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98. Jahrgang, 2018, Heft 6 · S. 433-438

Analysen und Berichte

Regionale Konvergenz: Der ländliche Raum schlägt sich gut

Klaus-Heiner Röhl

In Deutschland hat seit dem Jahr 2000 eine spürbare Konvergenz zwischen städtischen und ländlichen Regionen stattgefunden. Dieser Befund überrascht, da zuletzt vermeintlich abgehängte Regionen und scheinbar wachsende räumliche Disparitäten die öffentliche Diskussion bestimmten. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung wurde die räumliche Konzentration der Bevölkerung durch die Wanderung in die Städte bislang aber nicht von einer vergleichbaren Zentralisierung der Wirtschaftsaktivität begleitet. Der ländliche Raum konnte seinen Anteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt vielmehr konstant halten, sodass sein Rückstand je Einwohner gegenüber den Wirtschaftszentren schrumpft. Die an sich erfreuliche Konvergenz begünstigt jedoch nicht alle ländlichen Regionen gleichermaßen – und die demografische Entwicklung spricht auch gegen eine langfristige Stärkung ländlicher Regionen.

Dr. Klaus-Heiner Röhl ist Senior Economist im Kompetenzfeld Strukturwandel und Wettbewerb im Hauptstadtbüro Berlin des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Ziemlich genau seit dem Jahr 2000 ist die räumliche Entwicklung in Deutschland durch eine kräftige Urbanisierung geprägt, die den Großstädten steigende Einwohnerzahlen und wachstumsbedingte Engpässe auf dem Wohnungsmarkt gebracht hat.1 Die ländlichen Regionen verlieren dagegen vielfach bereits Einwohner, obwohl sich der demografische Wandel hier erst in einigen Jahren mit voller Kraft auswirken wird. Junge Menschen gehen zum Studium in die Städte und bleiben nach ihrem Abschluss dort, aber auch die Auslandszuwanderung zielt vorwiegend auf die Städte. Urbane Zentren gelten als Kristallisationspunkte der Entwicklung neuer Technologien und Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung durch wertschöpfungsstarke Funktionen wie Unternehmenszentralen, Forschungseinrichtungen sowie Finanzdienstleistungen. Sie weisen daher üblicherweise eine deutlich höhere Wirtschaftskraft je Einwohner auf als ländliche Regionen. Dies trägt zu ihrer Anziehungskraft bei, sodass es nahezuliegen scheint, dass der Urbanisierungstrend der Bevölkerung in Deutschland auch durch eine wachsende Wirtschaftskraft der Städte ausgelöst oder zumindest durch diese flankiert wurde. Zur Überprüfung dieser Hypothese wird nachfolgend die regionale Wirtschaftsentwicklung in Deutschland auf Kreisebene untersucht, wobei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner als entscheidendes Maß der Wirtschaftskraft verwendet wird.2

Anhaltende räumliche Konzentrationsprozesse sind auch wirtschaftstheoretisch fundiert, denn durch die Neue Ökonomische Geografie wurde wachsende räumliche Divergenz durch starke Agglomerationseffekte modelltheoretisch formuliert und vor dem Hintergrund einer steigenden Bedeutung des Humankapitals als Triebfeder für Wachstum auch für die reale Entwicklung vorhergesagt.3 Im Gegensatz hierzu dominieren in der neoklassischen Theorie Ausgleichsprozesse durch Preisunterschiede, die über Marktreaktionen den regionalen Ausgleich befördern.4

Tatsächlich verlaufen die Konzentrationsprozesse in Deutschland seit dem Jahr 2000 jedoch sehr differenziert ab: Während sich die Bevölkerung in den Städten ballt, hat sich die Wirtschaftskraft insgesamt nicht entsprechend verschoben. Der ländliche Raum konnte seinen Anteil am gesamtdeutschen BIP konstant halten, sodass sein Rückstand je Einwohner in Relation zu den Wirtschaftszentren – mit ihrer wachsenden Bevölkerung – abnimmt.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Der ländliche Raum holt auf
Der ländliche Raum holt auf

Anmerkung: fehlende Daten für Niedersachsen vor 2000.

