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97. Jahrgang, 2017, Heft 1 · S. 40-44

Analysen und Berichte

Öffentliche Investitionen als Garant der Generationengerechtigkeit

Tom Krebs, Martin Scheffel

Kreditfinanzierte staatliche Investitionsprogramme können zur Sicherung der Generationengerechtigkeit beitragen, wenn sie Wachstumspotenziale stärken und die staatliche Schuldenquote langfristig senken. Eine neue Studie zeigt, dass zielgerichtete Investitionen in Infrastruktur, Hochschulen, Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung in Kitas die Generationengerechtigkeit verbessern. Investitionen in Schulen und Kitas erzielen dabei die höchste fiskalische Effizienz und verbessern zusätzlich die Verteilungsgerechtigkeit. Die Politik sollte die vorhandenen fiskalischen Spielräume für zusätzliche öffentliche Investitionen nutzen.

Prof. Tom Krebs, PhD, lehrt Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, an der Universität Mannheim.

Prof. Dr. Martin Scheffel ist Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, an der Universität zu Köln.

Die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland ist gut. Das Wachstum ist solide, die Beschäftigung liegt auf dem höchsten Niveau seit der Wiedervereinigung und die öffentlichen Haushalte schreiben eine schwarze Null. Diese Momentaufnahme verdeckt jedoch zwei strukturelle Schwächen der deutschen Volkswirtschaft, die den Wohlstand kommender Generationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

Die erste strukturelle Schwäche ist die Alterung der Gesellschaft und der damit verbundene Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Während im Jahr 1990 der Altenquotient noch bei 24 lag, liegt dieser aktuell bei 34 und wird bis zum Jahr 2040 auf 58 ansteigen.1 Diese Entwicklung schwächt das zukünftige Wirtschaftswachstum und gefährdet die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen, sodass der Lebensstandard zukünftiger Generationen möglicherweise unter dem gegenwärtigen Lebensstandard liegen wird. In diesem Sinne gefährdet der demografische Wandel den Wohlstand kommender Generationen in Deutschland.

Die zweite strukturelle Schwäche ist die ungleiche Verteilung des vorhandenen Wohlstands. Die ökonomische Dimension dieses Problems wird üblicherweise durch die Ungleichheit der Einkommen- und Vermögensverteilung erfasst. In Deutschland lässt sich die Ungleichheit der Wohlstandsverteilung auch an der relativ hohen Zahl an Erwerbspersonen ablesen, die entweder langzeitarbeitslos sind oder einer atypischen Beschäftigung im Niedriglohnbereich nachgehen. Eine sehr ungleiche Verteilung des vorhandenen Wohlstands gefährdet die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft und kann zu Konflikten mit tiefgreifenden sozialen und ökonomischen Folgen führen. In diesem Sinne bedroht die Ungleichheit in Deutschland den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Die hier beschriebenen strukturellen Schwächen stellen die Politik vor Herausforderungen und erzwingen ein grundsätzliches Umdenken. Ziel des politischen Handelns muss es sein, den Wohlstand für möglichst viele Menschen in Deutschland langfristig zu sichern. Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Erreichung dieses Ziels beitragen, kann nur eine eingehende wissenschaftliche Analyse klären. Der vorliegende Beitrag evaluiert in diesem Zusammenhang kreditfinanzierte staatliche Investitionsprogramme auf Basis eines mikroökonomisch fundierten makroökonomischen Modells der deutschen Volkswirtschaft.

Öffentliche Investitionen als politische Option

Staatliche Bildungs- und Infrastrukturinvestitionen sind eine politische Option, die strukturellen Schwächen der deutschen Volkswirtschaft zu bekämpfen. Die öffentliche Debatte hinterlässt bei vielen Beobachtern den Eindruck, dass die Wirtschaftswissenschaft bei diesem Thema in zwei gegnerische Lager zerfällt. Auf der einen Seite stehen die ordnungs- und finanzpolitisch geprägten Ökonomen, die einen zu jeder Zeit ausgeglichenen staatlichen Haushalt als notwendige Bedingung für die Sicherung der Generationengerechtigkeit ansehen.2 Auf der anderen Seite befinden sich einige Keynesianer, die auch strukturelle Herausforderungen wie den demografischen Wandel mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen bewältigen möchten.3 Diese übertriebene Lagerbildung lässt leider oftmals vergessen, dass die makroökonomische Forschung eine Mittelposition einnimmt.

