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97. Jahrgang, 2017, Heft 9 · S. 676-678

Ökonomische Trends

Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten: Förderung ist notwendig und erfolgversprechend

Steffen Sirries, Ehsan Vallizadeh

Dr. Steffen Sirries und Dr. Ehsan Vallizadeh sind wissenschaftliche Mitarbeiter im Forschungsbereich Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Die Zuwanderung Schutzsuchender erreichte in den Jahren 2015 und 2016 mit etwa 1,2 Mio. Asylerstanträgen in Deutschland einen historischen Höhepunkt.1 Die Akteure in Politik und Zivilgesellschaft stehen nun vor der großen Aufgabe, den Weg für diese Menschen in die Gesellschaft, in das Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt nachhaltig zu öffnen. Für eine gezielte und effektive Förderung der Arbeitsmarktpartizipation und somit für die erfolgreiche Integration Geflüchteter sind sowohl belastbare Informationen über deren arbeitsmarktrelevanten Merkmale als auch Informationen über potenzielle Treiber erster Integrationserfolge unter diesen Merkmalen und darüber hinaus notwendig. Aus der gemeinsamen Analyse dieser Informationen lassen sich erste Handlungsempfehlungen ableiten.

Insgesamt stehen Informationen über kürzlich nach Deutschland eingereiste Asylbewerber nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Eine Ausnahme davon stellt die aktuelle repräsentative Längsschnittstudie, die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten, dar.2 In der Studie führt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gemeinsam mit dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und dem Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Befragung unter erwachsenen Asylbewerbern und Flüchtlingen, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland eingereist sind, durch. Die Ergebnisse der ersten Befragungswelle deuten einerseits auf einen Investitionsbedarf für den Aufbau von Sprachkompetenzen sowie für die Aus- und Weiterbildung von schulischen und beruflichen Qualifikationen hin. Beim Zuzug nach Deutschland verfügte nur rund 1% der Geflüchteten über gute bis sehr gute Deutschkenntnisse (vgl. Tabelle 1). Bezüglich der Schulbildung der Geflüchteten ergibt sich ein polarisiertes Bild: 37% haben keinen Schulabschluss oder nur die Grundschule bzw. gar keine Schule besucht und 35% haben eine weiterführende Schule absolviert. Im Durchschnitt haben Geflüchtete, die eine Schule besucht haben, 10 Schuljahre absolviert. Das berufliche Bildungsniveau ist geringer als die Schulbildung: 72% haben keine berufliche Ausbildung oder keinen Hochschulabschluss, 12% haben eine (Fach-)Hochschule und 8% eine berufliche Ausbildung abgeschlossen. Dabei ist zu beachten, dass sich Geflüchtete in der Regel nicht, wie z.B. andere Migranten, auf die Migration vorbereiten und somit keine entsprechenden Sprachkenntnisse aufgebaut haben. Außerdem weisen viele Geflüchtete häufig aufgrund der Flucht und jahrelangen Bürgerkriegen erhebliche Unterbrechungen in ihren Bildungsbiographien auf.

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Sprachkompetenz, schulische und berufliche Bildung und Berufserfahrung der Geflüchteten

Anteil (in %)

Mit Erwerbserfahrung vor Zuzug

72,0

Derzeit im Beschäftigungsverhältnis1

14,0

Ausbildung vor Zuzug

Keine

71,8

Berufsbildung

8,0

Fach-/Hochschulabschluss

12,2

Besucht ohne Abschluss2

8,0

Schulabschluss vor Zuzug

Keine Schule besucht

11,9

Nur Grundschule

10,5

Schule ohne Abschluss verlassen

14,1

Mittelschule

24,9

Weiterführende Schule

34,8

Sonstige

3,9

Deutschkenntnisse: gut

Vor Zuzug

1,0

Heute

19,0

1 Ohne unbezahlte Praktika. 2 Bezieht sich auf betriebliche Ausbildung und (Fach-)Hochschulstudium.

Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016, gewichtet.

Dass Sprachkenntnissen und Qualifikationen als Determinanten einer erfolgreichen Arbeitsmarktintegration eine bedeutende Rolle zukommen, zeigt sich auch in ersten explorativen Auswertungen der Befragung. Insgesamt waren zum Befragungszeitpunkt im Sommer 2016 etwa 14% der Geflüchteten erwerbstätig. Betrachtet man dagegen z.B. die durchschnittliche Erwerbstätigenquote für Gruppen mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen vor dem Zuzug, zeigen sich große Unterschiede: Geflüchtete ohne bzw. mit eher schlechten Deutschkenntnissen weisen durchschnittlich eine Erwerbstätigenquote von 3% bzw. 7% auf, wohingegen gute und sehr gute Deutschkenntnisse schon mit 26% bzw. 32% verbunden sind. Ähnliche Unterschiede finden sich bezüglich der beruflichen Qualifikation. So lag die Erwerbstätigenquote für Geflüchtete ohne Berufsabschluss zum Befragungszeitpunkt bei etwa 12% im Vergleich zu 25% für Personen mit einem Berufsabschluss.

