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96. Jahrgang, 2016, Heft 1 · S. 2-3

Leitartikel

100 Jahre Wirtschaftspolitik im wissenschaftlichen Diskurs

Brigitte Preissl

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Brigitte Preissl ist Chefredakteurin der Zeitschriften Wirtschaftsdienst und Intereconomics und leitet den Bereich Wissenstransfer Wirtschaftswissenschaften in der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft in Hamburg.

2016 wird der Wirtschaftsdienst 100 Jahre alt. Es verwundert nicht, dass sich über die Zeit inhaltliche Schwerpunkte, Rubriken, Darstellungsformen und das Layout mehrmals gewandelt haben. Gleich geblieben ist jedoch der Auftrag: Es werden Artikel veröffentlicht, die auf wissenschaftlicher Forschung beruhen und zu aktuellen wirtschaftspolitischen Diskursen beitragen. Aktualität, Unabhängigkeit, wissenschaftliche Qualität und wirtschaftspolitische Relevanz sind nach wie vor zentrale Elemente des Zeitschriftenprofils. Das Zeitgespräch ermöglicht es, gezielt aktuelle Fragen aufzugreifen und unter verschiedenen Aspekten zu untersuchen. Die Auswahl der Autoren durch die Redaktion erlaubt es, dabei auch konträre Meinungen zu Wort kommen zu lassen und ein breites Spektrum von Lösungsansätzen darzustellen. Insbesondere in den vergangenen Jahren, die von tiefgreifenden Reformen in Europa, aufeinanderfolgenden Krisen und deren Auswirkungen gekennzeichnet waren, erwies sich dieses Konzept als ausgesprochen förderlich zur Unterstützung wirtschaftspolitischer Diskurse.

Als ich 2007 die Chefredaktion übernahm, war das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) gerade aufgelöst worden, die Bibliothek mit der des Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) verschmolzen, und die Zeitschriften Wirtschaftsdienst und Intereconomics waren der neu gebildeten Stiftung des öffentlichen Rechts "Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften" (ZBW) zugeordnet worden. Hierin lag eine große Herausforderung: Der Wirtschaftsdienst sollte sich ohne Rückendeckung durch ein wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut als unabhängige Zeitschrift behaupten. Dabei galt es, die Zeitschrift nicht nur als eigene Publikation fortzuführen, sondern sie prominent und unübersehbar zu positionieren. Die Unabhängigkeit bot hier die große Chance, eine wirklich neutrale Plattform aufzubauen, die nicht von spezifischen ökonomischen Paradigmen, hauseigenen Stilen oder etablierten Forschungstraditionen, wie sie in wissenschaftlichen Instituten häufig anzutreffen sind, geprägt ist. Neutralität und Pluralität waren in diesem Sinne ein großer Vorteil.

Seit Ende 2007 wurde die wissenschaftliche ebenso wie die wirtschaftspolitische Diskussion von Krisen, deren Ursachen, Bekämpfung und Auswirkungen beherrscht. Naturgemäß nahmen diese Themen in der Zeitschrift großen Raum ein. Neuartige Krisenphänomene forderten die Wissenschaft zum Nachdenken über gängige Interpretationen von Krisen, über die Eigendynamik sich verselbständigender Märkte, die Konstruktion von Währungsräumen und die Funktionsweise des internationalen Finanzsystems auf. Auch die Wirtschaftspolitik musste neue Instrumente entwickeln, die unmittelbar Eskalationen verhindern, aber auch langfristig die Krisenanfälligkeit des Systems verringern konnten. Um die zentralen Themen, wie die Regulierung von Finanz- und Bankensystemen, die Konstituierung eines gemeinsamen Währungsraumes, ein geeignetes Krisenmanagement sowie die Entstehung und Rückführung übermäßiger Staatsverschuldung rankten sich ganze Bündel von Themen, die von der Redaktion des Wirtschaftsdienst in Form von Zeitgesprächen aufgenommen oder durch Einreichungen von Wirtschaftsforscherinnen und Wirtschaftsforschern aufgegriffen wurden. Wichtig war für die Redaktion immer, neben den durch andere Medien vertrauten gängigen Argumentationsmustern auch andere Herangehensweisen zur Diskussion zu stellen. Hintergrundmaterial für öffentliche Diskussionen sollte für die bereits allgemein akzeptierten Argumentationsmuster ebenso bereitgestellt werden wie für bisher kaum beachtete alternative Ansätze, z.B. im Leitartikel von Adalbert Winkler in Heft 5/2010 zur Interpretation der Griechenlandkrise. So rief etwa die Staatsschuldenkrise und deren Handhabung einerseits die Vertreter von Schuldenbremsen, andererseits die Kritiker von Austeritätspolitik auf den Plan. Die Staatsschuldenproblematik löste deutlich sichtbar die Sorge um extrem risikobehaftete Finanzmarktstrategien ab. Diese Entwicklungen lassen sich über die letzten Jahre mühelos anhand von Artikeln im Wirtschaftsdienst nachvollziehen.