Wissenschaftlich fundierte Analysen der langfristigen Effekte staatlicher Investitionsprogramme basieren auf gesamtwirtschaftlichen Wachstumsmodellen, in denen die Auswirkungen auf die Unternehmensproduktivität sowie die Entwicklung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital eine wichtige Rolle spielen. Die neoklassische Theorie zeigt, dass kreditfinanzierte öffentliche Investitionen das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft dann (und nur dann) stärken, wenn die positiven gesamtwirtschaftlichen Effekte größer sind als die durch Zinssteigerungen verursachten Verdrängungseffekte. Auch die Auswirkungen auf die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sind theoretisch nicht eindeutig bestimmt, denn den fiskalischen Kosten stehen fiskalische Gewinne durch Mehreinnahmen aus Steuern und Sozialabgaben sowie gesunkene Ausgaben für Transferzahlungen gegenüber. Ob ein kreditfinanziertes staatliches Investitionsprogramm den Wohlstand kommender Generationen in Deutschland steigert, kann also nur eine eingehende Analyse der quantitativen Relevanz der verschiedenen Effekte entscheiden.

Drei Investitionsprogramme

Das gegenwärtige Niedrigzinsumfeld bedeutet für die öffentliche Hand, dass die fiskalischen Kosten zusätzlicher staatlicher Investitionen zurzeit auf einem historisch niedrigen Niveau liegen. Die günstigen Finanzierungsbedingungen in Verbindung mit dem Investitionsrückstand im Bildungs- und Infrastrukturbereich lassen vermuten,4 dass in der aktuellen Situation ein staatliches Investitionsprogramm einen Beitrag zur Generationen- und Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland leisten kann. In einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Auftrag gegebenen Studie untersuchen wir mittels einer Simulationsanalyse, ob diese Vermutung für zielgerichtete öffentliche Investitionsprogramme zutrifft.5 Dabei geht es um die Auswirkungen der folgenden drei kreditfinanzierten Investitionsprogramme auf die gesamtwirtschaftliche Produktion, die Beschäftigung, die öffentlichen Finanzen und die Verteilung:

  1. Öffentliche Investitionen in Verkehrsinfrastruktur oder digitale Infrastruktur,
  2. öffentliche Investitionen in Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung in Kitas,6
  3. öffentliche Investitionen in Hochschulen.

Um einen Vergleich der verschiedenen Investitionspakete zu ermöglichen, werden die zusätzlichen Staatsausgaben für jede der drei Maßnahmen gleich gesetzt. Die spezifische Kostenstruktur der Investitionsprogramme wird anhand der geschätzten Kosten für den Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung in Kitas verankert. In Deutschland besteht derzeit ein zusätzlicher Bedarf an Ganztagsbetreuungsplätzen in Kitas und Ganztagsunterricht an Schulen für rund 4 Mio. halbtags betreute Kinder. Die einmaligen Investitionskosten werden auf 5000 Euro pro Schulkind geschätzt, weshalb für das komplette Investitionsprogramm einmalige Kosten in Höhe von 20 Mrd. Euro anfallen. Zusätzlich betragen die laufenden Kosten 1500 Euro pro Kind und Jahr, sodass das komplette Investitionsprogramm laufende Kosten von 6 Mrd. Euro pro Jahr aufweist. Werden die anfänglichen einmaligen Investitionskosten auf die ersten fünf Jahre gleichmäßig verteilt, so ergibt sich ein Investitionsprogramm von 10 Mrd. Euro p.a. (rund 0,33% des BIP) zusätzlicher Ausgaben für die ersten fünf Jahre und 6 Mrd. Euro p.a. (rund 0,2% des BIP) zusätzlicher Ausgaben für die darauffolgenden Jahre.7

