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97. Jahrgang, 2017, Heft 7 | S. 524-526

Ökonomische Trends

Dienstleistungssektor bestimmt Dynamik beim Arbeitsvolumen

Hans-Ulrich Brautzsch

Dr. Hans-Ulrich Brautzsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Makroökonomik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Das Arbeitsvolumen entwickelt sich in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) nach wie vor deutlich ungünstiger als in Westdeutschland. So lag es 2015 in Ostdeutschland um 1,0% unter dem Stand von 2011.1 In Westdeutschland hatte es hingegen um 2,3% zugenommen (vgl. Tabelle 1). Der oftmals praktizierte pauschale Vergleich Ostdeutschlands mit Westdeutschland verdeckt Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands.2 So nahm das Arbeitsvolumen in Berlin zwischen 2011 und 2015 um 4,2% zu. Dies war der stärkste Zuwachs unter allen Bundesländern. Hingegen ging es in allen ostdeutschen Flächenländern erheblich zurück. In Sachsen-Anhalt war der Rückgang mit 4,4% am stärksten. Unter den westdeutschen Bundesländern sank die Zahl der Arbeitsstunden nur im Saarland. Den größten Anteil am gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumen haben die Dienstleistungsbereiche. 2015 betrug dieser Anteil in Westdeutschland 71,0%. Aufgrund des hohen Anteils in Berlin (86,9%) lag Ostdeutschland mit 73,8% über dem westdeutschen Wert. Beim Verarbeitenden Gewerbe verhält es sich umgekehrt: Mit 14,5% war in Ostdeutschland der Anteil deutlich geringer als in Westdeutschland (19,5%). Die Hälfte dieses Abstandes resultiert aus dem sehr geringen Anteil in Berlin, der lediglich 6,9% betrug.

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Beiträge ausgewählter Wirtschaftsbereiche zur Veränderung des Arbeitsvolumens, 2011/2015

Arbeitsvolumen1

Wachstumsbeiträge

zum Arbeitsvolumen

Verarbeitendes Gewerbe

Dienst-

leistungen

%

Prozentpunkte

Baden-Württemberg

3,7

1,1

2,6

Bayern

3,7

1,2

2,9

Berlin

4,2

-0,1

4,4

Brandenburg

-2,0

-0,1

-1,1

Bremen

1,0

0,2

1,2

Hamburg

2,7

0,3

2,7

Hessen

1,2

0

1,1

Mecklenburg-Vorpommern

-2,6

0

-1,8

Niedersachsen

2,6

0,9

1,6

Nordrhein-Westfalen

1,4

0,3

1,2

Rheinland-Pfalz

1,4

0,4

1,3

Saarland

-2,2

-0,4

-1,1

Sachsen

-1,2

0,6

-1,0

Sachsen-Anhalt

-4,4

0

-3,2

Schleswig-Holstein

0,6

0,2

0,8

Thüringen

-3,5

0

-2,4

Ostdeutschland2

-1,0

0,1

-0,4

Westdeutschland2

2,3

0,7

1,8

Deutschland

1,7

0,6

1,4

1 Veränderungsrate des Arbeitsvolumens zwischen den Jahren 2011 und 2015. 2 Ostdeutschland mit Berlin, Westdeutschland ohne Berlin.

Quelle: Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder": Reihe 1, Bd. 2 (Rechenstand: August 2016), Berechnungen des IWH.

 

Hinweise darauf, welchen Einfluss die unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche auf die Entwicklung des Arbeitsvolumens haben, liefert eine Analyse der Expansionsbeiträge der Wirtschaftsbereiche zur Entwicklung des Arbeitsvolumens.3 Der Expansionsbeitrag zeigt den Anteil eines Wirtschaftsbereichs an der Veränderung des Arbeitsvolumens gegenüber einer Referenzperiode und macht die maßgeblichen sektoralen Impulse sichtbar. Zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen beträchtliche Unterschiede hinsichtlich der sektoralen Wachstumsbeiträge: Während in Ostdeutschland vom Verarbeitenden Gewerbe mit 0,1 Prozentpunkten nur ein sehr schwacher Impuls ausging, betrug er in Westdeutschland 0,7 Prozentpunkte. Gravierender sind jedoch die Unterschiede bei den Dienstleistungen: In Ostdeutschland ging von den Dienstleistungsbereichen ein negativer Wachstumsbeitrag (-0,4 Prozentpunkte) aus, in Westdeutschland betrug er hingegen 1,8 Prozentpunkte.

Auch zwischen den Bundesländern zeigen sich große Unterschiede. In den ostdeutschen Bundesländern ging nur in Sachsen ein positiver und zudem noch sehr starker Expansionsbeitrag vom Verarbeitenden Gewerbe aus. Hingegen war er bei den Dienstleistungsbereichen – mit Ausnahme von Berlin – deutlich negativ. Berlin nimmt generell eine Sonderstellung ein: In diesem Bundesland mit der höchsten Zunahme des Arbeitsvolumens kam der Wachstumsimpuls vollständig aus den Dienstleistungsbereichen. Besonders stark war hier der Beitrag des Bereichs öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit, auf den die Hälfte des Expansionsbeitrags des Dienstleistungsbereichs insgesamt entfiel. Aber auch die Unternehmensdienstleister und die Bereiche Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Lagerei sowie Information und Kommunikation trugen deutlich zur Expansion des Dienstleistungsbereichs bei. In den ostdeutschen Flächenländern ging nur von den öffentlichen Dienstleistern ein positiver Beitrag aus. Dass der Beitrag fast aller Dienstleistungsbereiche in den ostdeutschen Flächenländern – anders als in Westdeutschland und Berlin – negativ war, dürfte auch mit dem Bevölkerungsrückgang in Verbindung stehen, da Dienstleistungen anders als das Verarbeitende Gewerbe eng an die Bevölkerungsentwicklung gekoppelt sind.