So bedeutsam die Krisen auf europäischer Ebene auch waren, die deutsche Wirtschaftspolitik hat ihre eigenen Themen. Beispielsweise gab es seit 2008 etwa 140 Artikel rund um die Gesundheitspolitik, 107 Beiträge zur Rente und 63 zum Länderfinanzausgleich. Auch hier gilt: Neben der Darstellung bekannter Argumentationen wurden ebenso alternative Ansätze zur Diskussion gestellt, ohne die Diskursebene zu verlassen. So geschehen z.B. in einem Aufsatz von Carl-Christian von Weizsäcker zur "Vorsorgeproblematik" (Heft 13/2013). Oft war der Wirtschaftsdienst Vorreiter, indem er in Zeitgesprächen "unübliche" Themen zur Diskussion stellte, die später breiter diskutiert wurden. Zu nennen sind hier etwa das Zeitgespräch zu "Nudging" aus Heft 11/2014, das zur "Sharing Economy" (Heft 2/2015) oder zum Demokratiedefizit in Europa (Heft 8/2008). Das Internet wurde zum zentralen Faktor der wirtschaftlichen Dynamik, Beiträge zum Breitbandausbau, zum geistigen Eigentum in digitalen Umgebungen oder zur Netzneutralität dokumentieren diese Entwicklung. Bereits in Heft 3/2014 wurde im Zeitgespräch die Zuwanderung als Chance diskutiert, und seither erschienen zwölf Beiträge zur Flüchtlingspolitik als Artikel, Leitartikel oder Kommentare im Wirtschaftsdienst.

Den Anforderungen moderner Wissenschaftskommunikation und nicht zuletzt den Erwartungen von Autoren und Lesern gerecht zu werden, verlangt eine konsequente Ausschöpfung der Möglichkeiten moderner Technik. Bei den Zeitschriften wurde das Layout umgestaltet, der Zweifarben-Druck beendete die Zeiten grauer Bleiwüsten, und es wurden Rubriken umbenannt und abgeschafft oder neue eingeführt. Eine professionelle nutzerfreundliche Webseite dient der raschen Information, erlaubt aber vor allem, sich schnell in den vielfältigen Inhalten der Zeitschrift zurechtzufinden und – soweit möglich – den Zugang zu Texten zu realisieren. Ein weiterer Schritt, der die Plattformfunktion der Zeitschriften an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik wirksam unterstützt, war die Organisation von eigenen Veranstaltungen. Die jährliche Konferenz des Wirtschaftsdienst zu einem aktuellen wirtschaftspolitischen Thema findet seit 2009 statt und wird von politischen Entscheidungsträgern und Wissenschaftlern ebenso gern besucht wie von Verbänden und Medienvertretern. Die Beiträge werden jeweils als (neu eingeführtes) Heft 13 des Wirtschaftsdienst publiziert. Seit 2012 wird die Konferenz in Berlin durchgeführt, was insbesondere die Präsenz von Vertretern aus einschlägigen Ministerien deutlich erhöht und die Teilnehmerzahl zuletzt permanent hat wachsen lassen, was die zunehmende Bedeutung des Wirtschaftsdienst in der öffentlichen Diskussion unterstreicht.

Die Entwicklung des Wirtschaftsdienst in den letzten neun Jahren hat gezeigt, dass das Heraustreten aus dem Rahmen eines Wirtschaftsforschungsinstitutes der Zeitschrift nicht geschadet hat. Im Gegenteil: Ich wage zu behaupten, dass Unabhängigkeit und Neutralität neue Möglichkeiten eröffnet haben, Material für wirtschaftspolitische Diskurse breit gefächert bereitzustellen und damit die wissenschaftliche, politische und öffentliche Diskussion zu stimulieren.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren, die zu dieser positiven Entwicklung den wichtigsten Beitrag geliefert haben. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Unser Dank gilt auch allen Leserinnen und Lesern, die das Angebot wissenschaftlich fundierter wirtschaftspolitischer Information angenommen und damit unsere Strategie bestätigt haben.

Brigitte Preissl

ZBW Hamburg

b.preissl@zbw.eu


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