Quelle: Arbeitskreis VGR der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, Reihe 2, Kreisergebnisse Bd. 1, Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1992 und 1994 bis 2015 (2017), https://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/?lang=de-DE (11.10.2017); eigene Berechnungen.

Das BIP je Einwohner in den 70 kreisfreien deutschen Städten mit mindestens 100 000 Einwohnern5 überstieg 2015 mit durchschnittlich 49 500 Euro den Bundesdurchschnitt von gut 37 000 Euro um ein Drittel. Im Jahr 2000 war es dagegen noch um 41,7 % höher als der deutsche Mittelwert.6 Für die 14 Großstädte mit mindestens 0,5 Mio. Einwohnern ist der Vorsprung beim BIP pro Kopf gegenüber dem deutschen Mittelwert seit 2000 von 82 % auf knapp 69 % im Jahr 2015 geschrumpft. Es findet also eine wirtschaftliche Konvergenz – in diesem Fall eine β-Konvergenz – zwischen städtischen und ländlichen Regionen statt (vgl. Abbildung 1).7 Auf Konvergenz lässt auch die Entwicklung der Arbeitslosigkeit schließen, die in den ländlichen Regionen Deutschlands seit dem Höhepunkt 2005 besonders deutlich gesunken ist.8

Kein Wachstumsvorsprung der Metropolregionen

Partiell könnte das gute Abschneiden des ländlichen Raumes bei der Wirtschaftsleistung in Relation zu den 70 Städten auf eine wirtschaftsbezogene Suburbanisierung zurückzuführen sein, falls Unternehmen in die Umlandkreise verlagert werden, während sich die Wohnbevölkerung in den Kernstädten ansiedelt. Das Umland ist dabei dem ländlichen Raum zugeordnet.9 Um dieser Frage nachzugehen, werden nachfolgend die sieben größten deutschen Metropolräume Berlin, Hamburg, München, Ruhrgebiet, Rheinland (Düsseldorf-Köln-Bonn), Frankfurt (Rhein-Main) sowie Stuttgart als urbane Regionen betrachtet. Hier sind die dicht besiedelten Umlandkreise der jeweiligen Kernstädte als Suburbanisierungsgebiete enthalten.

Wie Abbildung 2 zeigt, konnten die Metropolregionen ihre Wirtschaftsleistung relativ zum ländlichen Raum von 1995 bis 2001 noch leicht erhöhen.10 Danach gab es aber einen deutlichen Rückgang in Relation zum übrigen überwiegend ländlichen Raum und dem gesamtdeutschen Durchschnitt, der vor allem auf das starke Bevölkerungswachstum in den Metropolen zurückzuführen ist.11 Bei einer Analyse der regionalen Konvergenz für die Metropolregionen und den restlichen Raum – analog zu der in Abbildung 1 dargestellten – ergibt sich ein nahezu identisches Bild wie für die 70 größeren kreisfreien Städte. Die Entwicklung der Wirtschaftskraft hat mit der Einwohnerzahl offenbar nicht schritthalten können. Dies gilt gerade für die wirtschaftsstarken Metropolregionen München und Frankfurt.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Metropolregionen fallen zurück
Metropolregionen fallen zurück

Quelle: Arbeitskreis VGR der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, Reihe 2, Kreisergebnisse Bd. 1, Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1992 und 1994 bis 2015 (2017), https://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/?lang=de-DE (11.10.2017); eigene Berechnungen.

