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97. Jahrgang, 2017, Heft 9 · S. 674-675

Analysen und Berichte

Der Transmissionsmechanismus der Geldpolitik – eine Erwiderung

Daniel Hagemann, Monika Wohlmann

Prof. Dr. Monika Wohlmann lehrt Volkswirtschaftslehre an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Düsseldorf.

Daniel Hagemann, B.A., ist dort Master-Student.

Manuel Rupprecht stellt in seiner Ergänzung den Bedeutungsverlust des Bankkredits als Folge eines gedämpften Mittelbedarfs des Privatsektors als wesentliche Ursache für die zuletzt schwache Kreditvergabe in der Eurozone heraus. Zunächst möchten wir betonen, dass die Wirkungszusammenhänge bei der Analyse der Kreditvergabe vielschichtig sind und wir zustimmen, dass auch die Kreditnachfrage eine tragende Rolle für die Wirksamkeit der Geldpolitik spielt. Hierzu hatten wir in der April-Ausgabe dieser Zeitschrift eine Untersuchung des Zinskanals veröffentlicht, bei der speziell der geldpolitische Einfluss auf die Kreditnachfrage analysiert wird.1

Die Bedeutung des Bankenkanals als Transmissionsmechanismus für die Geldpolitik wird maßgeblich durch die Abhängigkeit des Privatsektors vom Bankensektor als Finanzierungsgeber bestimmt. Nur bei einer bestehenden Abhängigkeit des Privatsektors vom Bankkredit und unzureichenden Substitutionsmöglichkeiten würden Angebotsrestriktionen der Geschäftsbanken zu Finanzierungshemmnissen führen. Gäbe es ein vollkommenes Substitut für den Bankkredit, auf das der private Sektor ausweichen könnte, hätten Angebotsrestriktionen bei den Geschäftsbanken keine realwirtschaftlichen Auswirkungen.2

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Verbindlichkeiten nicht-finanzieller Unternehmen (ohne Eigenkapital)
Verbindlichkeiten nicht-finanzieller Unternehmen (ohne Eigenkapital)

Anmerkung: Bestand zum Jahresende 2016. Die sonstigen Verbindlichkeiten enthalten z.B. Handelskredite, Finanzderivate oder Mitarbeiteraktienoptionen.

Quellen: EZB (Euro Area Accounts) und eigene Berechnungen.

Um zu überprüfen, ob angebotsbedingte Restriktionen bei den Geschäftsbanken zur Erklärung der schwachen Kreditvergabe wegen hinreichender Substitutionsmöglichkeiten des Bankkredits in der Eurozone vernachlässigt werden können, empfiehlt es sich, die Bewertung der Rolle des Bankkredits bei der Finanzierung des privaten Sektors aus zwei Perspektiven zu betrachten. Neben der durch Manuel Rupprecht durchgeführten Periodenbetrachtung der Finanzierungsstruktur sollte auch eine Bestandsbetrachtung vorgenommen werden. Zwar ist es richtig, dass aus Periodensicht der Anteil der Kreditfinanzierung an der jährlichen Neuaufnahme von Finanzierungsmitteln im Nachgang der Finanzkrise zurückgegangen ist. Dennoch zeigen die jüngsten Erhebungen der Europäischen Zentralbank, dass der Bankkredit aus Bestandssicht weiterhin mit Abstand das wichtigste externe Finanzierungsinstrument in der Eurozone darstellt.3 Abbildung 1 zeigt die Struktur der Verbindlichkeiten der privaten Unternehmen in ausgewählten Euroländern. Die Kreditfinanzierung macht im Durchschnitt des Euroraums rund zwei Drittel der Fremdfinanzierung der Unternehmen aus. Nur rund 10% des Fremdkapitals wird über kapitalmarktnahe Instrumente wie Schuldverschreibungen eingeworben. Dabei ist zu konstatieren, dass die Bedeutung der Kapitalmarktfinanzierung in den einzelnen Euroländern sehr unterschiedlich ausfällt und hier zum Teil länderspezifische Gepflogenheiten relevant sind. Zudem spielt der Bankensektor auch bei der Fremdkapitalaufnahme über die Emission von Schuldverschreibungen eine wichtige Rolle, da er hier nicht nur als Mittler sondern auch als Kapitalgeber, also Käufer von Schuldverschreibungen, auftritt. Damit bleibt die Bedeutung des Bankensektors zur Finanzierung des Unternehmenssektors hoch.

Insgesamt ist die Wirtschaft in der Eurozone also stärker von der Bankenfinanzierung abhängig als von der Finanzierung über den Kapitalmarkt.4 Hinzukommt, dass insbesondere kleine und mittlere Unternehmen in der Eurozone nicht zu adäquaten Konditionen auf alternative Finanzierungsformen zurückgreifen können und von Einschränkungen beim Bankkreditangebot stark betroffen wären.5 Dies gilt ebenso für private Haushalte, deren Abhängigkeit vom Bankensektor besonders hoch ist, da sie sich in erster Linie über Bankkredite verschulden.6 Daher erscheint insgesamt eine Betrachtung von Angebotsrestrik­tionen über den Bankenkanal zur Erklärung der schwachen Kreditentwicklung durchaus zielführend.

Title: The Transmission Mechanism of Monetary Policy – Addition and Reply

Abstract: In March 2015 Wirtschaftsdienst published the article "The Transmission Mechanism of Monetary Policy – Where is the Boost to Lending?" by Daniel Hagemann and Monika Wohlmann. Manuel Rupprecht asserts in his response that their argumentation concentrates too heavily on credit supply. He points to the importance of credit demand and the declining significance of bank loans. Hagemann and Wohlmann respond by providing detailed information on the sources of company financing and state that more than half of the financing for companies in the eurozone originated from banks.

JEL Classification: E52, E44, G21

  • 1 Vgl. D. Hagemann, M. Wohlmann: Die Transmission über den Zinskanal: von der Geldpolitik zur Kreditnachfrage, in: Wirtschaftsdienst, 97. Jg. (2017), H. 4, S. 299-303.

  • 2 Vgl. A. K. Kashyap, J. C. Stein: The role of banks in monetary policy: A survey with implications for the European monetary union, in: Federal Reserve Bank of Chicago Economic Perspectives, 21. Jg. (1997), H. 3, S. 2-18; vgl. C.E. Walsh: Monetary theory and policy, 2. Aufl., Cambridge 2003, S. 324.

  • 3 Vgl. European Central Bank: Report on financial structures, Oktober 2016, Frankfurt a.M. 2016, S. 10.

  • 4 Vgl. E. Alevizopoulou, N. Apergis, S. M. Miller: The bank lending channel and monetary policy rules for Eurozone banks: Further extensions, in: The Berkeley Electronic Journal of Macroeconomics, 15. Jg. (2015), H. 1, S. 93-112.

  • 5 Vgl. J. Peek, E. S. Rosengren: The role of banks in the transmission of monetary policy, in: A. N. Berger, P. Molyneux, J. O. S. Wilson (Hrsg.): The Oxford handbook of banking, 2. Aufl., Oxford 2015, S. 453-473.

  • 6 Vgl. European Central Bank: Euro Area Accounts Online, Juli 2017, Frankfurt a.M. 2016, S. 70.


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