Ein Service der

Inhalt

98. Jahrgang, 2018, Heft 9 · S. 651-654

Analysen und Berichte

Die Rente meines Vaters: veränderte Bewertung von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeitszeiten

Tim Köhler-Rama

Um die Leistungsabsenkungen im Rentensystem der drei vergangenen Jahrzehnte anschaulich zu machen, wird die tatsächliche Versicherungsbiografie seines Vaters mit der fiktiven identischen Versicherungsbiografie des Autors kontrastiert, der 28 Jahre später geboren wurde. Dabei zeigt sich, dass insbesondere die rentenrechtliche Entwertung von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeitszeiten zu drastisch niedrigeren Rentenanwartschaften des Sohnes führen. Die "Entsicherung" sozialer Risikolagen mit der Folge tatsächlicher Rentenabsenkungen spiegeln sich nicht in dem vieldiskutierten Rentenniveau wider.

Dr. Tim Köhler-Rama ist Dozent im Fachbereich Sozialversicherung an der Hochschule des Bundes in Berlin.

Die Standardrente kann nicht sinken. Das ergibt sich aus ihrer Definition, weil sie auf 45 Entgeltpunkte normiert ist.1 Die tatsächlichen Renten im Rentenzugang können aber sehr wohl sinken. Und das tun sie auch. Tatsächlich sind z. B. in Westdeutschland von 2000 bis 2005 und in Ostdeutschland von 2000 bis 2010 (vgl. Abbildung 1) die Zahlbeträge der durchschnittlichen Altersrenten im Rentenzugang bei den Männern absolut gesunken, während die Standardrenten weiter gestiegen sind. Die sinkenden Rentenzahlbeträge im Rentenzugang der Männer resultieren vor allem aus Arbeitslosigkeits- und Niedriglohnbezugszeiten.2 Bei den Männern zeigt sich seit rund 20 Jahren, dass jüngere Geburtskohorten im selben Lebensjahr durchschnittlich niedrigere Entgeltpunktesummen aufweisen als früher geborene Vergleichsgruppen.3 Die "Standardrente" ist also für real existierende Versicherte immer schwerer zu erreichen. Anders als der Name suggeriert, ist die Standardrente immer weniger "Standard" oder "Normalfall", sondern zunehmend eine Illusion.4 Aus diesem Grund eignet sich das Rentenniveau nicht als Indikator zur Messung des Leistungsniveaus im Rentensystem. Es misst nicht die Leistungsrücknahmen, die aus veränderten Bewertungsvorschriften rentenrechtlicher Zeiten resultieren. Wichtige Leistungskürzungen der letzten drei Jahrzehnte mit erheblichen Folgen für die aktuellen Rentenzugänge sind

  • die Einführung von Abschlägen im Fall des vorzeitigen Rentenbezugs vor der Regelaltersgrenze (seit 2005 mit voller Wirkung),
  • der Wegfall der Rente nach Mindestentgeltpunkten (für alle Beitragszeiten ab 1992),
  • die Einführung von Abschlägen bei den Erwerbsminderungsrenten (seit 2001),
  • die Verschärfung der Zugangsvoraussetzungen und die Absenkung des Absicherungsniveaus beim Risiko der Berufsunfähigkeit für Geburtsjahrgänge bis 1960,
  • der Wegfall der Berufsunfähigkeitsrente für Geburtsjahrgänge ab 1961,
  • die Verschärfung der Einkommensanrechnung bei Witwenrenten (seit 2002),
  • der vollständige Wegfall der Altersrenten für Frauen und der Altersrenten nach Arbeitslosigkeit und Altersteilzeit ab 60 Jahren für die Geburtsjahrgänge ab 1952,
  • die Reduzierung der rentenrechtlichen Bewertung von Schul- und Hochschulzeiten (vollständiger Wegfall der Bewertung seit 2009) sowie
  • der vollständige Wegfall der Bewertung von Zeiten, in denen Arbeitslosengeld II bezogen wird (seit 2011).
Abbildung 1 (zurück zum Text)
Standardrente und durchschnittliche Altersrente
Standardrente und durchschnittliche Altersrente

Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund: Versichertenbericht 2017, Statistische Analysen zu den Versicherten der Deutschen Rentenversicherung, Berlin, November 2017; eigene Darstellung.

