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98. Jahrgang, 2018, Heft 4 · S. 296-298

Ökonomische Trends

Der große Trend zur Freizeit?

Enzo Weber, Franziska Zimmert

Prof. Dr. Enzo Weber leitet den Forschungsbereich "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und ist Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg.

Franziska Zimmert, M. Sc., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

"Die Menschen möchten heutzutage mehr Freizeit haben und sind dafür auch bereit, auf Arbeitseinkommen zu verzichten." Diese Aussage ist in der öffentlichen Debatte zur Arbeitsmarktpolitik mittlerweile oft zu hören. Steckt dahinter ein tatsächlicher Trend, oder geht es eher um anschauliche, aber nicht unbedingt repräsentative Geschichten? Davon hängt vieles ab, wie etwa tarifliche Rahmenvereinbarungen, betriebliche Arbeitsorganisation und soziale Sicherungssysteme. Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten im Zeitverlauf von 1985 bis 2016 ausgewertet. Die Datenbasis liefert das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), das mittlerweile von mehr als 10 000 Haushalten und 20 000 Befragten Informationen zu ökonomischen und soziologischen Fragestellungen bereitstellt.

Arbeitszeitwünsche müssen nicht unbedingt den tatsächlichen Arbeitszeiten entsprechen. Jedes Jahr werden darum Beschäftigte zu ihrer bevorzugten Wochenarbeitszeit in Stunden befragt.1 Bei der Beantwortung soll berücksichtigt werden, dass der Verdienst sich entsprechend anpasst. Im Gegensatz dazu steht die im Durchschnitt tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit, die die Befragten ebenfalls angeben. Wir fokussieren unsere Analyse auf die gewünschte Arbeitszeit und ermitteln hier für jedes Befragungsjahr die durchschnittlichen Arbeitszeitwünsche für alle Angestellten, Arbeiter und Beamte. Selbstständige, Auszubildende, Zivildienst-/Wehrdienstleistende sowie Praktikanten werden hier wegen ihrer besonderen Rolle nicht betrachtet.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten

in Stunden pro Woche

Arbeitszeitwünsche der Beschäftigtenin Stunden pro Woche

Keine Auszubildenden, Selbstständigen, Zivil-/Wehrdienstleistende, Praktikanten. Arbeitszeitwünsche Mittelwert.

Quelle: SOEP long, 1985-2016 (im Jahr 1996 war die Frage zu den Arbeitszeitwünschen nicht im SOEP enthalten); eigene Berechnungen, hochgerechnet.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten nach Vollzeit, Teilzeit und Minijob

in Stunden pro Woche

Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten nach Vollzeit, Teilzeit und Minijobin Stunden pro Woche

Keine Auszubildenden, Selbstständigen, Zivil-/Wehrdienstleistende, Praktikanten. Arbeitszeitwünsche Mittelwert.

Quelle: SOEP long, 1985-2016 (im Jahr 1996 war die Frage zu den Arbeitszeitwünschen nicht im SOEP enthalten); eigene Berechnungen, hochgerechnet.

Abbildung 1 zeigt den Verlauf der Arbeitszeitwünsche (Stunden pro Woche) im Mittel über alle Beschäftigten. Dabei findet sich in den letzten Jahren tatsächlich ein Trend nach unten. Allerdings ist zu beachten, dass über den betrachteten Zeitraum die Erwerbsbeteiligung von Frauen stark zugenommen hat.

Da Frauen im Schnitt deutlich kürzere Arbeitszeiten haben als Männer, senkt das den gesamten Durchschnitt. Deshalb wurden die Arbeitszeitwünsche auch für Frauen und Männer getrennt dargestellt. Diese haben sich insgesamt über einen langen Zeitraum nicht sehr stark geändert. Während bei den Frauen auch aktuell kaum Bewegung erkennbar ist, sank die gewünschte Arbeitszeit der Männer seit dem Jahr 2011. Allerdings beträgt der Unterschied nur gut eine Stunde pro Woche. Und zu beachten ist auch, dass es über die Jahre zuvor einen Anstieg in ähnlicher Größenordnung gab. Ein "großer Trend zur Freizeit" spricht aus diesen Daten bisher nicht.