Methodischer Ansatz

Die von uns verfasste Studie nutzt die Methoden der modernen quantitativen Makroökonomik. Die unterschiedlichen Investitionsprogramme werden auf Basis eines mikroökonomisch fundierten makroökonomischen Modells der deutschen Volkswirtschaft analysiert. Die Verwendung eines einheitlichen Modellrahmens garantiert die Vergleichbarkeit der einzelnen Ergebnisse. Die wesentlichen Modellelemente sowie die damit verbundenen Wirkungsmechanismen sollen hier kurz zusammengefasst werden.

Grundlage der Analyse ist ein Wachstumsmodell mit Sach- und Humankapital, heterogenen Haushalten, unvollkommenen Finanzmärkten und Suchfriktionen auf den Arbeitsmärkten. Das gesamtwirtschaftliche Modell bildet die zur Beantwortung der Fragen relevanten Heterogenitäten und Wirkungsmechanismen ab und wird auf Grundlage makroökonomischer und mikroökonomischer Evidenz kalibriert. Die Analyse bestimmt die Auswirkungen der verschiedenen Maßnahmen auf das Produktionspotenzial der deutschen Volkswirtschaft und vernachlässigt kurzfristige keynesianische Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.

Die einzelnen Investitionsprogramme weisen unterschiedliche direkte Effekte auf Produktion, Beschäftigung und öffentliche Finanzen auf. Jedes der untersuchten Investitionsprogramme wird durch zusätzliche Kreditaufnahme finanziert und erzeugt so fiskalische Kosten. Öffentliche Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur oder die digitale Infrastruktur senken zudem die Transportkosten und steigern die Produktivität der Unternehmen. Öffentliche Investitionen in Kitas und Schulen erhöhen den Bildungserfolg der Kinder und verringern somit den Anteil der Erwerbspersonen ohne Berufs- oder Hochschulabschluss. Zusätzlich helfen Ausgaben für den Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagskitas den betroffenen Frauen mit Kindern, Familie und Beruf zu vereinbaren und ihre Erwerbstätigkeit auszuweiten. Öffentliche Investitionen in die Hochschulen erhöhen den Bildungserfolg der Studierenden und verbessern dadurch die Arbeitsproduktivität der Erwerbspersonen mit Hochschulabschluss. Zusätzlich steigern diese Investitionen den Forschungserfolg der Hochschulen und tragen somit zu einer Verbesserung der Unternehmensproduktivität bei.

Neben diesen direkten Effekten der öffentlichen Investitionen ergibt sich eine Reihe von indirekten Effekten, die durch die Verhaltensanpassungen der privaten Haushalte und Unternehmen und die Wechselwirkungen dieser Anpassungen mit dem Steuer- und Transfersystem entstehen. Beispielweise stimulieren Produktivitätsgewinne die Arbeits- und Kapitalnachfrage der Unternehmen, sodass Beschäftigung, Stundenlöhne und private Investitionen steigen. Der Lohnanstieg sowie der Beschäftigungszuwachs vermehren die Einnahmen der öffentlichen Hand aus Steuern und Sozialabgaben und reduzieren die Ausgaben für Sozialleistungen. Ein wichtiges Ziel der modell-basierten Simulationsanalyse ist es, diese – für die Bewertung der unterschiedlichen Investitionsprogramme – wichtigen direkten und indirekten ökonomischen Effekte in einem allgemeinen Modellrahmen widerspruchsfrei zu erfassen.

Gesamtwirtschaftliche und fiskalische Effekte

Die wesentlichen Ergebnisse der Simulationsanalyse sind in der Tabelle 1 dargestellt, die eine Übersicht über die Auswirkungen der verschiedenen Investitionsprogramme auf das Bruttoinlandsprodukt, die Beschäftigung, die öffentlichen Finanzen und die Verteilung geben. Dabei werden die Auswirkungen einer Maßnahme auf die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen durch die fiskalische Amortisationszeit gemessen.8 Diese definiert den Zeitpunkt, an dem die staatlichen Schulden ihr ursprüngliches Niveau wieder erreicht haben. Ein öffentliches Investitionspaket mit geringer fiskalischer Amortisationszeit garantiert die fiskalische Nachhaltigkeit und verbessert die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen. Zudem wird die fiskalische Rendite als zusätzlicher Indikator der fiskalischen Effizienz einer Maßnahme angegeben.