Diese Leistungskürzungen führen nicht zu einem sinkenden Rentenniveau. Denn der "Standardrentner" ist ein Modelltyp, der Lebensrealitäten wie Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Invalidität, vorzeitigen Renteneintritt oder Verwitwung nicht kennt. Die Leistungskürzungen im Hinblick auf das Absicherungsniveau der verschiedenen versicherten Risiken in der gesetzlichen Rentenversicherung lassen sich daher nicht im Rentenniveau, sondern nur anhand der tatsächlichen durchschnittlichen Rentenzahlbeträge im Rentenzugang ablesen.

Der Versicherungsverlauf meines Vaters

Die wirkliche Geschichte wird individuell wahrgenommen und verstanden. Deshalb soll der beschriebene Zusammenhang zwischen der Bewertung von Lebenslagen im Lebenslauf (hier: Ausbildungszeiten und Arbeitslosigkeit) und der Zahl von Entgeltpunkten anhand eines tatsächlichen Versicherungsverlaufs veranschaulicht werden. Geboren wurde mein Vater 1939. Nach Schule und Hochschulausbildung erfolgte 1967 der Eintritt in die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung als Referendar. Es folgten Tätigkeiten als wissenschaftlicher Assistent, Lehrer und Dozent. Unterbrochen wurden diese Abschnitte durch Phasen der Arbeitslosigkeit (vgl. Tabelle 1). 1999 erfolgte im Alter von 60 Jahren der (abschlagsfreie) Renteneintritt in die Altersrente nach Arbeitslosigkeit. Die Voraussetzungen für den Bezug dieser besonderen Altersrentenart waren gegeben, weil im Jahr vor der Berentung die Dozententätigkeit von der Bundesanstalt für Arbeit im Rahmen einer Arbeitsfördermaßnahme bezuschusst worden war. Die Altersrente wegen Arbeitslosigkeit kann nur von Versicherten bis einschließlich des Geburtsjahrgangs 1951 bezogen werden. Für jüngere Versicherte existiert sie nicht mehr. Der 28 Jahre später geborene Sohn müsste daher im Fall des identischen Lebenslaufs sieben Jahre länger (bis zur Regelaltersgrenze 67) arbeiten, um seine Altersrente abschlagsfrei beziehen zu können.

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Biografische Daten meines Vaters

2/5/1939

Geburt

1959

Abitur

1959 bis 1966

Studium und Promotion

1967 bis 1968

Referendardienst

1969 bis 1977

Assistentenstelle an der Universität

1978 bis 1981

Lehramt am Gymnasium

1982 bis 1987

Arbeitslosigkeit

1988

Dozententätigkeit (Fachhochschule)

1989

Arbeitslosigkeit

1990 bis 1995

Dozententätigkeit (Fachhochschule)

1996 bis 1997

Arbeitslosigkeit

1998

Dozententätigkeit (Fachhochschule)

8/1/1999

Renteneintritt

Quelle: eigene Daten.

Die beschriebene Biografie meines Vaters führt zu einem Versicherungsverlauf, der in der Abbildung 2 dargestellt ist. Die Akkumulation der Entgeltpunkte (EP) pro Jahr während des Gesamtzeitraums vom 5.2.1956 (Vollendung des 17. Lebensjahrs) bis zum 31.7.1999 (Kalendermonat vor Rentenbeginn) ergibt rund 43 Entgeltpunkte. Dies entspricht einer heutigen Rente (brutto) in Höhe von knapp 1400 Euro. Rund 32 Entgeltpunkte – also rund drei Viertel der Gesamtzahl der Entgeltpunkte – entfallen dabei auf Beitragszeiten und rund 11 Punkte (ein Viertel) auf Anrechnungszeiten. Anrechnungszeiten sind Zeiten, in denen der Versicherte aus nicht von ihm zu vertretenden Gründen an der Beitragszahlung zur Rentenversicherung gehindert ist. In diesem konkreten Beispiel sind dies Schul-, und Hochschulzeiten von 1956 bis 1960 (erster Kreis) und Arbeitslosigkeitszeiten von 1982 bis 1987 (zweiter Kreis) sowie von 1996 bis 1997 (dritter Kreis). An dem Versicherungsverlauf ist erkennbar, dass die genannten Anrechnungszeiten nach damalig gültigem Rentenrecht relativ hoch mit knapp unter bzw. knapp über einem Entgeltpunkt pro Jahr bewertet wurden.

