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98. Jahrgang, 2018, Heft 10 · S. 690

Organspende: Nudging rettet Leben

Marlene Haupt

Ende September 2018 wandte sich der Verein "Sportler für Organspende" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einem offenen Brief an die Mitglieder des Deutschen Bundestags. Kern dessen war die Forderung, den "Tod auf der Warteliste für Organspender zu stoppen". Ermöglicht werden soll dies einerseits durch eine bessere Unterstützung der Kliniken und Transplantationsbeauftragten sowie durch eine verbesserte Vergütung von Organentnahmen. Andererseits wird eine veränderte Gesetzgebung im Sinne einer sogenannten Widerspruchslösung gefordert, für die sich auch Gesundheitsminister Jens Spahn Anfang September in einem Zeitungsinterview ausgesprochen hat. Hintergrund der Debatte ist die Tatsache, dass die Zahl der Organspenden in Deutschland nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation in den letzten Jahren weiter rückläufig war und 2017 mit nur 797 Spendern einen neuen Tiefpunkt erreicht hat: der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Die Nachfrage nach Organen ist dabei ungleich größer als das Angebot: 2017 warteten in Deutschland mehr als 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan.

Wie das Spenden von Organen geregelt ist, also wann und unter welchen Umständen die Organe einer verstorbenen Person entnommen werden dürfen, unterscheidet sich von Land zu Land. In Deutschland gilt bisher die sogenannte Entscheidungslösung. Danach ist eine Organentnahme nur dann zulässig, wenn eine Zustimmung vorliegt. Die Bürger sollen sich beispielsweise durch Informationsmaterialien der Krankenkassen (und damit auf Grundlage fundierter Informationen) mit der eigenen Spendenbereitschaft auseinandersetzen und selbst konkrete Schritte unternehmen, also z. B. einen Organspendeausweis ausfüllen. In anderen europäischen Ländern gilt hingegen eine sogenannte Widerspruchslösung. Danach können Organe zur Transplantation entnommen werden, wenn die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat.

Die verhaltensökonomische Forschung konnte in der Vergangenheit eindrucksvoll zeigen, dass zwar viele Menschen zur Organspende bereit sind, aber nicht die notwendigen Schritte unternehmen, um potenzielle Spender zu werden. So konnten Johnson und Goldstein 2003 für die USA in einem Experiment deutlich machen, welche unterschiedlichen Folgen die Entscheidungs- und die Widerspruchslösung haben können: Mussten sich die Befragten im Sinne der Entscheidungslösung aktiv als Organspender zur Verfügung stellen, entschieden sich nur 42 % dafür. Bei einer Widerspruchslösung, bei der sie explizit erklären mussten, dass sie nicht spenden möchten, behielten 82 % ihren Status als Spender bei. Auch in der Realität ist die Wirkung der gesetzlichen Ausgestaltung von Organspenden enorm: In Österreich sind nur 0,5 % der Bevölkerung in einem Widerspruchsregister eingetragen, in Deutschland besitzen 36 % der Bevölkerung einen Organspendeausweis. Es scheint also so, dass zwar viele Menschen grundsätzlich zu einer Spende bereit sind. Wenn es um die konkrete Umsetzung geht, sind sie aber doch träge und scheuen den organisatorischen Aufwand. Die vom Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler geprägten Nudges als Verhaltensanstöße nutzen wiederum genau diese menschliche Trägheit aus: Durch eine veränderte Entscheidungsarchitektur unterstützt die Standardvorgabe "Spender bis zum Widerspruch", dass deutlich mehr Organe gespendet werden. Die Spenden retten Leben und entsprechen in den meisten Fällen auch dem Wunsch des potenziellen Spenders. Die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen bleibt gewahrt, wenn jedem Bürger die Möglichkeit eingeräumt wird, problemlos zu widersprechen. In Österreich reicht dazu auch ein Zettel im Portemonnaie oder ein einfaches "Nein" im Gespräch mit Angehörigen.

Marlene Haupt

Hochschule Ravensburg-Weingarten

marlene.haupt@hs-weingarten.de


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