Diese Bewertung lässt sich durch einen detaillierteren Blick auf die Arbeitszeitverteilung untermauern. Dazu haben wir die Arbeitszeitwünsche weiterhin nach den Gruppen der Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten unterschieden. Abbildung 2 zeigt die zeitlichen Verläufe für Frauen und Männer. Dabei ist zu erkennen, dass die Arbeitszeitwünsche teilzeitbeschäftigter Frauen sogar etwas gestiegen sind.

Der mittlere Arbeitszeitwunsch liegt heute hier nicht mehr bei 22, sondern bei 26 Stunden pro Woche. Vollzeitbeschäftigte Frauen haben ihre Arbeitszeitwünsche im Schnitt nicht erkennbar geändert. Bei den vollzeitbeschäftigten Männern gibt es seit 2012 einen leichten Rückgang der Arbeitszeitwünsche, der etwas schwächer ausfällt als im gesamten Mittel. Das erklärt sich wesentlich durch die Entwicklung bei der ausschließlich geringfügigen Beschäftigung: Die Arbeitszeitwünsche der Minijobber sind recht deutlich gefallen. Dies ist aber eher als Normalisierung gegenüber der Phase ab dem Jahr 2003 zu werten, als die Zahl der Minijobs stark zunahm, aber viele geringfügig Beschäftigte mit den entsprechenden Arbeitszeiten nicht ausgelastet waren. Letzteres lässt sich aus Abbildung 3 ersehen, die zeigt, dass genau in dieser Phase der Anteil der unterbeschäftigten männlichen Minijobber deutlich zunahm. Als Unterbeschäftigung bezeichnen wir, wenn der Arbeitszeitwunsch um mehr als 2,5 Wochenstunden über der tatsächlichen Arbeitszeit liegt.2

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Anteil der unterbeschäftigten männlichen Minijobber

in %

Anteil der unterbeschäftigten männlichen Minijobberin %

Keine Auszubildenden, Selbstständigen, Zivil-/Wehrdienstleistende, Praktikanten. Arbeitszeitdiskrepanzen (Intervall 2,5) Anteile nach Beschäftigungsart.

Quelle: SOEP long, 1985-2016 (im Jahr 1996 war die Frage zu den Arbeitszeitwünschen nicht im SOEP enthalten); eigene Berechnungen, hochgerechnet.

Ein Trend zur Freizeit wird oft auch an den Wünschen der jetzt jüngeren Generation festgemacht – beispielsweise unter dem Label Generation Y. Deshalb haben wir die Arbeitszeitwünsche für die Altersgruppen bis 25, von 26 bis 35 und über 35 Jahre getrennt berechnet. Naturgemäß unterscheidet sich der Umfang der gewünschten Arbeitszeit in diesen Altersgruppen in einer Zeitpunktbetrachtung. Auf eine spezielle Rolle der jüngeren Generation ließe sich nur schließen, wenn es in der zeitlichen Entwicklung im Vergleich zur Gruppe der über 35-Jährigen Unterschiede gibt. Abbildung 4 zeigt, dass dies bei Frauen unter 25 Jahren der Fall ist, deren Arbeitszeitwünsche seit dem Jahr 2009 um fünf Stunden zurückgegangen sind.

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten nach Altersgruppen und Geschlecht

in Stunden pro Woche

Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten nach Altersgruppen und Geschlechtin Stunden pro Woche

Keine Auszubildenden, Selbstständigen, Zivil-/Wehrdienstleistende, Praktikanten. Arbeitszeitwünsche Mittelwert nach Alterskategorien.

Quelle: SOEP long, 1985-2016 (im Jahr 1996 war die Frage zu den Arbeitszeitwünschen nicht im SOEP enthalten); eigene Berechnungen, hochgerechnet.