Anrechnungszeiten als soziales Element

In Abbildung 2 wird im Sinne eines Gedankenexperimentes die tatsächliche Versicherungsbiografie des Vaters kontrastiert mit der fiktiven identischen Versicherungsbiografie des Sohnes, der 28 Jahre später – also im Jahre 1967 – geboren wurde. Für diesen Geburtsjahrgang zeigt sich, dass die rentenrechtliche Entwertung von Schul- und Hochschulzeiten sowie Arbeitslosigkeitszeiten in den letzten 30 Jahren zu drastisch niedrigeren Rentenanwartschaften des Sohnes im Vergleich zum Vater führen.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Versicherungsbiografie Vater und Sohn
Versicherungsbiografie Vater und Sohn

Anmerkung: Die Pfeile deuten auf die unterschiedlich bewerteten Ausbildungs- und Arbeitslosigkeitszeiten.

Quelle: eigene Darstellung.

Bis Ende 1991 wurden bei der Rentenberechnung Schul- und abgeschlossene Fachschulausbildungszeiten noch bis zu je vier Jahre sowie abgeschlossene Hochschulausbildungszeiten bis zu fünf Jahre, insgesamt also maximal 13 Jahre, rentensteigernd berücksichtigt. Dieser Anrechnungszeitraum wurde von 1992 bis 2004 sukzessive auf sieben Jahre und in einem nächsten Schritt bis 2009 auf 0 abgesenkt. Heute werden Schul- und Hochschulausbildungszeiten gar nicht mehr bewertet (§ 74 SGB VI). Grundsätzlich werden Anrechnungszeiten zwar bei der Rentenberechnung noch im Rahmen der Gesamtleistungsbewertung berücksichtigt. Danach erhalten beitragsfreie Zeiten den Durchschnitt an Entgeltpunkten, der sich aus der Gesamtleistung an Beiträgen während des gesamten Versicherungsverlaufs ergibt. Diese Form der Anrechnung gilt heute aber nur noch für Fachschulausbildungszeiten und für Zeiten einer Teilnahme an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Schul- und Hochschulzeiten sind davon ausgenommen. Tabelle 2 zeigt im Überblick die Bewertung der Ausbildungszeiten von Vater und Sohn. Während dem Vater nach dem 1999 gültigen Recht noch fünf Jahre Ausbildungszeiten mit insgesamt 4 Entgeltpunkten angerechnet wurden, wirken sich bei dem (fiktiven) Sohn mit identischem Versicherungsverlauf die Schul- und Hochschulzeiten nicht mehr rentensteigernd aus.

Tabelle 2 (zurück zum Text)
Anrechnungszeiten von Vater und Sohn

Anrechnungszeiten

Vater (geboren 1939, Renteneintritt 1999 mit 60 Jahren)

Sohn (fiktiv) (geboren 1967, Renteneintritt 2034 mit 67 Jahren)

Schul- und Hochschulzeiten

0,8 EP pro Jahr (1956-1960); gesamt: 4 EP

0 EP

Arbeitslosigkeitszeiten

0,3 EP pro Jahr (1982) (wegen Arbeitslosigkeit ohne Leistungsbezug)

0 EP

0,9 EP pro Jahr (1983-1987); gesamt 4,8 EP

0 EP

1,3 EP pro Jahr (1996-1997); gesamt 2,6 EP

2,8 EP

Gesamt

11,4 EP

2,8 EP

Quelle: eigene Darstellung.

Ähnliches gilt für Arbeitslosigkeitszeiten, in denen kein Arbeitslosengeld I bezogen wird. Während in den 1990er Jahren auch Langzeitarbeitslosigkeitszeiten grundsätzlich noch Pflichtversicherungszeiten waren, sind Zeiten des Bezugs von Arbeitslosengeld II heute keine Pflichtversicherungszeit mehr und werden im Rahmen der Gesamtleistungsbewertung seit 2011 nicht mehr bewertet (§ 74 SGB VI). Für Langzeitarbeitslose ist das sekundäre Risiko des "Vorsorgeverlustes" somit nicht mehr versichert.5 Ein wesentliches Element des sozialen Ausgleichsmechanismus wurde auf diese Weise aus dem Rentensystem entfernt. Arbeitslos war mein Vater in den Jahren 1982 bis 1987 (im Alter von 43 bis 48) und dann noch einmal in den Jahren 1996 bis 1997 (im Alter von 57 bis 59 Jahren). Zu seiner Zeit waren Arbeitslosigkeitszeiten mit Leistungsbezug Anrechnungszeiten, die sich im Rahmen der erwähnten Gesamtleistungsbewertung auch im Falle von Langzeitarbeitslosigkeit rentensteigernd auswirkten. Das erste Jahr (1982) der Arbeitslosigkeit meines Vaters war ohne Leistungsbezug, weil er aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen unmittelbar vor der Arbeitslosigkeit nicht pflichtversichert war. Das Jahr 1982 wirkte sich dennoch rentensteigernd aus, wurde allerdings nur mit 0,3 Entgeltpunkten bewertet. Die übrigen fünf Jahre der Langzeitarbeitslosigkeit (1983 bis 1987) wurden mit 0,9 Entgeltpunkten pro Jahr dagegen relativ hoch bewertet. Insgesamt wurden meinem Vater 7,4 Entgeltpunkte für seine acht Jahre Arbeitslosigkeit auf sein Rentenkonto gutgeschrieben.