Auf der Ebene der Kreise zeigt sich ein ausgesprochen heterogenes Bild. Im Osten Deutschlands ging das Arbeitsvolumen4 zwischen 2011 und 2014 in einer großen Zahl von Kreisen zurück (vgl. Abbildung 1).5

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Veränderungsrate des Arbeitsvolumens der Erwerbstätigen1, 2011/2014

in %

Veränderungsrate des Arbeitsvolumens der Erwerbstätigen

1 Zahl der betroffenen Kreise in Klammern.

Quelle: Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder", Berechnungen des IWH, kartografische Aufbereitung: Michael Barkholz (IWH).

 

Nur in wenigen Ballungszentren nahm es spürbar zu. Dazu zählen Berlin und einige umliegende Kreise, die kreisfreien Städte Leipzig, Dresden und Rostock sowie der nördlich von Erfurt liegende Landkreis Sömmerda. Aber auch in Westdeutschland gibt es Regionen, die sich erheblich langsamer als Gesamtdeutschland entwickelt haben. Betrachtet man die Expansionsbeiträge, so zeigt sich, dass in Ostdeutschland in einer größeren Zahl von kreisfreien Städten und Landkreisen positive Impulse vom Verarbeitenden Gewerbe ausgehen. Darunter befindet sich auch eine Reihe von Kreisen mit einem rückläufigen Arbeitsvolumen (vgl. Abbildung 2). Entscheidend für die ungünstige Entwicklung des Arbeitsvolumens in den ostdeutschen Flächenländern sind die Dienstleistungsbereiche. In diesen expandiert das Arbeitsvolumen nur in sehr wenigen Großstädten und Landkreisen (vgl. Abbildung 3).6

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Wachstumsbeiträge des Verarbeitenden Gewerbes zur Entwicklung des Arbeitsvolumens1, 2011/2014

in Prozentpunkten

Wachstumsbeiträge des Verarbeitenden Gewerbes zur Entwicklung des Arbeitsvolumens

1 Zahl der betroffenen Kreise in Klammern.

Quelle: Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder", Berechnungen des IWH, kartografische Aufbereitung: Michael Barkholz (IWH).

 

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Wachstumsbeiträge der Dienstleistungsbereiche zur Entwicklung des Arbeitsvolumens1, 2011/2014

in Prozentpunkten

Wachstumsbeiträge der Dienstleistungsbereiche zur Entwicklung des Arbeitsvolumens

1 Zahl der betroffenen Kreise in Klammern.

Quelle: Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder", Berechnungen des IWH, kartografische Aufbereitung: Michael Barkholz (IWH).

 

Stellt man die Entwicklung des Arbeitsvolumens in den Kreisen den jeweiligen Wachstumsbeiträgen des Verarbeitenden Gewerbes bzw. der Dienstleistungen gegenüber, zeigt sich folgendes Bild: Die Veränderungsrate des Arbeitsvolumens nimmt signifikant mit der Höhe der Wachstumsbeiträge der Dienstleistungsbereiche zu (vgl. Abbildung 4). Für das Verarbeitende Gewerbe ist dieser Zusammenhang deutlich schwächer. Offensichtlich erhalten Regionen mit einer starken Zunahme des Arbeitsvolumens vorwiegend Impulse aus den Dienstleistungsbereichen.

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Veränderungsrate des Arbeitsvolumens und Expansionsbeiträge zum Arbeitsvolumen, 2011/2014

in %

Quelle: Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder", Berechnungen des IWH.

Veränderungsrate des Arbeitsvolumens und Expansionsbeiträge zum Arbeitsvolumen
  • 1 Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde das Trendwachstum beim Arbeitsvolumen erst im Jahr 2011 wieder erreicht. Deshalb wird dieses Jahr als Referenzjahr gewählt.

  • 2 Vgl. hierzu unter anderem G. Heimpold, J. Hölscher: Der Aufbau Ost nach 25 Jahren: mittendrin oder abgeschlossen?, in: Wirtschaftsdienst, 95. Jg. (2015), H. 6, S. 379-383, http://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2015/6/25-jahre-deutsche-einheit-eine-erfolgsgeschichte/#res1 (15.6.2017).

  • 3 Vgl. hierzu auch H.-U. Brautzsch, F. Exß, C. Lang, A. Lindner, B. Loose, U. Ludwig, B. Schultz: Ostdeutsche Wirtschaft: Konjunktur bleibt im Jahr 2015 kräftig, strukturelle Probleme hemmen, in: Konjunktur aktuell, 3. Jg. (2015), H. 3, Kasten 2, S. 136 f.

  • 4 Für die kreisfreien Städte und Landkreise wird vom Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder" das sogenannte Standard-Arbeitsvolumen veröffentlicht. Dieses unterscheidet sich vom Arbeitsvolumen für die Länder dadurch, dass mangels statistischer Daten unternehmensspezifische Sonderregelungen zu den tariflichen Arbeitszeiten nicht berücksichtigt werden können. Wenn im Folgenden vom Arbeitsvolumen in den kreisfreien Städten und Kreisen gesprochen wird, ist stets das Standard-Arbeitsvolumen gemeint.

  • 5 Zu beachten ist, dass für kreisfreie Städte und Landkreise lediglich Daten bis zum Jahr 2014 vorliegen.

  • 6 Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Analyse der Expansionsbeiträge der Wirtschaftsbereiche zur Beschäftigungsentwicklung. Vgl. hierzu H.-U. Brautzsch: Dienstleister bestimmen die Dynamik der Beschäftigung, in: Wirtschaft im Wandel, 22. Jg. (2016), H. 6, S. 117-124.


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