 

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Auswirkungen verschiedener Investitionsprogramme
Verkehrsinfrastruktur oder
digitale Infrastruktur
Ganztagsschulen und
Ganztagsbetreuung in Kitas
Hochschulen
Nach Nach Nach
... 1 Jahr ... 5 Jahren ... 10 Jahren ... 20 Jahren ... 1 Jahr ... 5 Jahren ... 10 Jahren ... 20 Jahren ... 1 Jahr ... 5 Jahren ... 10 Jahren ... 20 Jahren
Produktion (Wohlstand)

Reales BIP (Veränderung in %)

+0,08

+0,24

+0,46

+1,04

+0,30

+0,60

+0,76

+1,10

+0,11

+0,33

+0,61

+0,99
Private Investitionen

+0,01

+0,04

+0,08

+0,19

+0,04

+0,09

+0,11

+0,16

+0,02

+0,06

+0,11

+0,18
Arbeitsmarkt (Beschäftigung und Verteilung)
Beschäftigung (Veränderung in vollzeitäquivalenten Stellen)

+15 714

+38 608

+43 699

+48 783

+174 474

+449 802

+491 682

+522 075

+16 296

+36 290

+40 686

+43 212
davon:
atypische Beschäftigung1

-840

-3 695

-3 943

-4 211

-66 719

-195 978

-215 006

-218 949

-2 540

-7 240

-7 852

-8 378
Arbeitslosigkeit
(Veränderung in Personen)

-9 703

-24 640

-28 766

-32 296

-66 562

-177 398

-199 693

-222 940

-7 620

-17 750

-20 543

-21 935
davon:
Langzeitarbeitslosigkeit

-4 014

-13 821

-16 818

-19 078

-40 994

-125 110

-140 335

-153 485

-2 964

-9 347

-11 233

-12 187
Durchschnittlicher Stundenlohn (Veränderung in %)

+0,08

+0,23

+0,44

+1,00

+0,12

+0,24

+0,31

+0,45

+0,12

+0,34

+0,64

+1,03
Fiskalische Effekte

Nettomehreinnahmen
(in Mio. Euro)

-8 582

-3 082

+1 047

+9 350

-5 053

+2 843

+6 127

+10 634

-8 059

-1 983

+2 908

+8 361
Amortisationszeit

20 Jahre

11 Jahre

18 Jahre

Fiskalische Rendite

7,0%

14,3%

8,7%

1 Geringfügige Beschäftigung und Teilzeitbeschäftigung.

Quelle: T. Krebs, M. Scheffel: Quantifizierung der gesamtwirtschaftlichen und fiskalischen Effekte ausgewählter Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen in Deutschland, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2016.

 

Die in Tabelle 1 dargestellten gesamtwirtschaftlichen und fiskalischen Effekte der verschiedenen Maßnahmen können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Die untersuchten Investitionsprogramme führen zu einer erheblichen Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktion – es sind volkswirtschaftlich sinnvolle Investitionen in die Zukunft der deutschen Gesellschaft.
  • Die untersuchten Investitionsprogramme haben eine geringe fiskalische Amortisationszeit und reduzieren somit die Schuldenquote für kommende Generationen – es sind fiskalisch nachhaltige Investitionen in die Zukunft. Von den untersuchten Maßnahmen erzielen Investitionen in Kitas und Schulen die höchste fiskalische Effizienz.
  • Die untersuchten Investitionsprogramme steigern die Beschäftigung. Staatliche Investitionen in Kitas und Schulen erzeugen einen starken Beschäftigungszuwachs, wohingegen die Beschäftigungseffekte der Investitionen in Infra­struktur oder Hochschulen eher moderat ausfallen.

