Ein Service der

Inhalt

98. Jahrgang, 2018, Heft 12 · S. 836-837

Kurz Kommentiert

Wohnkosten: Steuerlich absetzbar machen

Jens Boysen-Hogrefe, Ulrich Schmidt

Wohnkosten, die aufgrund einer angemessenen Unterkunft entstehen, sind Teil des sogenannten Existenzminimums und sollten deshalb nicht besteuert werden. Doch die dafür bestehenden Regeln führen angesichts erheblicher Mietpreisunterschiede innerhalb Deutschlands zu ungerechten Ergebnissen: Wer in Städten mit hohen Mieten wohnt, ist systematisch benachteiligt. Dabei gäbe es eine gerechtere und einfache Lösung: Mieten sollten steuerlich absetzbar sein. Auslöser für die ungerechte Behandlung ist, dass der Gesetzgeber bei der Festlegung des Existenzminimums ausgerechnet bei den Wohnkosten eine Ausnahme macht. Prinzipiell richtet sich die Berechnung des steuerfreien Einkommens nach den Sätzen in der Sozialhilfe. Doch während für die Wohnkosten bei der Sozialhilfe die Besonderheiten des jeweiligen Mietmarktes berücksichtigt werden – und es daher regional stark variierende Mietobergrenzen gibt – wird beim steuerrechtlichen Existenzminimum für 2018 eine bundesweit einheitliche Bruttokaltmiete von 7,06 Euro je m2 unterstellt. Der Bundesregierung ist bewusst, dass dies eher einem unteren Wert der tatsächlichen Wohnkosten entspricht, sie verweist aber darauf, dass das Existenzminimum in diesem Sonderfall durch ergänzende staatliche Leistungen wie das Wohngeld gesichert werden kann.

Doch tatsächlich verstößt diese Regelung gegen das Prinzip der horizontalen Steuergerechtigkeit, wonach Personen mit gleicher finanzieller Leistungsfähigkeit auch eine gleiche Steuerlast tragen sollen. Denn wer in einer Region hohe Mieten zahlen muss, kann sich weniger leisten als Menschen mit gleichem Einkommen in Gegenden mit geringen Mietpreisen. Und wer in Regionen mit Mietpreisen von deutlich über 7 Euro je m2 lebt, dessen Existenzminimum ist eben nicht voll steuerlich freigestellt, obwohl das Bundesverfassungsgericht dies auf Basis des Grundgesetzes als verpflichtend ansieht. Um eine unterschiedliche Behandlung auszuschließen, wäre es sinnvoll, die Wohnkosten gar nicht mehr im Grundfreibetrag zu berücksichtigen, sondern die tatsächlichen Mietkosten (bzw. die Zinsaufwendungen für die Hypothek auf Wohneigentum) steuerlich abzugsfähig zu machen. Dabei müsste es selbstverständlich Höchstbeträge geben, die wie bei der Sozialhilfe von der Haushaltsgröße und den regionalen Wohnkosten abhängig sind. Damit wäre die horizontale Steuergerechtigkeit wiederhergestellt.

Gleichzeitig würden zwei weitere Probleme der derzeitigen Einkommensbesteuerung behoben: Zum einen hätten Haushalte in abbezahltem Wohneigentum eine höhere Steuerlast, da sie ja keine Wohnkosten absetzen könnten. Das entspricht dem Leistungsfähigkeitsprinzip, weil die gesparte Miete einen Kapitalertrag bedeutet, der derzeit unbesteuert bleibt. Zum anderen würden auch kinderlose Ehepaare höher besteuert werden, da die für das Existenzminimum maximal zu berücksichtigende Wohnungsgröße eines Ehepaars nicht doppelt so hoch ist wie für einen Single. Bei der Sozialhilfe bekommen kinderlose Ehepaare mit maximal 65 m2 nur wenig mehr zugestanden als Singles mit 50 m2. Steuerlich erhalten Ehepaare heute aber den doppelten Grundfreibetrag, werden also stärker entlastet, als dies durch das Existenzminimum gerechtfertigt ist. Unterm Strich ließe sich also mit einer limitierten Absetzbarkeit der Wohnkosten gerechter und effizienter dafür sorgen, dass der Staat sowohl Personen in gefragten Ballungszentren als auch Personen in günstigen Wohnlagen steuerlich gleich behandelt. Aktuell werden dagegen Steuerzahler in teuren Wohnlagen benachteiligt und in günstigen bevorzugt.

Jens Boysen-Hogrefe, Ulrich Schmidt

Institut für Weltwirtschaft

jens.hogrefe@ifw-kiel.de, ulrich.schmidt@ifw-kiel.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?