Wenn der Sohn den identischen Versicherungsverlauf aufweisen würde, also im Alter von 43 bis 48 (2010 bis 2015) und dann noch einmal im Alter von 57 bis 58 Jahren (2024-2025) Arbeitslosigkeitszeiten aufweisen würde, dann erhielte er für die acht Jahre Arbeitslosigkeit insgesamt (nach aktuellem Recht) nur 2,8 Entgeltpunkte. Das Jahr Arbeitslosigkeit ohne Leistungsbezug würde in seinem Fall nicht bewertet und die darauffolgenden Jahre ebenfalls nicht, weil kein Anspruch auf Arbeitslosengeld I mehr bestünde. Auch im aktuellen Rentenrecht wirken sich ALG-I-Zeiten für Arbeitslosigkeitszeiten je nach Alter und Beschäftigungszeit bis zu zwei Jahre rentensteigernd aus. Voraussetzung ist allerdings, dass der Arbeitslosigkeit unmittelbar Beitragszeiten vorausgehen. Die zwei Jahre Arbeitslosigkeit gegen Ende der Erwerbsphase wirken sich somit auch bei dem Sohn nicht allzu negativ aus.6 Stark ins Gewicht fällt allerdings die Phase der Langzeitarbeitslosigkeit. Abbildung 2 zeigt überblicksartig, wie sich die Entwertung der Ausbildungs- und Arbeitslosigkeitszeiten jeweils im Versicherungsverlauf von Vater und Sohn auswirken.

Im Ergebnis kommt der Sohn unter der Annahme, dass er einen identischen Versicherungsverlauf vorweist, nicht auf 43, sondern nur auf 35 Entgeltpunkte. Die Höhe der Rente des Vaters fällt knapp ein Fünftel höher aus als die Rente des Sohnes.7 Vor allem aber der Anteil der Anrechnungszeiten hat sich – insbesondere aufgrund der Arbeitslosigkeitszeiten – erheblich verändert. Während der Anteil der Anrechnungszeiten beim Vater über ein Viertel beträgt, liegt er beim Sohn nur noch bei 8 %. Diese Entwicklung wird gemeinhin als Stärkung des Beitragsbezugs der Rente gedeutet. Die Abwertung beitragsfreier Zeiten bedeutet aber im Ergebnis eine Auslagerung sozialer Risikolagen aus dem Rentensystem. Die Erreichung des zentralen Ziels staatlicher Alterssicherungspolitik – die Vermeidung von Altersarmut – wird so immer mehr erschwert. Die Rentenkürzung des Sohnes erfolgt übrigens ganz unabhängig von der Entwicklung des Rentenniveaus. Anders formuliert: Die Rente des Sohnes fiele auch dann um ein Fünftel niedriger aus als die Rente des Vaters, wenn das Rentenniveau in den letzten 30 Jahren gestiegen wäre.