Die 14 deutschen Großstädte mit mindestens 0,5 Mio. Einwohnern – von Berlin mit ca. 3,5 Mio. bis Nürnberg mit 506 000 – wiesen 2015 mit einer Wirtschaftsleistung pro Kopf von durchschnittlich 62 643 Euro unter den untersuchten Regionstypen den höchsten Wert auf. Gefolgt wurden sie von den 70 kreisfreien Städten ab 100 000 Einwohner mit 49 468 Euro.12 Die sieben führenden Metropolregionen kamen hingegen nur auf ein BIP je Einwohner in Höhe von 46 295 Euro, denn neben wirtschaftsstarken Umlandkreisen wie dem Landkreis München zählen zu den Metropolregionen auch Kreise, die vor allem eine Wohnortfunktion für die jeweiligen Kernstädte übernehmen und dementsprechend eine geringe Wirtschaftskraft aufweisen.13 Wie Abbildung 3 zeigt, zählen die Metropolregionen nicht alle zu den wirtschaftsstärksten Regionen des Landes. Sowohl im Ruhrgebiet als auch in der Region Berlin-Potsdam unterschreitet das BIP je Einwohner den deutschen Durchschnitt. Da es sich beim Ruhrgebiet um den einwohnerstärksten Ballungsraum handelt und Berlin mit Potsdam auf Platz drei liegt, senkt dies die durchschnittliche Wirtschaftskraft der Metropolräume merklich.

In den Agglomerationen Hamburg und Frankfurt sowie im Rheinland ist der Anteil am gesamtdeutschen BIP seit 2000 bei steigendem Einwohneranteil zurückgegangen. Selbst die Boomregion München konnte ihren BIP-Anteil nicht so stark erhöhen, wie ihr Bevölkerungsanteil gewachsen ist. Die Hauptstadtregion Berlin-Potsdam lag am Anfang des Betrachtungszeitraums beim BIP je Einwohner noch auf dem Bundesdurchschnitt, ist nun aber zurückgefallen, da die Bevölkerung relativ zum deutschen Durchschnitt stärker als die Wirtschaftskraft zunahm. Betrachtet man die Entwicklung der Wirtschaftsleistung je Einwohner in den sieben Regionen, so fällt auf, dass die besonders wirtschaftsstarken Regionen München und Frankfurt mit einem nominalen Zuwachs von nur 26 % bzw. 24 % seit 2000 am schwächsten abschnitten, während Stuttgart mit 43 % den größten Zuwachs erzielen konnte. Die starke Zuwanderung hat offenbar die Pro-Kopf-Werte des BIP für die besonders wirtschaftsstarken Regionen (relativ) verringert. Nur die durch die Autoindustrie geprägte Region Stuttgart konnte sich dieser Tendenz entziehen. Die vor allem auf innerdeutsche und grenzüberschreitende Migration zurückzuführenden Veränderungen der regionalen Einwohnerzahlen waren in den letzten 15 Jahren so kräftig, dass sie die Divergenzen in der regionalen Wirtschaftsentwicklung überkompensiert haben und so zur regionalen Konvergenz beitragen. Das Ruhrgebiet hat als einzige Metropolregion Einwohner verloren, von 2000 bis 2015 sank die Einwohnerzahl um 4,5 %.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Entwicklung der Metropolregionen in Deutschland
Entwicklung der Metropolregionen in Deutschland

Quelle: Arbeitskreis VGR der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, Reihe 2, Kreisergebnisse Bd. 1, Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1992 und 1994 bis 2015 (2017), https://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/?lang=de-DE (11.10.2017); eigene Berechnungen.

Die Entwicklung des BIP je Erwerbstätigen in den verschiedenen Regionstypen zeigt, dass das relative Zurückfallen der Städte bezogen auf ihre Wirtschaftsleistung nicht auf eine verringerte Erwerbsbeteiligung im Rahmen der Zuwanderung zurückzuführen ist. Vielmehr ergibt sich für das BIP je Erwerbstätigen das gleiche Bild wie für das BIP bezogen auf die Einwohnerzahl: Die urbanen Arbeitsmärkte haben die zusätzlichen Kräfte aufgenommen,14 doch geschah dies zum Preis einer schwächeren Entwicklung der Arbeitsproduktivität.

