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98. Jahrgang, 2018, Heft 5 · S. 305-306

Rückkehrrecht aus Teilzeit: Fachkräfte binden!

Ute Klammer

Im April 2018 hat Arbeitsminister Heil ein Konzept zur gesetzlichen Verankerung eines Rückkehrrechts von Teil- auf Vollzeitarbeit vorgestellt. Damit greift er ein Vorhaben des aktuellen Koalitionsvertrags auf, das schon Teil des letzten Koalitionsvertrags war, aber nicht umgesetzt wurde. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Beschäftigte in Betrieben mit mindestens 45 Beschäftigten ab Januar 2019 ein Recht auf eine befristete Teilzeitphase zwischen einem und fünf Jahren haben. Arbeitgeber müssen begründen, wenn die Rückkehr auf Vollzeit nicht möglich ist. Für kleinere Betriebe ist eine Erörterungspflicht vorgesehen. Gegner von Arbeitnehmerrechten auf Anpassung der Arbeitszeit argumentieren, dass der Wechsel auf Teilzeit Arbeitsvolumen vernichte. Dies sei in Zeiten des Fachkräftemangels nicht vertretbar. Ein Argumentationsmuster, mit dem sich auch die IG Metall in der letzten Tarifrunde konfrontiert sah. Gegen das Recht auf Wiederaufstockung wiederum werden arbeitsorganisatorische Bedenken vorgebracht.

Doch vernichten Rechte auf Arbeitszeitreduzierung tatsächlich Arbeitsvolumen? Würde ein Wiederaufstockungsrecht die Teilzeitneigung und damit den Fachkräftemangel verstärken? Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Rechte auf Teilzeitarbeit – wie sie seit 2001 durch das Teilzeit- und Befristungsgesetz existieren – können komplette Ausstiege verhindern, wo Vollzeitarbeit nicht (mehr) mit Familienpflichten, aber auch Weiterbildungsplänen oder dem Bedürfnis nach Eigenzeit zu vereinbaren ist. Wiederaufstockungen dagegen können helfen, Qualifikations- und Einkommensverluste zu vermeiden, langfristige "Narben" im Erwerbsverlauf zu verringern und Rentenansprüche aufzubauen. Immer noch liegt die Erwerbstätigenquote von Frauen gut 7 Prozentpunkte unter derjenigen von Männern, zudem arbeitet fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit mit maximal 32 Wochenstunden. Seit Jahren belegen Befragungen zu Arbeitszeitwünschen, dass viele teilzeitbeschäftigte Frauen gerne mehr arbeiten würden. Erscheint der Wechsel auf Teilzeit vor allem nach der Geburt eines Kindes, aber auch in Kombination mit Pflegeaufgaben zunächst häufig als rationale oder auch einzig machbare Strategie, erweist sich dieser Weg später oft als Falle. Schwellen im Sozialversicherungs- und Steuerrecht erschweren den Wechsel aus der geringfügigen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, betriebliche Barrieren versperren den Weg zurück in eine vollzeitige Karriereposition. Indem Frauen zunächst exzellent ausgebildet werden, dann jedoch viele institutionelle Rahmenbedingungen und betriebliche Strategien daran mitwirken, dass viele Frauen aussteigen oder nur teilzeiterwerbstätig sind, leistet sich Deutschland bis heute eine beispiellose Vergeudung von Erwerbspotenzial.

Hier kann ein Wiederaufstockungsrecht helfen. Zwar werden aufgrund des Schwellenwerts viele Frauen die Wiederaufstockung nicht beanspruchen können. Zu hoffen ist aber, dass auch die Erörterungspflicht für kleinere Betriebe Bewegung in die Diskussion bringt. Nicht überall werden Arbeitszeitwechsel im Betrieb problemlos umsetzbar sein. Auch die Frage, ob vorübergehend aufzufangende Aufgaben zur weiteren Arbeitsverdichtung oder neuen befristeten Arbeitsverhältnissen führen, ist zu beleuchten. Aber wenn Arbeitszeit und lebensweltliche Belange der Beschäftigten nicht mehr zusammenpassen, kann der individuelle und gesellschaftliche Schaden noch größer sein. Denn in einer Gesellschaft, in der erwartet wird, dass alle Frauen und Männer erwerbstätig und für ihren Lebensunterhalt verantwortlich sind, bleibt die Frage ungelöst, wer die gesellschaftliche Fürsorgearbeit leistet und wo Raum für andere Zeitbedarfe bleibt. Für eine zukunftsweisende Arbeitszeitpolitik ist daher das Recht auf befristete Teilzeit nur ein erster Schritt. Benötigt werden lebensphasenspezifische Arbeitszeitoptionen. Hierzu kann ein lebensereignisorientiertes Personalmanagement im Betrieb beitragen, aber auch ein Wahlarbeitszeitgesetz, für das unter anderem der Deutsche Juristinnenbund ein Konzept vorgelegt hat.

Ute Klammer

Universität Duisburg-Essen

ute.klammer@uni-due.de


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