Auf der anderen Seite bringen die Geflüchteten günstige Voraussetzungen für eine nachhaltige Arbeitsmarkintegration mit. Die große Mehrheit ist jung, hoch motiviert und verfügt über mehrjährige Berufserfahrung. Der Anteil der Geflüchteten, die 30 Jahre und jünger sind, beträgt 35%. Vielen Geflüchteten ist bewusst, dass Aus- und Weiterbildung eine zentrale Rolle für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt spielen. So wollen 25% der Befragten sicher und weitere 20% vielleicht einen Schulabschluss nachholen. Erwartungsgemäß höher sind die Aspirationen für eine berufliche Ausbildung: 42% der Geflüchteten wollen sicher und 25% vielleicht eine berufliche Ausbildung oder ein Hochschulstudium absolvieren. Neben der hohen Bildungsaspiration zeigen ähnlich viele Befragte hohe Erwerbsaspirationen: 93% der Geflüchteten, die zum Zeitpunkt der Befragung nicht erwerbstätig waren, haben angegeben, sicher oder wahrscheinlich eine Erwerbstätigkeit aufnehmen zu wollen.

Berufserfahrung und spezifische Kenntnisse im Beruf sind weitere identifizierte Determinanten einer erfolgreichen Partizipation am Arbeitsmarkt. 72% der Geflüchteten haben bereits Berufserfahrungen in ihren Herkunftsländern gesammelt (vgl. Tabelle 1). Im Schnitt liegt die im Ausland erworbene Erwerbserfahrung bei 6,7 Jahren. Die Branchenverteilung kann wichtige Hinweise über die beruflichen Kenntnisse und Kompetenzen der Geflüchteten, die sie bereits im Ausland erworben haben, liefern. Die Struktur der erwerbstätigen Geflüchteten vor dem Zuzug zeichnet sich durch eine schwache Konzentration auf folgende Branchen aus: 14% der Geflüchteten haben im Baugewerbe gearbeitet, 15% im Groß- und Einzelhandel und 14% in Dienstleistungsbranchen, etwa als Frisör und Kosmetiker oder Reparaturarbeiter von Gebrauchsgütern, Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik. Jeweils 7% waren in der Landwirtschaft oder als Lehr- bzw. Erzieherkraft beschäftigt (vgl. Abbildung 1). Ein Blick auf die Branchenverteilung der erwerbstätigen Geflüchteten in Deutschland zeigt eine stärkere Konzentration auf wenige Branchen als vor dem Zuzug. Jeweils 17% der Geflüchteten sind im Gast- und Verarbeitungsgewerbe tätig, 15% im Groß- und Einzelhandel, 12% in der Baubranche und 13% im Gesundheits- und Sozialwesen. Diese fünf Branchen machen fast drei Viertel der Beschäftigung der Geflüchteten aus. Inwiefern die Geflüchteten ihre beruflichen Kompetenzen und Erfahrungen, die oft nicht mit entsprechenden Bildungsabschlüssen verbunden sind bzw. nicht mit formalen Zertifikaten entsprechend dem deutschen Ausbildungssystem belegt sind, in Deutschland verwerten können, ist noch weitestgehend offen.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Branchenstruktur der Erwerbstätigkeiten Geflüchteter

in %

Branchenstruktur der Erwerbstätigkeiten Geflüchteter in %

Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016, gewichtet.

Dass der Integrationsprozess von Geflüchteten aufgrund der genannten Voraussetzungen grundsätzlich langsamer verläuft und ihre Arbeitsmarktpartizipation Zeit braucht, aber fortschreitet, zeigen auch die Ergebnisse der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Zum Befragungszeitpunkt geben etwa 10% der Geflüchteten, die 2015 eingereist sind, an, dass sie erwerbstätig sind. Für Personen, die schon 2014 nach Deutschland eingereist sind, liegt die Erwerbstätigenquote mit 22% schon etwas mehr als doppelt so hoch und für 2013 Zugereiste bei 30%. Neben Sprach- und Qualifikationserwerb ist ein weiterer wichtiger Treiber für die Geschwindigkeit des Integrationsprozesses die Rechtssicherheit über den Aufenthalt. Ein unsicherer aufenthaltsrechtlicher Status mindert dabei zum einen die Anreize für die Geflüchteten selbst in Humankapital, das für den deutschen Arbeitsmarkt spezifisch ist, zu investieren. Zum anderen mindert diese Unsicherheit aber auch die Anreize potenzieller Arbeitgeber, Asylbewerber einzustellen und in deren Förderung zu investieren. Darüber hinaus ist der individuelle Arbeitsmarktzugang abhängig vom Aufenthaltsstatus. Anfang 2016 war für etwa die Hälfte der bis dahin in Deutschland eingereisten Asylbewerber das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen. Abbildung 2 zeigt entsprechende Unterschiede in den Erwerbstätigenquoten nach Aufenthaltsstatus. Ein Vergleich des Fortschritts der Arbeitsmarktintegration mit früheren Erfahrungen in Deutschland oder auch in anderen entwickelten Ländern (wie Schweden oder anderen OECD-Ländern) lässt jedoch den vorsichtigen Schluss zu, dass der Verlauf der Arbeitsmarktintegration, trotz der enormen Größe des Zuzugs Geflüchteter, bisher als günstig zu beurteilen ist.3