Die hohe fiskalische Effizienz der öffentlichen Investitionen in Ganztagsschulen und Ganztagskitas ist eine Folge der starken Beschäftigungsgewinne, die zu erheblichen Mehreinnahmen der öffentlichen Hand und zu signifikanten Einsparungen im Bereich der staatlichen Transferzahlungen führen. Hauptsächliche Ursache für die Beschäftigungsgewinne in den ersten Jahren ist die verbesserte Kinderbetreuung und die damit verbundene Ausweitung der Erwerbstätigkeit der Frauen mit Kindern. Diese Beschäftigungsgewinne zeigen sich insbesondere in einem Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit bei Alleinerziehenden sowie einer Expansion der Vollzeitbeschäftigung relativ zur geringfügigen Beschäftigung für alle Frauen mit Kindern. Langfristig verringert der Bildungserfolg der betroffenen Schulkinder die Zahl der Erwerbspersonen ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung, sodass weitere Beschäftigungszuwächse und Rückgänge der Langzeitarbeitslosigkeit zu verzeichnen sind.

Im Gegensatz hierzu sind die Auswirkungen der Investitionsprogramme in Infrastruktur und Hochschulen auf Beschäftigung und Verteilung eher gering. Die langfristigen Produktionsgewinne und die damit verbundenen positiven Effekte auf die öffentlichen Finanzen bleiben jedoch bestehen und treiben die positive fiskalische Bewertung dieser Investitionsprogramme.

Verteilungseffekte

Die Verteilung des vorhandenen Wohlstands ist von zentraler Bedeutung für die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft. In Deutschland lässt sich die Ungleichheit der Wohlstandsverteilung unter anderem an der relativ hohen Zahl an Erwerbspersonen ablesen, die entweder langzeitarbeitslos sind oder einer atypischen Beschäftigung nachgehen. Entsprechend werden in der Tabelle 1 die Verteilungseffekte der einzelnen Investitionsprogramme durch ihre Auswirkungen auf die Langzeitarbeitslosigkeit und den Anteil der atypischen Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung dargestellt. Die Ergebnisse der Analyse hinsichtlich der Auswirkung öffentlicher Investitionsprogramme auf die Verteilung können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Staatliche Investitionen in Kitas und Schulen führen zu einem erheblichen Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit und des Anteils der atypischen Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung.9 In diesem Sinne verbessert diese Maßnahme die Verteilungsgerechtigkeit.
  • Staatliche Investitionen in Infrastruktur oder Hochschulen erzielen keine spürbaren Verteilungseffekte.
Unsicherheit der Analyse

Ergebnisse einer wissenschaftlichen Analyse sind allgemein mit Unsicherheit behaftet. Die vorliegende Untersuchung begegnet dieser Problematik, indem sie eine vorsichtige Abschätzung der positiven gesamtwirtschaftlichen Effekte von öffentlichen Investitionen als Basisszenario präsentiert. Das heißt, dass die in der Tabelle 1 dargestellten Ergebnisse auf Renditeannahmen für einzelne Investitionsprojekte beruhen, die am unteren Ende des Spektrums der von der empirischen Literatur geschätzten Werte liegen. Zudem vernachlässigt die Studie keynesianische Nachfrageeffekte und die damit verbundenen konjunkturellen Impulse öffentlicher Investitionen.

Fazit

Die Analyse kommt zu zwei zentralen Ergebnissen: Erstens liefert jedes der untersuchten Investitionsprogramme einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des Wohlstands kommender Generationen, wobei Investitionen in Kitas und Schulen die größte fiskalische Effizienz aufweisen. Zweitens führen Investitionen in Kitas und Schulen zu einer erheblichen Verbesserung der Verteilungsgerechtigkeit. Investitionen in Infrastruktur und Hochschulen erzielen hingegen keine spürbaren verteilungspolitischen Effekte. Diese Ergebnisse sprechen für eine Politik, die vorhandene fiskalische Spielräume zur Stärkung der öffentlichen Investitionen nutzt.

