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96. Jahrgang, 2016, Heft 9 · S. 628-629

Italiens Bankensektor: Unter Druck

Mechthild Schrooten

Seit nunmehr acht Jahren kommt der italienische Bankensektor nicht in ruhiges Fahrwasser – und das obwohl zunächst milliardenschwere staatliche Rettungsprogramme aufgelegt wurden. Italiens Bankensektor ist der älteste Europas. Die Banca Monte dei Paschi di Siena, die drittgrößte italienische Bank, ist gerade wieder einmal gerettet worden. Die privatwirtschaftlich organisierte Rettungsaktion mit frischem Kapital und der Idee, die notleidenden Kredite an einen Finanzinvestor zu verkaufen, hat verhindert, dass sich eine neue Bankenkrise epidemisch ausbreitet. Dennoch sind die Aktienkurse etlicher Bankhäuser unter Druck geraten. Die Anleger haben das Signal verstanden. Jede Rettung ist nichts anderes als das Symptom einer entschleunigten Bankenreform.

In Italien haben sich die notleidenden Kredite im Bankensektor seit der internationalen Finanzkrise 2008 nicht verringert – sondern vermehrt. Es ist von 360 Mrd. Euro die Rede – erfahrungsgemäß geben solche Zahlen eher die Größenordnung als die faktische Summe wieder. Der größte Teil dieser jetzt als problematisch eingestuften Finanzierungen geht auf Kreditgeschäfte mit dem italienischen Unternehmenssektor zurück. Das Insolvenzrisiko der Unternehmen wurde in das Kreditrisiko der Geschäftsbanken transformiert. Zur aktuellen Bankenkrise in Italien waren also gar keine komplexen, internationalen Finanzprodukte notwendig. Sie ist hausgemacht.

Die aktuelle Krise des italienischen Bankensektors ist jedoch nur teilweise ein Resultat eines Geschäftsmodells, das auf Risiko setzt. Das Risiko von Kreditausfällen ist in konjunkturell schwachen Zeiten besonders hoch. Banken konnten das auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zurückgehende Risiko in der Vergangenheit relativ gut einschätzen. Jetzt jedoch haben sich die Rahmenbedingungen des Bankgeschäfts stark verändert. Jahre nach der internationalen Finanzkrise hat die Europäische Union neue Regulierungsvorschriften vorgelegt und nimmt gerade die größeren Banken genauer unter die Lupe. Dazu kommt die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Für Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB fallen inzwischen negative Zinsen an. Das Kreditgeschäft an Unternehmen soll so belebt werden.

Die großen Banken hatten in der internationalen Finanzkrise gelernt, dass es der Politik in Europa schwer fällt, Bankenschließungen mitzutragen. Klare Kapitalschnitte und radikale Maßnahmen wurden 2008 vermieden. Die bedingungslose, staatliche Bankenrettung ist mit den neuen Spielregeln nicht mehr möglich. Heute ist eine Einbeziehung von Gläubigern und damit Anlegern, aber auch Sparern ein zentrales Element von staatlichen Bankenrettungsprogrammen. Jede staatliche Bankenrettung hätte weitreichende Konsequenzen – nicht nur für das Vertrauen in die Kreditinstitute, sondern auch für die Alterssicherung.

Der italienische Bankensektor ist ein Beispiel für die Folgen einer verschleppten Bankenreform. Auch wenn der deutsche Bankensektor strukturell anders aufgestellt ist, so sind es auch hier immer wieder die größeren Kredit­institute, die in die Schlagzeilen geraten. In der EU ist der Finanzsektor immer noch im Umbruch. Das Thema Bankenrettung wird so noch lange erhalten bleiben.

Mechthild Schrooten

Hochschule Bremen

Mechthild.Schrooten@hs-bremen.de


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