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98. Jahrgang, 2018, Heft 3 · S. 219-220

Konjunkturschlaglicht

Zur Exportabhängigkeit der deutschen Konjunktur

Stefan Kooths, Ulrich Stolzenburg

Für offene Volkswirtschaften spielt die Unterscheidung zwischen binnen- und außenwirtschaftlichen Triebkräften der konjunkturellen Dynamik eine wichtige Rolle. Während in der binnenwirtschaftlichen Entwicklung auch zyklusendogene Mechanismen zum Tragen kommen, ist die außenwirtschaftliche Komponente stärker von exogenen Faktoren geprägt. Einen Ansatzpunkt für die Identifikation des außenwirtschaftlichen Einflusses bietet die aufkommens- und verwendungsseitige Betrachtung des Wirtschaftsprozesses (vgl. Abbildung 1).

Diese macht deutlich, dass für die Produktion von Gütern der periodisch abgegrenzten letzten Verwendung (Konsumgüter C und Investitionsgüter I für den Inlandsabsatz sowie Exportgüter Ex) sowohl primäre Produktionsfaktoren im Inland (gemessen als Bruttoinlandsprodukt BIP für den Wert der heimischen Wertschöpfung) als auch importierte Güter (Im) zum Einsatz kommen (BIP + Im = C + I + Ex). Es wäre indes verfehlt, den konjunkturellen Einfluss des Außenhandels am Außenbeitrag (Saldo aus Exporten und Importen) oder dessen Veränderung im Sinne eines rechnerischen "Wachstumsbeitrags" zum Bruttoinlandsprodukt festzumachen, wie es sich in der Konjunkturberichterstattung eingebürgert hat. Zu diesem Fehlschluss verführt die verwendungsseitige BIP-Definition (BIP = C + I + Ex – Im), die eine nicht gegebene Kausalität suggeriert.1 Vielmehr ist zu beachten, dass praktisch jedes Gut der letzten Verwendung aus dem Zusammenspiel von heimischer Wertschöpfung und Importen hervorgegangen ist. Die Betrachtung des Außenbeitrags würde hingegen die Gesamtimporte in unzulässiger Weise nur mit den Exporten verrechnen bzw. eine perfekte Substituierbarkeit von heimischer und ausländischer Wertschöpfung implizieren.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Gesamtwirtschaftlicher Güterzusammenhang

Quelle: eigene Darstellung.

Ob die konjunkturelle Dynamik binnen- oder außenwirtschaftlich getragen ist, bestimmt sich vielmehr danach, ob die ökonomische Aktivität im Inland – gemessen am Primärfaktoreinsatz – verstärkt auf die Produktion von Gütern für den Inlands- oder den Auslandsabsatz gerichtet ist, nicht aber an der Entwicklung des Saldos im Außenhandel. Diese Größe kann stattdessen zu gravierenden Fehldiagnosen führen. So würde sich ein Import­rückgang im Zuge einer einbrechenden inländischen Investitionstätigkeit als "Verbesserung" des Außenbeitrags äußern, ohne dass von der übrigen Welt Impulse auf das Inland ausgegangen wären. Umgekehrt könnten kräftige Impulse aus dem Auslandsgeschäft vorliegen, ohne dass dies im Außenbeitrag sichtbar würde, wenn es zeitgleich zu einem Anstieg der heimischen Absorption kommt, der seinerseits höhere Importe zur Folge hat.

Um die Importanteile der verschiedenen Verwendungskomponenten adäquat zu bestimmen, muss die in der Vorleistungsverflechtung einer Volkswirtschaft zum Ausdruck kommende Produktionsstruktur berücksichtigt werden, da importierte Güter auch indirekt über verschiedene Stufen hinweg in die Produktion von Gütern der letzten Verwendung einfließen können (z. B. Einfuhr von Eisenerz, das im Inland zu Stahl verarbeitet wird und schließlich in die Fahrzeugproduktion gelangt). Näherungsweise kann dieses Zurechnungsproblem durch die auf Wassily Leontief zurückgehende Input-Output-Analyse gelöst werden.2 Hierbei wird Proportionalität zwischen Inputs und Outputs sowie eine gegebene Wirtschaftsstruktur im Sinne konstanter Anteile der verschiedenen Wirtschaftsbereiche in Bezug auf die Produktion von Gütern für die letzte Verwendung unterstellt. Eine solche streng linear-limitationale Produktionstechnologie liegt zwar in der Realität nicht vor, ein solcher Ansatz kann aber – insbesondere für kurzfristige Analysen – als Näherungsverfahren gute Dienste leisten.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Importbereinigte Expansionsbeiträge in Deutschland

Jahresdaten, preis- und kalenderbereinigt.