Fazit

Mit der Einsetzung der Rentenkommission "Verlässlicher Generationenvertrag"8 erhofft sich die Bundesregierung vor allem Vorschläge für ein "langfristiges Gleichgewicht der Stellschrauben der Rentenversicherung". Es ist zu hoffen, dass im Rahmen dieses Auftrags nicht einseitig auf das Verhältnis von Beitragssatz und imaginärer "Haltelinien" (ohne empirische Aussagekraft) fokussiert wird. Es muss auch die Frage geklärt werden, welche Risiken in welchem Umfang innerhalb des staatlichen Rentensystems versichert sein sollen. Für die künftige Entwicklung der tatsächlichen Rentenzahlbeträge ist diese Frage entscheidend. Eines ist klar: Je weniger soziale Risikolagen wie Ausbildung und Arbeitslosigkeit bei der Rentenberechnung berücksichtigt werden, desto weniger Einkommenssicherheit im Alter bietet das Rentensystem. Die rentenrechtliche Entwertung der beitragsfreien Zeiten in den letzten 30 Jahren wurde vor allem mit dem Argument der Stärkung der Beitragsäquivalenz begründet. Diese Argumentation übersieht aber den Versicherungscharakter der gesetzlichen Rentenversicherung als Zweig der Sozialversicherung, deren Ziel – abgesehen von der Vermeidung von Altersarmut – die Schaffung von Einkommenssicherheit im Alter für möglichst viele Menschen ist. Beide Ziele erfordern die Absicherung von Lebensrisiken und soziale Ausgleichselemente im Rentenrecht. Problematisch ist daher die weitverbreitete Gleichstellung sozialer Ausgleichselemente im Rentenrecht mit sogenannten versicherungsfremden Leistungen: "Versicherungsfremd ist grundsätzlich all das, was außerhalb der Äquivalenz von Beitrag und Leistung steht. Versicherungsfremd ist z. B. die Berücksichtigung von Zeiten, für die keine Beiträge gezahlt worden sind."9 Dieser verkürzten Sichtweise steht die Tatsache entgegen, dass die gesetzliche Rentenversicherung als Zweig der Sozialversicherung nicht nur eine Versicherung darstellt, sondern darüber hinaus wesentliche soziale Komponenten enthält. Nicht alle nicht beitragsgedeckten Leistungen lassen sich daher per se als versicherungsfremd bezeichnen und exakt beziffern. Zu Recht konstatiert die Bundesregierung: "Es gibt in Wissenschaft und Praxis keine eindeutige und konsensfähige Abgrenzung dieser Leistungen."10 Dies zeigt: Eine Diskussion über Art und Umfang des sozialen Ausgleichs im Rentenrecht ist dringend notwendig.

Title:Pensions of Father and Son

Abstract: To illustrate the reductions in the benefits of the pension system over the past three decades, the actual insurance history of the author's father is contrasted with an identical, fictitious insurance history of the author, who was born 28 years later. This illustrates that the devaluation of periods of training and unemployment under pension law leads to drastically lower pension entitlements for the son. The actual pension reductions created by the lack of coverage of social risk situations is not reflected in the much discussed pension level.

JEL Classification: I31, I32, P46

  • 1 Die Anwartschaften aus den individuellen rentenrechtlichen Zeiten werden durch Entgeltpunkte ermittelt. Bei den Beitragszeiten wird das jährlich erzielte Entgelt in Entgeltpunkte umgerechnet, indem es durch das Durchschnittsentgelt im gleichen Jahr geteilt wird. Wer in einem Kalenderjahr genauso viel Entgelt erzielt hat wie der Durchschnitt aller Versicherten (2018 = 37 873 Euro vorläufig), erhält hierfür einen Entgeltpunkt. Wer weniger verdient hat, erhält entsprechend einen Entgeltpunktwert von unter 1,0, bei überdurchschnittlichem Verdienst beträgt der Entgeltpunktwert entsprechend mehr als 1,0.

  • 2 Vgl. P. Haan et al.: Entwicklung der Altersarmut bis 2036. Trends, Risikogruppen und Politikszenarien, Gütersloh 2017.

  • 3 Vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund: Versichertenbericht 2017, Berlin 2017, S. 84 f.

  • 4 Tatsächlich erlaubt die Entwicklung des Rentenniveaus nur eine Aussage darüber, wie sich der Wert eines Entgeltpunktes im Verhältnis zu den Löhnen im Zeitverlauf entwickelt. Über die Entwicklung der tatsächlichen Rentenzahlungen liefert es keine Information, weil im Zähler immer 45 Entgeltpunkte stehen, egal wie viele Entgeltpunkte die Versicherten tatsächlich während ihres Versicherungsverlaufs erwerben. Vgl. T. Köhler-Rama: Das Rentensystem verstehen, Frankfurt a.M. 2018, S. 127 ff.

  • 5 F. Ruland: Grundprinzipien des Rentenversicherungsrechts, in: E. Eichenhofer, H. Rische, W. Schmähl (Hrsg.): Handbuch der gesetzlichen Rentenversicherung SGB VI, Köln 2012, S. 269.

  • 6 Bei Personen, die Arbeitslosengeld I beziehen, berechnen sich die beitragspflichtigen Einnahmen auf 80 % des der Leistung zugrunde liegenden Arbeitsentgelts.