Nur begrenzte regionale Konvergenz

Wie in Abbildung 1 gezeigt wurde, nähert sich die Wirtschaftsleistung je Einwohner der ländlichen Regionen in ihrer Gesamtheit derjenigen der städtischen Regionen an. Zu prüfen bleibt aber, ob sich die Abstände in der Wirtschaftsleistung je Einwohner auf Kreisebene generell verringern. Hierzu wird die σ-Konvergenz als Konvergenzmaß verwendet.15 Eine Abnahme, also eine fortschreitende Angleichung in der Verteilung der regionalen Wirtschaftskraft, wird dabei als Konvergenz interpretiert.

Das höhere Wachstum der ländlichen Kreise Deutschlands im Vergleich zu den Städten und Metropolregionen (β-Konvergenz) verleitet zu der Annahme, dass auch die Streuung der BIP-Werte zurückgegangen sein sollte und damit auch σ-Konvergenz vorliegt. Dies muss jedoch nicht der Fall sein, zumal die ländlichen und städtischen Regionen in Abbildung 1 jeweils nur in ihrer Gesamtheit betrachtet wurden. Aber auch innerhalb der Gruppe der ländlichen bzw. der städtischen Kreise könnte die Streuung jeweils zugenommen haben. Betrachtet man die Standardabweichung für das nominale Einkommen, ist dies tatsächlich der Fall: Der σ-Wert der Verteilung des BIP je Einwohner über die 402 deutschen Kreise steigt seit 2000 tendenziell an und erhöhte sich innerhalb von 15 Jahren von 10 683 Euro auf 14 439 Euro. Unterbrochen wurde dieser Trend allein durch die Rezession 2008/2009, die besonders wirtschaftsstarke Kreise offenbar überdurchschnittlich getroffen hat.16

Die Betrachtung der Standardabweichung des nominalen Pro-Kopf-BIP vernachlässigt jedoch, dass die Wirtschaftsleistung im Zeitverlauf überall ansteigt und 1 Euro 2015 kaum mit 1 Euro des Jahres 2000 vergleichbar ist. Um diesen Effekt zu berücksichtigen, wird der Variationskoeffizient verwendet. Dieser ist der Quotient aus Standardabweichung und arithmetischem Mittelwert des BIP je Einwohner. Hier kann man von einer relativen σ-Konvergenz sprechen, da die absoluten Werte der Standardabweichung (in Euro) zum Mittelwert in Relation gesetzt werden. Wie Abbildung 4 zeigt, ist der Variationskoeffizient der regionalen BIP-Werte für alle deutschen Kreise seit 2000 leicht rückläufig, während er innerhalb der beiden Gruppen der 70 städtischen und der 302 ländlichen Kreise jeweils nahezu konstant geblieben ist. Für die städtischen Kreise zeigt sich seit 2009 sogar eine leichte Zunahme des Variationskoeffizienten und damit σ-Divergenz. Eine klare Abnahme und damit σ-Konvergenz ist innerhalb der Gruppe der 14 Großstädte ab 0,5 Mio. Einwohnern zu erkennen.

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Variation der regionalen Wirtschaftsleistung
Variation der regionalen Wirtschaftsleistung

Quelle: Arbeitskreis VGR der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, Reihe 2, Kreisergebnisse Bd. 1, Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1992 und 1994 bis 2015 (2017), https://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/?lang=de-DE (11.10.2017); eigene Berechnungen.

