jg. (2010). S. 15-27.

  • 11 T. Bönke, H. Lüthen: Lebenseinkommen von Arbeitnehmern in Deutsch­land: Ungleichheit verdoppelt sich zwischen den Geburtsjahrgängen 1935 und 1972, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 49/2014.

  • 12 K. Brenke, M. Grabka: Schwache Lohnentwicklung im letzten Jahrzehnt, in: DIW-Wochenbericht, Nr. 45/2011, S. 3-15.

  • 13 M. Biewen, A. Juhasz, a.a.O.; OECD: OECD-Wirtschaftsberichte Deutschland, Paris 2014.

  • 14 M. Biewen, A. Juhasz, a.a.O.; B. Fitzenberger: Expertise zur Entwicklung der Lohnungleichheit in Deutschland, Freiburg 2012; C. Dustmann, J. Leudsteck, U. Schönberg: Revisiting the German wage structure, in: The Quarterly Journal of Economics, 124 (2009), S. 843-881.

  • 15 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): Arbeit Weiter Denken, Grünbuch Arbeiten 4.0, Berlin 2015.


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