  • 7 Um die Rentenhöhe zu berechnen, muss die Zahl der Entgeltpunkte mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert werden. Derzeit beträgt dieser rund 32 Euro.

  • 8 Vgl. Kommission Verlässlicher Generationenvertrag, https://www.verlaesslicher-generationenvertrag.de/auftrag/ (10.7.2018).

  • 9 Vgl. F. Ruland, a. a. O., S. 266.

  • 10 Vgl. Bundesregierung: Bundestagsdrucksache 19/940 vom 27.2.2018, S. 2.


Kommentare zu diesem Artikel

Prof. Dr. Erwin Amann schrieb am 13.09.2018 um 14:28 Uhr

Sehr geehrter Herr Köhler-Rama, Sie präsentieren einen netten simplen Vergleich. Mit Altersarmut hat das aber wenig zu tun: Die Anrechnung von Schul- und Hochschulzeiten tragen nichts zu einem sozialen Ausgleich bei, da mit Schul- und Hochschulbildung in den meisten Fällen auch höhere Einkommen einhergehen. Dass Arbeitslosigkeit nicht mehr angerechnet wird stellt eine klare bessere Anreizstruktur dar und führt damit in der Regel wiederum zu höhere Einkommen.

Der Fehler in der Rentneversicherung und damit die Altersarmut hängt vielmehr daran, dass die Alterssicherung vollständig auf die Rente angerechnet wird. Das verringert gerade in den wichtigsten Segementen den Anreiz, einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Der Vorschlag, der die Altersarmut massiv verringern würde wäre, die Alterssicherung als Grundeinkommen auszuzahlen und sämtliche erworbenen Rentenansprüche im unteren Segement darüberhinaus auszuzahlen.

Finanziert werden könnte das entweder durch Steuern, oder besser, um einen Generationenausgleich zu realisieren, aus den allgemeinen Rentenbeiträgen. Würde man darüberhinaus das intransparente Rister-Renten-Modell auf eine staatlich kontrollierten Investitionsfond verändern, könnte man dabei auch die steigende Zahl Spitzenverdiener miteinbeziehen und so die Bemessungsgrenze nach oben anpassen.

Da die niederigen Rentenbezieher ohnehin eine geringere Lebenserwartung haben, wäre das oben angesprochene System auch aus versicherungsmathematischer Sicht zu rechtfertigen.

Beste Grüße,

harry heine schrieb am 14.09.2018 um 09:21 Uhr

Ja, kann man wissenschaftlich-argumentativ so machen, wobei es nicht nur intergenerativ dramatisch ist/wird, sondern schon unter SchröderFischer 1999/2000 losging, also in der Vätergeneration, wer z.B. 2005 in Rente ging und die lange Ausbildungszeit hatte, wurde schon damals was die Anerkennung von Anrechnungszeiten betrifft um 6 Jahre gekürzt/betrogen ...etc.

M. Staiger schrieb am 14.09.2018 um 11:55 Uhr

Sehr geehrter Herr Köhler- Rama,
ein ganz hervorragender Artikel, dem ich eine weite Verbreitung wünsche. Durch das Beispiel Ihres Vaters haben Sie die Rentendebatte aus der absurd verkürzten Standardrentendiskussion auf den Boden der Tatsachen geholt (die Standardrentendiskussion ist ja auch deshalb so absurd, weil kaum einer der Diskutierenden umfassend erklären kann, was die Standardrente überhaupt ist und nicht einmal im Ansatz darüber geredet wird, wie sich zusätzlich zu allen Rentenkürzungen die nachgelagerte Besteuerung auf dien "Standardrente" und alle anderen Renten auswirken wird.)
Nicht weiter bringt die Diskussion die Einlassung von Herrn Amann, die Nichtanrechnung von Zeiten der Arbeitslosigkeit bei der Rente stelle eine "Anreizstruktur" dar. Dies kann man nur behaupten, wenn man das durch nichts bewiesene Vorurteil aus der neoliberalen Mottenkiste zugrundelegt, Arbeitslose würden nur dann arbeiten, wenn man sie durch den Entzug von Geld dazu drängt.
Ihr Vater wird ja in den Zeiten, in denen er arbeitslos war, kaum keine Lust auf Arbeit gehabt haben, sondern hatte vermutlich ständig befristete Verträge und wurde dann irgendwann gegen seinen Willen "aussortiert."
Machen Sie weiter so, und bleiben Sie an der Rentendiskussion dran!