Die nur begrenzte σ-Konvergenz über alle deutschen Kreise ist nicht zuletzt auf die temporär anwachsende Streuung der BIP-Werte für die Städte ab 100 000 Einwohner zurückzuführen, und hier auf die 56 Städte mit weniger als 0,5 Mio. Einwohnern. Die Streuung des Pro-Kopf-BIP innerhalb der Gruppe der 332 ländlichen Kreise hat aber ebenfalls zugenommen. Sie erhöhte sich von 11 400 Euro auf 16 500 Euro, sodass es auch relativ zum wachsenden Mittelwert zu keiner nennenswerten Reduktion gekommen ist. Der Sachverständigenrat Ländliche Entwicklung verweist in einer aktuellen Stellungnahme auf die große Disparität der Entwicklung in den ländlichen Räumen, periphere Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsrückgang stünden wirtschaftlich dynamischen ländlichen Gebieten gegenüber.17

Treiber der anhaltenden Reurbanisierung

Der wahrgenommene Boom der Metropolen und Städte ist bislang ein Bevölkerungsboom. Das Stadtleben ist wieder beliebt, nachdem die Massenmotorisierung der 1960er und 1970er Jahre gemeinsam mit dem steigenden Wohlstand zu einer starken Suburbanisierungswelle geführt hatte, deren Ausläufer bis in die 1990er Jahre reichten: Wer es sich leisten konnte, baute sich ein Haus "im Grünen" und pendelte zur Arbeit in die Stadt. Doch dieses Modell verlor mit wachsender Zahl der Pendler durch Staus und die Überlastung öffentlicher Verkehrsmittel wieder an Attraktivität.18

Hauptgrund für den (Re-)Urbanisierungstrend dürften jedoch gesellschaftliche Veränderungen sein. Singles haben generell eine geringere Neigung, aufs Land zu ziehen, da für sie das kulturelle Angebot der Stadt höher im Kurs steht als das Leben im eigenen Haus mit Garten, das vor allem Familien anspricht.19 Der steigende Anteil von Alleinlebenden an der Bevölkerung ist daher eine Triebfeder der Reurbanisierung.20 Hinzu kommt eine zunehmende Bildungsmigration junger Menschen, da ein wachsender Anteil der Schulabgänger studiert und Universitäten überwiegend in den Städten angesiedelt sind.21 Nach dem Studium kehren nur wenige Absolventen aus ländlichen Regionen in ihre Heimat zurück.

Als weiterer Treiber für die Reurbanisierung ist auszumachen, dass auch junge Paare mit Kindern seltener aus den Städten wegziehen. Das vorstädtische Leben ist nämlich am besten für Alleinverdienerfamilien zu managen, in denen der arbeitende Partner – traditionell der Mann – früh das Haus verlässt und aufgrund der Pendelzeiten abends erst relativ spät von der Arbeit zurückkommt, während die Frau sich um Kinder, Besorgungen und den Haushalt kümmert.22 In den letzten 20 Jahren stiegen das Bildungsniveau und die Erwerbsbeteiligung von Frauen aber kräftig. Für Doppelverdienerpaare, in denen die oft hoch qualifizierte Frau nach der Geburt eines Kindes schnell wieder in ihren Beruf zurückkehren möchte, ist das Vorortleben aufgrund langer Wegstrecken zwischen Kita bzw. Schule, Arbeit und Geschäften sowie oft eingeschränkter Kinderbetreuungsmöglichkeiten eher ungeeignet.23 Für Doppelverdienerhaushalte bietet die Großstadt mit ihren meist kurzen Wegen und besseren Angeboten im öffentlichen Personennahverkehr klare Vorteile, die von immer mehr jungen Familien genutzt werden. Auch die zuletzt stark gestiegene Zuwanderung aus dem Ausland ist auf die Städte gerichtet.24