Quellen: OECD, Input Output Database; Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW.

Die zugrundeliegenden Input-Output-Tabellen zeigen die Verflechtungen der einzelnen Wirtschaftsbereiche untereinander sowie deren Lieferbeziehungen mit dem Ausland. Wir greifen auf Tabellen der OECD zurück,3 die für besonders viele Länder und Jahre in einheitlicher Form verfügbar sind, um so auch international vergleichbare Ergebnisse zu erhalten.4 Allerdings liegen diese Daten derzeit nur bis zum Jahr 2011 vor und müssen daher geeignet fortgeschrieben werden. Hierzu werden die bereichsspezifischen Importanteile auf die gesamtwirtschaftliche Importquote (Anteil der Importe an der letzten Verwendung) regressiert und anschließend mit der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Importquote extrapoliert. Die bei diesem Verfahren gegebenenfalls auftretenden Diskrepanzen der Summe der bereichsweisen Importe zum gesamtwirtschaftlichen Aggregat werden proportional verteilt. Für Deutschland ist der Importgehalt der Exporte mit mehr als 40 % am höchsten, gefolgt von den Anlageinvestitionen mit knapp 35 %, dem privaten Verbrauch mit etwas über 25 % und dem Staatsverbrauch mit knapp 10 %.5

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Außenhandelssaldierte Expansionsbeiträge in Deutschland

Jahresdaten, preis- und kalenderbereinigt.

Quellen: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; Berechnungen des IfW.

Anhand der so bestimmten direkten und vorleistungsinduzierten Importanteile lassen sich residual die heimischen Wertschöpfungseffekte der verschiedenen Verwendungskomponenten als Expansionsbeiträge zum Anstieg des Bruttoinlandsproduktes bestimmen (vgl. Abbildung 2). Deutlich wird hier – im Gegensatz zur Saldierung von Ex- und Importen zum sogenannten rechnerischen Expansionsbeitrag des Außenhandels (vgl. Abbildung 3) – die Bedeutung der Exporte für die Entwicklung der Wirtschaftsleistung in Deutschland. So lag der durchschnittliche Wertschöpfungsbeitrag der Exportgüterproduktion seit der Jahrtausendwende bei einem Prozentpunkt, während die inländischen Verwendungskomponenten im Durchschnitt nur 0,4 Prozentpunkte ausmachten – nach der Zerlegung mit vollständiger Saldierung der Ex- und Importe sind die Verhältnisse nahezu umgekehrt. Zuletzt – 2014 bis 2017 – war der importbereinigte Expansionsbeitrag der inländischen Verwendung mit knapp über einem Prozentpunkt etwas höher. Gleichwohl kann die konjunkturelle Beschleunigung im Jahr 2017 auf eine spürbare Ausweitung der Exporttätigkeit zurückgeführt werden, nachdem der Welthandel im Jahr 2016 eine Schwächephase durchschritten hat. Die ausgeprägte Exportabhängigkeit der deutschen Konjunktur weist zugleich auf die Risiken hin, die von einem eskalierenden Handelskonflikt etwa mit den USA für die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande ausgehen. Störungen des internationalen Güteraustausches saldieren sich nicht konjunkturneutral, sondern würden Wertschöpfungsketten zerschneiden, unter denen die ökonomische Aktivität insgesamt leiden würde.

Stefan Kooths, Ulrich Stolzenburg

Stefan.Kooths@ifw-kiel.de, ulrich.stolzenburg@ifw-kiel.de

  • 1 Vgl. S. Kooths: Außenbeitrag – Wie ein Saldo die Wirtschaftspolitik verwirrt, in: F. Schäffler et al. (Hrsg.): Freihandel für eine gerechtere Welt, München 2018, S. 56-61.

  • 2 Vgl. W. W. Leontief: The structure of American economy 1919-29: An empirical application of equilibrium analysis, Cambridge MA 1941. Im Folgenden orientieren wir uns an H. Kranendonk, J. Verbruggen: Decomposition of GDP growth in some European countries and the United States, in: De Economist, 156. Jg. (2008), H. 3, S. 295-306.

  • 3 Input-Output Database bei http://stats.oecd.org/ (12.3.2018).

  • 4 So werden entsprechende importbereinigte Expansionsbeiträge fortan in den Kieler Konjunkturberichten zum Euroraum für einzelne Länder wie auch für den Euroraum insgesamt ausgewiesen.

  • 5 Das ifo Institut kommt mit feingliederigen Input-Output-Tabellen für Deutschland auf einen etwas niedrigeren Importanteil für die Bruttoanlageinvestitionen (30 %) und den privaten Verbrauch (20 %).


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