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Erwerbstätigenquote von Geflüchteten nach Zuzugsjahr und Aufenthaltsstatus

in %

Erwerbstätigenquote von Geflüchteten nach Zuzugsjahr und Aufenthaltsstatus in %

Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016, gewichtet.

Förderprogramme, wie Sprachkurse und arbeitsmarktpolitische Programme, und der aufenthaltsrechtliche Status können die Entwicklung und den Prozess der Integration beeinflussen. Eine aktuelle empirische Studie stellt z.B. fest, dass die gezielte Sprachförderung von Migranten und Geflüchteten die Informationsbeschaffung hinsichtlich der Arbeitssuche verbessert und somit ihre Arbeitsmarktpartizipation signifikant erhöht.4 Zum Befragungszeitpunkt haben 39% der Geflüchteten an Integrationskursen, 7% an Kursen von Europäischem Sozialfonds (ESF) oder BAMF, etwa 10% an Sprachkursen der Bundesagentur für Arbeit (BA) und gut 5% an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zur Kompetenzfeststellung und Berufsorientierung teilgenommen. Trotz einer bisher verhaltenen Nutzung der Programmangebote lassen sich aus der IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter ebenso erste Hinweise über die Wirkungen von Sprachkursen und Integrationsmaßnahmen gewinnen. So weisen Teilnehmer von Integrations- und Sprachkursen deutlich höhere Erwerbstätigenquoten auf. Beispielsweise liegt die Erwerbstätigenquote der Geflüchteten, die einen ESF-BAMF-Kurs besucht haben, um 40 Prozentpunkte höher im Vergleich zu Asylbewerbern, die noch nicht diesen Kurs besucht haben (vgl. Abbildung 3). Auch wenn diese deskriptiven Ergebnisse aufgrund potenzieller Selbstselektion von Geflüchteten in die Programme nicht als kausale Effekte interpretiert werden können, scheinen die Förderprogramme mit positiven Arbeitsmarktrenditen für die Teilnehmer verbunden zu sein.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Erwerbstätigenquoten nach Teilnahme an Integrationsmaßnahmen und Sprachkursen

in %

Erwerbstätigenquoten nach Teilnahme an Integrationsmaßnahmen und Sprachkursen in %

Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016, gewichtet.

Die Arbeitsmarkintegration Geflüchteter braucht erwartungsgemäß Zeit, doch sind erste Fortschritte in Deutschland erkennbar. Der Verlauf hängt natürlich von individuell vorhandenen arbeitsmarktrelevanten Charakteristika der Geflüchteten selbst ab. Bezüglich Sprachkenntnissen und Qualifikation ist hier Investitionsbedarf erkennbar. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass Geflüchtete mit guten Sprachkenntnissen und Qualifikationen bzw. schon geförderte Geflüchtete im Durchschnitt erfolgreicher am deutschen Arbeitsmarkt sind. Somit erscheinen entsprechende Förderungen erfolgversprechend. Darüber hinaus können für die Wirksamkeit der vorhandenen Kompetenzen für die Arbeitsmarktintegration und für die Stimulation von Investitionen in Qualifikation sowohl durch Geflüchtete als auch durch potenzielle Arbeitgeber institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle spielen.

  • 1 Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Das Bundesamt in Zahlen 2016: Asyl, Migration und Integration, Nürnberg 2017.

  • 2 Vgl. H. Brücker, N. Rother, J. Schupp (Hrsg.): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse, IAB-Forschungsbericht, 14/2016. Die hier präsentierten Ergebnisse basieren auf der Vollerhebung von 4816 Befragten in der ersten Welle und können deshalb geringfügig von den 2016 publizierten Ergebnissen abweichen.

  • 3 Vgl. H. Brücker, A. Hauptmann, S. Sirries: Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland: Der Stand zum Jahresbeginn 2017, IAB Aktuelle Berichte, 04/2017; H. Brücker, A. Hauptmann, E. Valli­zadeh: Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015, IAB Aktuelle Berichte, 14/2015.

  • 4 Vgl. A. Lochmann, H. Rapaport, B. Speciale: The Effect of Language Training on Immigrants' Economic Integration – Empirical Evidence from France, CESifo Working Paper Series, Nr. 6460, 2017.


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