Ausblick

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Wirtschaftsleistung je Einwohner zwischen dem ländlichen Raum und den Städten einander angenähert, da es eine anhaltende Bevölkerungskonzentration in den städtischen Ballungszentren ohne vergleichbare Prozesse bei der Wirtschaftsaktivität gibt. Diese Konvergenz gilt allerdings nicht uneingeschränkt, da sich die Streuung der BIP-Werte über alle Kreise hinweg nur wenig verändert hat. Für die Zukunft der Regionalentwicklung in Deutschland ist eine entscheidende Frage, ob der seit 2000 feststellbare Trend zu innerstädtischem Wohnen anhält, oder ob das Leben in ländlichen Regionen verstärkt wieder als attraktive Option gesehen wird. Gesellschaftliche Entwicklungen wie die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren scheinen eher einen fortgesetzten Urbanisierungstrend zu begünstigen, da der Wunsch nach kurzen Wegen zur besseren Vereinbarkeit von familiären und beruflichen Verpflichtungen sowie Freizeitaktivitäten relevant bleibt.

Es ist zudem fraglich, ob sich die wirtschaftliche Aktivität dem Urbanisierungstrend dauerhaft entziehen kann. Wie gezeigt wurde, fand bisher keine Verschiebung der absoluten BIP-Anteile zwischen städtischen und ländlichen Regionen zugunsten der Metropolräume und Städte statt. Auf dem Land dürfte der Fachkräftemangel aber in den kommenden Jahrzehnten durch den demografischen Wandel stark zunehmen und zu einer Verlagerung von Wertschöpfung in die urbanen Räume, die eine stabilere Bevölkerungsentwicklung aufweisen, beitragen.25 Auch wachstumsstarke Hightech-Gründungen könnten zu einem Anstieg der Wirtschaftsleistung in den Städten führen, da technologieorientierte Start-ups im ländlichen Raum selten sind.

Es wäre daher nicht überraschend, wenn die Bevölkerungskonzentration in den urbanen Räumen zukünftig auch von einem stärkeren Wirtschaftswachstum begleitet wird und die Konvergenz zwischen ländlichen und städtischen Regionen sich nicht weiter fortsetzt. Periphere Regionen, die aktuell bereits hinter dem prosperierenden Durchschnitt des ländlichen Raumes zurückbleiben, benötigen deshalb weiterhin regionalpolitische Hilfen. Der ländliche Raum insgesamt braucht jedoch Konzepte zur Bewältigung der großen Herausforderungen durch den demografischen Wandel, der die Wirtschaft und die Lebensverhältnisse hier stärker und eher als in den städtischen Regionen erfassen wird.

Title: Regional Convergence in Germany: Rural Regions Hold Their Ground

Abstract: Since 2000, there has been a convergence between urban and rural regions in Germany measured by GDP per capita. This is somewhat surprising, as the fate of "left behind" areas and an ostensibly widening gap between rich and poor regions are dominating the public discourse. But contrary to public perception, the continuing migration of the German population into urban regions is not accompanied by a similar clustering of economic activities. Instead, rural regions hold their ground in terms of their share of total value added in Germany. As a result, GDP per capita is rising faster in rural regions, driving convergence. But this positive development doesn't apply to all rural regions – and the negative demographics in comparison to urban areas will become a growing burden.

JEL Classification: R11, O18

  • 1 Vgl. P. Deschermeier: Die Großstädte im Wachstumsmodus – Stochastische Bevölkerungsprognosen für Berlin, München und Frankfurt a. M. bis 2035, IW Report, Nr. 39, 2016, https://www.iwkoeln.de/studien/iw-reports/beitrag/philipp-deschermeier-die-grossstaedte-im-wachstumsmodus-318695 (26.10.2017).

  • 2 Vgl. K.-H. Röhl: Regionale Konvergenzprozesse in Deutschland: Der ländliche Raum holt auf, IW Report, Nr. 38/2017, https://www.iwkoeln.de/studien/iw-reports/beitrag/klaus-heiner-roehl-der-laendliche-raum-holt-auf.html (26.3.2018).