Abbildung 5 (zurück zum Text)
Arbeitszeitwünsche der Frauen bis 25 Jahre
in Stunden pro Woche
Arbeitszeitwünsche der Frauen bis 25 Jahrein Stunden pro Woche

Keine Auszubildenden, Selbstständigen, Zivil-/Wehrdienstleistende, Praktikanten. Arbeitszeitwünsche Mittelwert nach Alterskategorien.

Quelle: SOEP long, 1985-2016 (im Jahr 1996 war die Frage zu den Arbeitszeitwünschen nicht im SOEP enthalten); eigene Berechnungen, hochgerechnet.

Eine weitere Unterscheidung zeigt allerdings, dass dies auf einen deutlich gestiegenen Anteil von Minijobberinnen unter den jungen Frauen zurückgeht – und das liegt an der stärkeren Studierneigung, und nicht etwa an geringeren Arbeitszeitwünschen. In diesem Sinne verdeutlicht Abbildung 5, dass für die bis zu 25-jährigen Frauen ohne Berücksichtigung der Minijobberinnen kaum noch ein Rückgang der Arbeitszeitwünsche zu erkennen ist. Dies lässt sich zu einem großen Teil offensichtlich auf Studentinnen zurückführen.

Diese Ergebnisse bedeuten nun aber nicht, dass sich die Arbeitswelt nicht verändert hätte. Ganz im Gegenteil, der Alleinverdienerhaushalt gehört weitgehend der Vergangenheit an, das Erwerbsleben verlängert sich, Anforderungen ändern sich schneller. Arbeitnehmer haben deshalb heute einen deutlich höheren Bedarf an Flexibilität bezüglich ihrer Arbeitszeit im Zeitverlauf.3 Deshalb gehen Initiativen für ein Recht auf befristete Teilzeit bzw. Rückkehr in Vollzeit – wie zuletzt im Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie und den Koalitionsverhandlungen in Berlin – keineswegs in die falsche Richtung. So zeigen Weber und Zimmert, dass sowohl familiäre wie auch berufliche Gegebenheiten bei der Entstehung und der Lösung einer Diskrepanz zwischen gewünschter und tatsächlicher Arbeitszeit eine wichtige Rolle spielen.4

Man sollte dabei nur nicht davon ausgehen, dass die Menschen heute generell weniger arbeiten möchten. Und gerade die Jüngeren sind in Teilzeitstellen zu Beginn des Erwerbslebens häufig sogar unterbeschäftigt. Damit erscheinen Bedenken, mit einer größeren Arbeitszeitflexibilität für Arbeitnehmer Fachkräfteengpässe zu verschärfen, als nicht vordringlich. Im Gegenteil, selbstbestimmte Arbeitszeit erhöht die Zufriedenheit der Beschäftigten5 und kann die Chancen verbessern, dass gerade Frauen nach der Geburt von Kindern weiterhin eine produktive berufliche Entwicklung durchlaufen. Hier sind also auch für die Betriebe noch Potenziale zu heben.

  • 1 Für das Jahr 1996 enthält der Fragebogen die entsprechende Frage nicht, weshalb keine Aussagen für diesen Befragungszeitpunkt getroffen werden können.

  • 2 Der damalige Boom bei den Minijobs war also offenbar mehr auf die Deregulierung bzw. Begünstigung bei Steuern und Abgaben zurückzuführen als auf Präferenzen der Arbeitnehmer für diese Erwerbsform. Vgl. E. Weber, F. Zimmert: The creation and resolution of working hour discrepancies over the life course, IAB-Discussion Paper, Nr. 29/2017.

  • 3 E. Weber: Weg mit der Falle!, in: Süddeutsche Zeitung vom 4.12.2017.

  • 4 E. Weber, F. Zimmert, a. a. O.

  • 5 S. Wanger: What makes employees satisfied with their working time? The role of working hours, time-sovereignty and working conditions for working time and job satisfaction, IAB-Discussion Paper, Nr. 20/2017.


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