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97. Jahrgang, 2017, Heft 6 · S. 381-382

Duales Berufsausbildungssystem: Ein Auslaufmodell?

Stefan Sell

Die Zahlen kommen eindeutig daher: Seit 2013 beginnen mehr junge Menschen ein Studium als eine duale Berufsausbildung. Die Zahl der Ausbildungsverträge geht weiter zurück und erstmals ist die Zahl der ausbildenden Betriebe unter 20% gefallen. Viele Betriebe haben sich frustriert aus der Suche nach geeigneten Auszubildende zurückgezogen – und wir wissen, man wird sie kaum wieder zurückgewinnen können. Das wird durch eine "Bachelorisierung der Berufsausbildung" gerade in den kaufmännischen Berufsfeldern auch befördert, hier besorgt man sich bislang dual ausgebildete Fachkräfte zunehmend von den staatlich finanzierten Hochschulen. Hinzu kommt, dass die duale Berufsausbildung mehrfach unter Druck gerät: "Von oben" durch eine gestiegene Studierneigung der Schulabgänger, von denen mehr als die Hälfte eine Hochschulzugangsberechtigung haben – das entzieht dem System vor allem "gute" (potenzielle) Auszubildende. Aber auch "von unten", denn sich einfach leistungsschwächeren Jugendlichen zu öffnen, ist für viele Ausbildungsberufe nur schwer zu realisieren, weil auch die in den vergangenen Jahren aufgrund der technischen Entwicklung anspruchsvoller geworden sind. Man denke an viele Handwerksberufe. "Nur" praktisch begabt reicht da schon lange nicht mehr. Und das alles bei einer demografischen Entwicklung, die zu einer abnehmenden Zahl der Schulabgänger führen muss. Hinzu kommt, dass die bisherige Organisation der berufsschulischen Ausbildung immer mehr an Grenzen stößt.

Die Folgen werden gravierend sein. Schon jetzt und vor allem in den kommenden Jahren werden viele Facharbeiter und Handwerker, die das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft bilden, altersbedingt den Arbeitsmarkt verlassen. Fachkräftemangel wird es vor allem hier geben. Für Akademiker lässt sich ein leicht konstantes Überangebot bis in das Jahr 2030 vorhersagen. Bis dahin werden rund 5 Mio. Akademiker auf den Markt drängen, diesen aber nur 3,2 Mio. altersbedingt verlassen. Mit mittlerer Qualifikation hingegen treten rund 4,5 Mio. Beschäftigte weniger in den Arbeitsmarkt ein als ihn verlassen werden. Ceteris paribus werden massive Systemprobleme auf vielen Teilarbeitsmärkten zu erwarten sein. Hinzu kommt, dass die Verschiebungen nicht nur quantitativer Natur sind. Das "Entweder-Oder" von Ausbildung versus Studium löst sich auf: "Akademisierung beruflicher und Verberuflichung akademischer Bildung", so kann man die derzeit (noch?) wildwüchsig ablaufenden Prozesse einer Entsäulung beschreiben. Das bedarf dringend einer systematischen Ordnung, sonst nimmt sowohl das duale wie auch das hochschulische Ausbildungssystem schweren Schaden. Gerade wenn der Zerfallsprozess des gewachsenen Ausbildungssystems anhält, sollte man den Erfolgskern der dualen Ausbildung – die Koppelung von betrieblicher Realität und arbeitsplatzübergreifender breiter Bildung – in die Zukunft retten. Das gilt auch für eine durchaus notwendige und sinnvolle Teilakademisierung bestimmter Berufe, beispielsweise im Gesundheitswesen.

Arbeitsmarktpolitisch wäre eine wirklich mutige Intervention erforderlich – denn wir haben aus den vergangenen Jahren viele, die damals keinen Ausbildungsplatz bekommen haben und jetzt ohne Berufsausbildung unterwegs sind. Hunderttausende kämen für eine nachträgliche abschlussbezogene Qualifizierung in Betracht. Hier könnte ein finanziell attraktiv ausgestattetes Förderprogramm für abschlussbezogene Qualifizierungen – wie Anfang der 1970er Jahre schon mal vorhanden (mit einem Unterhaltsgeld von bis zu 90% des letzten Nettoentgelts) – eine Menge neuer Facharbeiter und Handwerker hervorbringen. Aber nur, wenn man bei der Förderung nicht kleckert, sondern klotzt, was sich volkswirtschaftlich mehrfach auszahlen würde.

Stefan Sell

Hochschule Koblenz

sell@hs-koblenz.de


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