  • 3 Bahnbrechende Arbeiten hierzu leisteten G. M. Grossman, E. Help­man: The "New" Growth Theory – Trade, Innovation, and Growth, in: American Economic Review, Papers and Proceedings, 80. Jg. (1990), S. 86-91; sowie P. R. Krugman: Complex Landscapes in Economic Geography, in: American Economic Review, Papers and Proceedings, 84. Jg. (1994), H. 2, S. 412-421; Urban Concentration: The Role of Increasing Returns and Transport Costs, in: Proceedings of the World Bank Annual Conference on Development Economics, 1994, S. 241-259.

  • 4 Vgl. hierzu auch die Ausführungen von G. Maier, F. Tödtling, M. Trippl: Neoklassische Theorie, Regional- und Stadtökonomik 2, Wien 2012.

  • 5 Enthalten sind hier die Region Hannover und die Städteregion Aachen, in denen das Umland der Kernstadt jeweils mit zum Kreis zählt.

  • 6 Vgl. Arbeitskreis VGR der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, Reihe 2, Kreisergebnisse Bd. 1, Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 1992 und 1994 bis 2015 (2017), https://www.vgrdl.de/VGRdL/tbls/?lang=de-DE (11.10.2017).

  • 7 Dieser Befund steht in einem gewissen Gegensatz zu Untersuchungen, die eine zunehmende wirtschaftliche Spaltung des Landes thematisieren. Vgl. z. B. S. Kröhnert, E. Kuhn, M. Karsch, R. Klingholz: Die Zukunft der Dörfer – Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Berlin 2011.

  • 8 Vgl. K.-H. Röhl: Land ist nicht gleich Land – Über die wirtschaftliche Lage und Perspektive ländlicher Räume, in: Die Politische Meinung, 62. Jg. (2017), H. 544, S. 32-36; Bundesagentur für Arbeit: Statistik nach Regionen, Bund, Länder, Kreise, https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Regionen/Politische-Gebietsstruktur/Ost-West-Nav.html (10.5.2017).

  • 9 So gehört beispielsweise der Landkreis München mit einem BIP in Höhe von 97 727 Euro je Einwohner (2015) zu den Regionen mit der höchsten Wirtschaftsleistung in Deutschland.

  • 10 Hier ist aufgrund der Datenverfügbarkeit eine Betrachtung ab 1995 möglich, wobei die Daten für den Landkreis Harburg von 1995 bis 1999 geschätzt wurden.

  • 11 Von 2000 bis 2015 wuchs die Bevölkerung der sieben Metropolregionen um 4,9 % auf 23,7 Mio. Einwohner, während die übrigen Regionen einschließlich der kleineren städtischen Ballungszentren 1,5 % ihrer Einwohner verloren; vgl. Arbeitskreis VGR der Länder, a. a. O.

  • 12 In den Großstädten werden auch überdurchschnittliche Einkommen erzielt. Der Vorsprung der großstädtischen Zentren beim Einkommensniveau relativiert sich allerdings, wenn man das höhere Preisniveau dieser Regionen berücksichtigt. Vgl. hierzu K.-H. Röhl, C. Schröder: Regionale Armut in Deutschland – Risikogruppen erkennen, Politik neu ausrichten, IW Analysen, Nr. 113, Köln 2017.

  • 13 Hier sind etwa der niedersächsische Kreis Harburg im Süden der Metropolregion Hamburg mit einem BIP von nur 23 150 Euro je Einwohner (2015) oder der Rheinisch-Bergische Kreis am Rande der Metropolregion Rheinland mit 24 480 Euro je Einwohner zu nennen.

  • 14 Dies legen auch die in allen Regionstypen steigende Erwerbstätigkeit und sinkende Arbeitslosigkeit nahe. Vgl. Arbeitskreis VGR der Länder, a. a. O.; Bundesagentur für Arbeit, a. a. O.