Title: Public Investment as a Safeguard for Generational Justice

Abstract: Credit­financed public investment programmes can improve generational justice if they strengthen economic growth and reduce public debt in the long run. A new study shows that public investments in infrastructure, universities, and full­day schools and pre­schools improve generational justice. Public investments in full­day schools and pre­schools have the largest impact on generational justice and improve distributional justice as well. These results suggest that economic policy should use the available fiscal space to enhance public investment.

JEL Classification: E62, J22, J68

  • 1 Der Altenquotient wird hier gemessen als das Verhältnis der Zahl der Personen ab 65 Jahre zu der Zahl der Personen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren.

  • 2 Vgl. Bundesministerium der Finanzen (BMF): Monatsbericht des BMF – Juni 2016, http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Monatsberichte/2016/06/monatsbericht-06-2016.html (1.9.2016); L. P. Feld: Staatsverschuldung als Problem der Generationengerechtigkeit, SWR Tele-Akademie 2015.

  • 3 Die Studie von Fratzscher und Junker zur Integration von Flüchtlingen ist ein bekanntes Beispiel für die in keynesianischen Kreisen verbreitete Neigung, auch langfristige Fragen mittels kurzfristiger Fiskalmultiplikatoren zu untersuchen. Vgl. M. Fratzscher, S. Junker: Integration von Flüchtlingen – eine langfristig lohnende Investition, in: DIW Wochenbericht, Nr. 45, 2015.

  • 4 Der Investitionsrückstand im Infrastrukturbereich wurde von der "Fratzscher-Kommission" diskutiert. Vgl. hierzu Expertenkommission: Stärkung von Investitionen in Deutschland, Bericht im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2015. Der Nachholbedarf im Schulbereich ist in einer KfW-Studie dokumentiert. Vgl. S. Brand, J. Steinbrecher: Kommunaler Investitionsrückstand bei Schulgebäuden erschwert Bildungserfolge, KfW Research, Kommunaler Investitionsrückstand September 2016.

  • 5 Vgl. T. Krebs, M. Scheffel: Quantifizierung der gesamtwirtschaftlichen und fiskalischen Effekte ausgewählter Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen in Deutschland, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2016. Die Ergebnisse der Studie werden von BMWi und Handelsblatt diskutiert. Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): Schlaglichter der Wirtschaftspolitik, Monatsbericht, Nr. 10/2016; vgl. o.V.: Lohnende Ausgaben, Handelsblatt vom 30.9.2016, S. 8 f.

  • 6 Anfallende Kosten für den Ausbau von Kitas, Schulen und Hochschulen sind überwiegend Personalkosten und werden daher in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nicht als Investitionen gebucht. Aus ökonomischer Sicht handelt es sich aber um Investitionen ("soziale Investitionen"), denn die Ausgaben erhöhen das Humankapital der kommenden Generationen und stärken so das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft.

  • 7 Für eine ausführliche Diskussion der Kostenstruktur vgl. T. Krebs, M. Scheffel, a.a.O.

  • 8 Die Berechnungen der fiskalischen Amortisationszeiten der verschiedenen Investitionsprogramme beruhen auf der Annahme, dass der Realzins für Neuverschuldung der öffentlichen Hand 1% beträgt. Entsprechend werden die mit den Investitionsprogrammen verbundenen Einnahmen und Ausgaben des Staates mit einem Realzins von 1% diskontiert. Angesichts der historisch niedrigen Zinsen für Neuverschuldung des Bundes ist dies eine vorsichtige Annahme.

  • 9 Die untersuchten Investitionsprogramme haben nur unwesentliche Nettoeffekte auf die Teilzeitbeschäftigung. Der durch die Investitionen in Kitas und Schulen verursachte Rückgang des Anteils der atypischen Beschäftigung ist vollständig auf eine Reduktion der geringfügigen Beschäftigung bei gleichzeitiger Ausweitung der Vollzeitbeschäftigung zurückzuführen, vgl. T. Krebs, M. Scheffel, a.a.O.


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