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97. Jahrgang, 2017, Heft 7 · S. 456-457

CORSIA: Augenwischerei

Reimund Schwarze

Bis zum Jahr 2050 wird sich aktuellen Prognosen nach der Anteil des Luftverkehrs am gesamten CO2-Ausstoß vervierfachen. Die Internationale Zivile Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen ICAO unternimmt Anstrengungen, um dieses rasante Wachstum zumindest klimaneutral zu gestalten. Ab 2020 soll jede Tonne Kohlendioxid, die dem Wachstum des Flugverkehrs geschuldet ist, mit dem Kohlendioxid-Kompensationsschema CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) ausgeglichen werden. Doch zahlreiche Ausnahmen und der rein auf Zuwachsausgleich basierte Offset-Ansatz sorgen dafür, dass CORSIA nicht halten wird, was es verspricht.

CORSIA funktioniert nach dem sogenannten Offsetting-Prinzip: Unternehmen kaufen Projektzertifikate, durch die sie Klimaschutzaktivitäten – meist in Entwicklungsländern – finanzieren. Zusätzliche Einnahmen, die für die Förderung von Entwicklungsländern genutzt werden könnten, wird CORSIA jedoch nicht erzeugen. Denn während in der letzten Verhandlungsrunde im November 2016 wenigstens noch ein Offsetting mit steuerähnlichen Einnahmen zur Auswahl stand, gab es am Ende eine klare Entscheidung dagegen. Die "Einnahmen", die aus dem Kauf der Offsets entstehen, decken ausschließlich die Kosten der Klimaschutzprojekte.

Nicht einmal gesichert ist, ob die Mittel aber tatsächlich in neue Klimaschutzprojekte fließen oder bereits angeschobene Projekte einfach nur anders finanziert werden. Denn die Kriterien, die die ICAO an die Zulassung von Offsets legt, hat die UN-Organisation weitgehend offengelassen. Damit besteht die Gefahr, dass CORSIA-Aktivitäten sowohl als nationale Beiträge zum Paris-Abkommen als auch als Offsets für das klimaneutrale Wachstum des Flugverkehrs doppelt gezählt werden.

Und das ist nicht das einzige Problem. Aufgrund der vereinbarten vielen Ausnahmen und des reinen Offsettings ist generell nicht damit zu rechnen, dass das starke Wachstum der CO2-Emissionen aus dem Flugverkehr nachhaltig eingedämmt wird. Zum einen wird durch Offsets der Emissionszuwachs ab 2020 allenfalls ausgeglichen und nicht etwa begrenzt bzw. aktiv reduziert. Zum anderen sind 60% aller Staaten von der Maßnahme vorerst befreit. Ein Anstieg der Emissionen scheint somit unausweichlich.

Darüber hinaus muss bedacht werden, dass viele Treibhausgase des Luftverkehrs – Stickoxide, Ozon, Ruß und Sulfat – gar nicht erst in Betracht gezogen wurden. Diese tragen zur Klimawirkung des Fliegens aber mindestens noch einmal genauso viel bei wie dessen CO2-Ausstoß.

Auch die umweltökonomischen Vorteile, die die ICAO dem marktbasierten Instrument CORSIA zuschreibt, sind kritisch zu sehen. Um umweltökonomisch Vorteile zu bieten, müssen marktbasierte Instrumente einen wirksamen Beitrag zur Bepreisung von klimaschädlichen Gasen leisten. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt aber, dass das von CORSIA ausgehende Preissignal vernachlässigbar klein ist. Der International Council on Clean Transportation schätzt das Preissignal auf 0,4% des Kerosinpreises in der freiwilligen Phase bis 2026, wachsend auf 1,1% bis 2,4% in der verpflichtenden Phase bis 2035. Das liegt deutlich unter den Preisschwankungen für Flugzeugtreibstoffe im gleichen Zeitraum von 0,9% im Jahr 2025 bzw. 2,2% bis 4,8% im Jahr 2035. Damit verschwindet CORSIA im Rauschen des Marktes.

Reimund Schwarze

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

reimund.schwarze@ufz.de


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