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96. Jahrgang, 2016, Heft 2 · S. 82

China: Im Abwind?

Rolf J. Langhammer

Kann ein Land im Abwind sein, wenn es auch nach Korrektur seiner regierungsamtlichen BIP-Zuwachsprognosen mit immerhin fast 7% (nach Meinung vieler Beobachter 2016 aber eher zwischen 4% und 5%) noch immer den höchsten Wert aller Schwellenländer nach Indien erreichen wird? Ja, es kann im Abwind sein, wenn erstens der Abstiegswinkel steil ist, die Regierung ihn nicht wahrhaben will und stattdessen Beamte im statistischen Dienst disziplinarisch und strafrechtlich verfolgt, wenn sie ein düstereres Bild der Entwicklung zeichnen, wenn zweitens Reformziele und -maßnahmen offensichtlich nicht zusammenpassen, wenn drittens Regierung und Zentralbank bei Marktturbulenzen unklare Signale an die Marktteilnehmer senden und wenn viertens Erwartungen geweckt werden, die als zeitinkonsistent, d.h. als nicht zu verwirklichen, angesehen werden und damit Entscheidungen gegen die Ziele der Regierung auslösen. Alle vier Entwicklungen sind eingetreten.

Erstens lagen im letzten Jahr alle Risiken der Prognosen für China auf der "downside"-Seite und alle bewahrheiteten sich. Der geplante Übergang vom Export- zum Binnennachfragemodell erwies sich als friktionsreicher und gefährlicher für die Beschäftigung, weil die Weltnachfrage nach Chinas Exportgütern exogen bedingt nachließ und das Land als Folge von starken Lohnkostenanstiegen (reale Aufwertung) seinen Vorteil als billiger Produktionsstandort einbüßte. Nach dem Platzen einiger Immobilienblasen ließen sich Kapazitätsüberschüsse im Bausektor und in der Grundstoffindustrie nicht mehr rasch auflösen.Zweitens, die Richtung der Reform des chinesischen Finanzsektors zugunsten der Finanzierung privater Haushalte und kleinerer privater Unternehmen bei marktgerechten Konditionen war zwar vorgegeben, aber die ununterbrochenen Finanzspritzen für defizitäre staatseigene Betriebe, getragen von den staatlichen Banken, passten keinesfalls mit dieser Richtung zusammen. Ein Insolvenzverfahren für diese Betriebe steht nach wie vor aus.Drittens, die Regierung ermunterte Kleininvestoren zum (späten) Engagement am chinesischen Aktienmarkt und weckte damit gleichzeitig Erwartungen, diese Investoren bei Turbulenzen herauszupauken, entgegen der Ankündigung, den Marktkräften zukünftig mehr Raum zu lassen. Dementsprechend erlag die Regierung den Erwartungen und intervenierte am Aktienmarkt gegen den Markt.

Viertens, die chinesische Regierung möchte ihre Währung schnell von einer globalen Fakturierungswährung im Handel auch zu einer globalen Anlagewährung emanzipieren. Dies erfordert Vertrauen der Anleger, das durch den Abbau von Kapitalverkehrskontrollen und den Verzicht auf Interventionen in die Wechselkursbildung gewonnen werden könnte. Gleichzeitig aber sieht China, dass der Abbau dieser Kontrollen in der jetzigen Phase der Unsicherheit den Kapitalexport aus China heraus forcieren, den Abwertungsdruck auf die chinesische Währung verstärken und eine konjunkturell unerwünschte deflatorische Tendenz fördern würde. Also hat sie gegen den Markt interveniert, den Abwertungsdruck vermindert und den Märkten verdeutlicht, dass die chinesische Währung kein Spekulationsobjekt sein soll. Damit hat sie Vertrauen verspielt und den Weg zu einer Anlagewährung zunächst einmal verbaut. Um die gewünschte Kontrolle über die Geldpolitik zu gewinnen, müsste sie die Kapitalverkehrskontrollen eher verstärken als abbauen und damit wieder ihr Bekenntnis zu "mehr Markt" zurücknehmen.

Der Abwind muss kein Dauerzustand sein. China wird sich fangen, wenn die Regierung versteht, dass Transparenz, Glaubwürdigkeit und Signalklarheit kein Ausdruck von Schwäche sondern oberstes Gebot sind, um Finanzmärkte zu überzeugen und zu beeindrucken.

Rolf J. Langhammer

Institut für Weltwirtschaft, Kiel, WHU, Vallendar

rolf.langhammer@ifw-kiel.de


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