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99. Jahrgang, 2019, Heft 1 · S. 4-5

Altersvorsorge : Richtiges Ziel, falsches Instrument

Manuel Rupprecht

Im Wahlkampf um den CDU-Vorsitz erregte Friedrich Merz Aufsehen mit der Forderung, Investitionen in Aktien staatlich zu fördern. Konkret schlug er vor, privaten Haushalten den Aktienkauf durch einen Steuerfreibetrag schmackhaft zu machen. Einzige Bedingung: Das Vermögen dient allein der Altersvorsorge. Die so gesetzten Anreize sollen Haushalten eine größere Teilhabe an den Kapitalmarktentwicklungen ermöglichen und zu einer stärkeren Vermögensdiversifikation beitragen. Laut aktuellen Umfragen hat die Angst der Deutschen vor Altersarmut zuletzt erheblich zugenommen, trotz (oder wegen?) der von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen. Auch der Sachverständigenrat für Wirtschaft mahnt im jüngsten Gutachten Reformen zugunsten einer "demografiefesten Alterssicherung" an. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Deutschen Aktien bei der Geldanlage meiden. Gerade einmal 10% ihres Finanzvermögens entfallen auf diese Anlageform, Fonds eingeschlossen. Die Aktienhaltung ist vor allem unter einkommensstarken und vermögenden Haushalten populär; mit ca. 90% besitzt das Gros der Haushalte dagegen derzeit keinerlei Anteilspapiere. Weder die Niedrigzinsen noch der Börsenboom der vergangenen Jahre haben daran viel geändert. Gleichzeitig zeigen Berechnungen der Bundesbank und eigene Studien, dass Haushalte mit Aktienengagement in der Regel relativ hohe reale Renditen erwirtschaften.

Die Diagnose ist also richtig. Entsprechend fiel auch das Echo auf den Vorschlag grundsätzlich positiv aus. Kritik entzündete sich unter anderem an der dadurch weiter zunehmenden Komplexität der privaten Altersvorsorge sowie der gezielten Förderung ausgewählter Anlageformen. Dennoch: Gegen eine stärkere Streuung des Finanzvermögens ist aus ökonomischer Sicht nichts einzuwenden, im Gegenteil. Aber stimmt die Therapie? Die Erfahrungen der Vergangenheit sprechen dagegen. Staatliche Anreize zur privaten Sparförderung sind zwar seit jeher fester Bestandteil der deutschen Steuer- und Sozialpolitik, darunter die Arbeitnehmersparzulage, die Riester-Rente oder die Wohnungsbauprämie. Die Förderung erfolgt sowohl durch Steuervorteile als auch durch direkte Prämien. Doch ganz unabhängig von der konkreten Ausgestaltung erwiesen sich diese Maßnahmen für das private Spar- und Anlageverhalten (mit aller gebotenen Vorsicht bei der Interpretation) bestenfalls als begrenzt effektiv. Deutlich wird dies etwa bei der Riester-Rente. Rund 16,5 Mio. abgeschlossene Verträge sprechen zwar für einen Erfolg. Diese Zahl verbirgt jedoch, dass vor allem einkommensstarke und vermögende Haushalte die Förderung in Anspruch nehmen, also eben jene, die aktuell auch schon in Aktien investieren. Unter Geringverdienern ist die Verbreitung dagegen niedrig, obwohl diese Gruppe am ehesten von Altersarmut bedroht ist. Verantwortlich dafür sind neben dem komplexen Antragsverfahren, der Ausgestaltung sowie der hohen, teils intransparenten Produktvielfalt auch fehlende Kenntnisse darüber, wann man überhaupt förderberechtigt ist.

Eine weitere Fördermaßnahme über das ohnehin bereits komplexe Steuersystem erscheint daher nicht zielführend. Besser wäre es, die Mittel in die finanzielle Bildung der Menschen zu investieren, etwa im Rahmen der schulischen oder beruflichen Ausbildung. Die Vergangenheit lehrt, dass schon grundlegende Kenntnisse zu erkennbaren Verhaltensänderungen bei der Geldanlage führen – mit den (politisch) gewünschten Effekten bei der Vermögensrendite und -diversifikation. Die skizzierte Kritik wäre dann irrelevant. Ganz nebenbei würde man zu einem besseren Verständnis der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung beitragen, was in politisch turbulenten Zeiten nicht schaden kann.

Manuel Rupprecht

Fachhochschule Münster

Manuel.Rupprecht@fh-muenster.de


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