Herzliche Grüße

Martin Staiger, Esslingen am Neckar

Hannelore H. schrieb am 14.09.2018 um 12:14 Uhr

Eine gute Darstellung im Artikel.
@Prof. Amann Bedenken Sie, dass ein Azubi während der Ausbildungszeit Geld verdient und damit Rentenansprüche erwirbt. Und nicht jeder Studierte verdient später überdurchschnittlich.

Kann mir jemand erklären, warum der Rentenwert im Osten niedriger ist als im Westen? (2018: Ost 30,69 € / West 32,03)
Meine Kinder, die erst nach dem Jahr 2000 berufstätig wurden, verdienen für die gleiche Arbeit weniger als im Westen, so gut, so schlecht. Dann aber bekommen sie für einen Verdienst von angenommen 30.000 €/Jahr auch noch weniger Rente als jemand der 30.000 € im selben Jahr im Westen verdient hat?

Erik schrieb am 14.09.2018 um 13:25 Uhr

Vielen Dank für diesen Blogbeitrag, welcher auch mal Licht in die Berechnung der EP bringt.
Da jedoch grundsätzlich Wissenslücken bezüglich der GRV vs. PRV in der gesamten Gesellschaft und vor allem bei Entscheidern auf politischer Ebene bestehen, fürchte ich, wird auch die neuerliche Untersuchung wenig helfen. Besonder tragisch ist dies, weil im Ausland (Österreich) ein real existierendes, funktionierendes und gerechtes System existiert, welches man lediglich übernehmen müsste.

Hans-Joachim Lommler schrieb am 14.09.2018 um 18:35 Uhr

Es stimmt zwar, aber nur für den speziellen Fall. Deshalb möcht ich nur einen Fall, meinen, darstellen, der für viele Darstellungen von Prof. Dr. Aman ein Beleg sein dürfte, andere "Experten sehen das halt auch anders. Ich wurde im Nov 1944 geboren, mein Vater(Arbeiter) fiel noch im April 1944. Nachforschungen meinerseits führten allerdings nicht dazu, dass ich die Grabstätte meines Vaters ermitteln konnte. Ich wurde also als Kriegshalbwaise groß, wobei die finanziellen Mittel natürlich begrenzt waren. Wir lebten bei Oma und Opa, die wie es damals noch üblich war, eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben, maschinelle oder sonstige Hilfen gabe es nicht, aber für das Essen, einfach zwar aber gut, war gesorgt.

Schon als 5-jähriger musste ich mit , wenn Kartoffel geerntet wurden oder das Gras gemäht wurde, da konnte ich zumindest die Kartoffeln einsammeln oder das Gras ausbreiten, damit es zu Heu wurde, und den Kühen für den winter als Ernährung diente.

Mit 6 Jahren kam dann die Entscheidung, welche weitergehende Schulform soll gewählt werden? Der damalige Schulleiter drängte auf Gymnasium, war allerdings nicht möglich, da die Fahrt in die Kreisstadt nicht in der Kalkulation der Hinterbliebenenrente enthalten war. Entfernung: 10 km. 15 Jahre nach Kriegsende hatte meine Mutter einen neuen Lebenspartner, der ein kleines Fuhrunternehmen hatte, mit einem LKW und einem Unimog.
Der Lkw wurde im Baubeeich eingesetzt und war mit einem fremden Fahrer, der bezahlt werden musste besetzt.

Schon als 12 jähtiger habe ich Waggons verladen und beim Müllsammeln mitgearbeitet. Das bedeutete, nachts um 3:00 aufstehen, Waggon verladen, anschließend nach Hause, eine Dusche oder ein Bad gabe es noch nicht, und nach einem kurzen Frühstück ging es dann mit dem Fahrrad in, die 10 km entfernte Realschule, das Geld, um mit dem Zug oder Bus zu fahren war einfach nicht da. Das Gymnasium hatte ich mir schon länger abgeschminkt.
Nach dem rel. guten Realschulabschluß stand die nächste Entscheidung an: welchen Beruf möchtest Du ergreifen oder was hast Du weiter gedacht?