  • 15 In der üblichen mathematischen Notation gilt Sigma als Symbol für die Standardabweichung einer Verteilung und zeigt die (mittlere quadratische) Streuung der Werte – in diesem Fall des BIP pro Kopf nach Kreisen gemessen in 1000 Euro – um den Mittelwert an. Die Betrachtung von Sigma im Zeitverlauf offenbart somit, ob diese Streuung – regionale Heterogenität – zu- oder abnimmt. In der (rechtsschiefen) Verteilung befanden sich 2000 82 % und 2015 86 % der 402 Beobachtungen innerhalb eines Standardabweichungsintervalls um den Mittelwert.

  • 16 Hierbei handelt es sich meist um industriestarke Regionen, und der Wirtschaftseinbruch fiel im Verarbeitenden Gewerbe besonders heftig aus, vgl. Forschungsgruppe Konjunktur: Erholung in der Weltwirtschaft nach tiefem Sturz – moderat, aber synchron, IW-Konjunkturprognose Herbst 2009, in: IW-Trends, 36. Jg. (2009), Nr. 3, S. 51-90.

  • 17 Vgl. Sachverständigenrat Ländliche Entwicklung: Weiterentwicklung der Politik für ländliche Räume in der 19. Legislaturperiode, Stellungnahme des Sachverständigenrats Ländliche Entwicklung (SRLE) beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2017), https://www.bmel.de/DE/Laendliche-Raeume/_texte/SRLE_Stellungnahme2017_09.html (1.11.2017).

  • 18 Vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung: Immer mehr Menschen pendeln zur Arbeit, 2017, http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Home/Topthemen/2017-pendeln.html (1.11.2017).

  • 19 Vgl. N. Schneider, A. Spellerberg: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und räumliche Mobilität, Wüstenrot Stiftung, Opladen 1999, S. 16.

  • 20 Die Zahl der Personen in Einpersonenhaushalten stieg von 15,6 % der Bevölkerung 1996 auf 19,6 % oder 16 Mio. im Jahr 2011 und weiter auf 16,4 Mio. 2016. Vgl. Statistisches Bundesamt: Alleinlebende in Deutschland, Ergebnisse des Mikrozensus 2011, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 11.7.2012 in Berlin, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/HaushalteMikrozensus/AlleinlebendeInDeutschlandPresse.html (1.11.2017); Statistisches Bundesamt: Alleinstehende (darunter Alleinlebende), 2017, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/HaushalteFamilien/Tabellen/4_1_Alleinstehende.html(13.11.2017).

  • 21 Vgl. Statistisches Bundesamt: Bildung und Kultur – Studierende an Hochschulen, Fachserie 11, Reihe 4.1, Wiesbaden 2016; K.-H. Röhl: Konzentrations- und Schrumpfungsprozesse in deutschen Regionen und Großstädten bis 2030, in: IW-Trends, 40. Jg. (2013), Nr. 4, S. 81-97.

  • 22 Vgl. N. Schneider, A. Spellerberg, a. a. O.

  • 23 Vgl. ebenda, S. 231.

  • 24 Hier ist es für Neuankömmlinge aufgrund vorhandener "Communities" einfacher, Fuß zu fassen. Vgl. D. Saunders: Arrival City – How the largest migration in history is reshaping our world, London 2011.

  • 25 In den Städten ist die demografische Situation hingegen aufgrund der Zuwanderung junger Menschen deutlich besser, sodass hier der Fachkräftebedarf in den kommenden Jahrzehnten leichter zu befriedigen sein dürfte. Vgl. P. Deschermeier, a. a. O.; K.-H. Röhl: Konzentrations- und Schrumpfungsprozesse ..., a. a. O.; W. Geis, A. K. Orth: Regionale Fachkräftesicherung durch Zuwanderung, IW-Report, Nr. 9/2016, https://www.iwkoeln.de/studien/iw-reports/beitrag/wido-geis-anja-katrin-orth-regionale-fachkraeftesicherung-durch-zuwanderung-272231 (14.11.2017).


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