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98. Jahrgang, 2018, Heft 3 · S. 157-158

Windenergie: Sturm oder Flaute?

Claudia Kemfert

Es hört sich eigentlich gut an: Der Windkraftausbau in Europa erreicht neue Rekordwerte, 85 % aller Kraftwerkskapazitäten entfielen 2017 auf den Ausbau erneuerbarer Energien, allen voran der Windenergie. Drei europäische Länder haben den Großteil der neu installierten Windanlagen errichtet: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Doch der positive Eindruck täuscht. Insgesamt hat zwar die Bedeutung der Windenergie an der Stromerzeugung in Europa deutlich zugenommen und ist auf den durchaus beträchtlichen Anteil von 12 % gestiegen. Der positive Trend wird jedoch nicht lange anhalten und der Rekordzuwachs der Windenergie in Europa kaum dauerhaft sein. Obwohl die Kosten der erneuerbaren Energien und auch der Windenergie immer weiter sinken, verschlechtern sich die Bedingungen in den einzelnen Ländern. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien rührt der jüngste Rekordzuwachs daher, dass die Fördersysteme geändert werden. Es handelt sich also nur um Vorzieheffekte.

Europa hat sich vorgenommen, den Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Endenergieverbrauch bis 2020 auf 20 % zu steigern. Viele EU-Länder erfüllen schon heute die EU-Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Erreicht sind insgesamt schon 17 %, vor allem dank der skandinavischen und auch einiger osteuropäischer Länder. Elf Länder erfüllen schon heute diese EU-Ausbauziele, in denen neben der Stromerzeugung auch die Wärmeenergie und Kraftstoffe für die Mobilität aus erneuerbaren Energien stammen müssen. Fünf Länder drohen jedoch die Ausbauziele zu verfehlen. Eines davon ist ausgerechnet Deutschland. Deutschland wird sein Ausbauziel bis 2020 aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erreichen, genau wie Frankreich und Großbritannien – oder auch Belgien und die Niederlande. In Deutschland ist die Zielverfehlung allerdings besonders bitter.

Im selbst ernannten Energiewende- und Klimaschutz-Musterland ist es peinlich, wenn neben den eigenen Klimazielen nun auch die europäischen Ziele nicht erreicht werden. Obwohl der Ausbau der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung gut vorangekommen ist und sich der Anteil auf über 31 % erhöht hat, sieht es in den anderen Bereichen weniger gut aus. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Wärmeerzeugung stagniert bei 13 %, im Verkehr bei gerade einmal 5 %. So kommt Deutschland auf einen Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch von 16 %, es müssen bis 2020 allerdings 18 % sein.

Da der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien stark gedeckelt wird, und weder im Bereich Wärme noch im Bereich Verkehr mit mehr Anteilen an erneuerbaren Energien zu rechnen ist, kommt es wahrscheinlich zur Zielverfehlung. Die nun eingesetzten Ausschreibungen für den Ausbau erneuerbarer Energien deckeln den Zuwachs merklich. Zwar will die Große Koalition in Deutschland Sonderausschreibungen vornehmen, um einen Fadenriss in der Windenergie zu verhindern. Aber dies wird nicht ausreichen, um die Weichen in allen Bereichen voll auf Energiewende zu stellen. Der Ausbau darf nicht mehr gedeckelt werden, zudem müssen mehr Anreize für den Einsatz erneuerbarer Energien in allen anderen Bereichen geschaffen werden. Nur so kann Deutschland seine Glaubwürdigkeit für die Energiewende und den Klimaschutz zurückgewinnen.

Claudia Kemfert

DIW Berlin, Hertie School of Governance

sekretariat-evu@diw.de


Kommentare zu diesem Artikel

Jochen Luhmann, WI schrieb am 15.03.2018 um 08:53 Uhr

... na, und kann Geld sparen, um den Ausgleich für die Zielverfehlung nachträglich im EU-Ausland einzukaufen. Es geht ja nicht nur um die RES-Ziele, insbesondere die ESD-Ziele werden zunehmend verfehlt. Vgl. BT-Drs. 19/923
Man sollte den Bundesrechnungshof bitten, sich dazu alsbald zu äußern.

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