Mein Wunsch war, ich wollte gerne Ingenieur werden, aber möglichkeiten gabe es halt nur in einer privaten Schule, ging aus finanziellen Gründen nicht, oder einer staatlichen Schule in 50 km Entfernung, ging mit dem Rad nicht, eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Also, habe ich einen Lehrvertrag mit einem Maschinenbauunternehmen abgeschlossen, die mich zum Maschinenschlosser ausbilden wollten, und habe aus Sicherheitsgründen zuerst einen "Praktikantenvertrag abegeschlossen, was zur damaligen Zeit üblich war. Als Praktikant kam man halt in alle Abteilungen und lernte auch mehr. Nach ca. 1 Jahr Tätigkeit im Maschinenbau als Lehrling, war mir damals klar, das Praktikant nichts für mich wäre, und wandelte den Praktikantenvertrag in einen Lehrvertrag, war damals sicher in unsicheren Zeiten vernünftig war. Nach der Lehre, mit bestandener Prüfung ging ich dann zu einem Werkezug und Maschinenhändler, der mich zum Kaufmann ausbilden wollte, in Wirklichkeit bin ich vom ersten Tag an in den sogenannten Außendienst gestartet, Morgens, Auto einladen, Tagsüber viele Kunden im Gebiet besuchen, und möglichst viele Aufträge zu holen. Spätnachmittag, Fahrt für den nächsten Tag zusammenstellen, Gehalt damls Ende 19 der 70er Jahre, 500 DM, Miete für meine Wohnung in einer Dachwohnung des Unternehmens; 150 DM Es ging uns also nach dem damaligen Verständnis : gut.

Danach habe ich eine betriebswirtschaftliche Schule besucht, 100km entfernt, eine Wohnung, die aus heutiger Sicht unmöglich war, ich war die ganze Woche weg, und mein Kind sehnte sich nach mir. Mit dem Abschluß auf heutigem Bacherlorniveau, ging es dann besser. Aber als Vertriebsleiter war ich fast immer unterwegs, von Familie war nicht viel

Aber, weshalb erzähle ich das: Als ich aufgrund einer Berufserkrankung mit 54 Jahren berentet wurde, erfuhr ich, dass Ausbildungszeiten besonderer Art nicht mehr anerkannt würden.
Reaktion: kann doch nicht sein, hat doch der-Staat- versprochen, und hat das dann irgendwann zurückgenommen?? Das kann doch nicht sein? oder. Und dann in meinem weiteren Berufsleben schloss ich eine Direktversicherung ab, Versicherungsnehmer?
: der Arbeitgeber, war aber gerade von der Politik so empfohlen worden.
Als diese Versicherung?? fällig wurde, teilte man mir mit, dass ich auf die Auszahlungssummer 15,9% Sozialversicherung zahlen müsste?? Weshalb?? Gesetz von der Regierung rückwirkend geändert.

Ich habe nur mal geschildert, wie es bei einem Betroffenen ankommt, was unsere Politkikkaste so anstellt.

Wolfgang Wehowsky schrieb am 16.09.2018 um 09:07 Uhr

Aus fachlicher Sicht ein sehr guter Beitrag, weil er das Absinken des individuellen Rentenniveaus seit 1997 ( Wachstums- u. Beschäftigungsgesetz) dokumentiert. Früher wurden noch die ersten 5 Jahre an Pflichtbeiträgen nach Eintritt in die RV mit 90 Prozent des Durchschnittsverdienstes angerechnet. Heute sind das wesentlich weniger.

harry heine schrieb am 17.09.2018 um 15:37 Uhr

Lieber H.-J. Lommer,

verdammpt gut kann ich Ihren Zorn grad in der Rentenfrage und den diversen nach meinem Rechtsempfinden illegalen (höflich ausgedrückt) Gesetzes- und Verordnungsänderungen (bei mir waren´s auch "nur" sechs Jahre sog. "Zurechnungszeit" …


Die Frage ist: Was tun? Und genau da bin ich wie Sie genauso überfragt, wütend, hilflos ...

Grüße, Harry

Helmut schrieb am 27.11.2018 um 18:37 Uhr

Auch ich bin wütend auf Politiker wie Nahles und ihre Nachfolger immer lauthals in Talkshows verkündet wir haben wieder Verbesserungen für Erwerbsminderungsrentner gemacht.
Was immer vergessen wird zu erwähnen das diese Verbesserungen nur immer für Neuzugänge gillt.
Wir Bestandsrentner wurden jetzt schon 3 mal nacheinander betrogen.
Was um wieder auf den Durchschnittrentner zu kommen bei 5,5 Jahren weniger Zurechnungszeit 176 € weniger Erwerbsminderunsrente ausmacht.
Danke Politiker für nichts.

Gruß Helmut

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?