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99. Jahrgang, 2019, Heft 1 · S. 76-78

Ökonomische Trends

Mindestlohnbeschäftigte: Dienstleister für den privaten Konsum oder Teilhaber am Exporterfolg?

Ergebnisse einer Input-Output-Analyse

Hans-Ulrich Brautzsch, Birgit Schultz

Dr. Hans-Ulrich Brautzsch und Birgit Schultz, Dipl.-Kauffrau, sind wissenschaftliche Mitarbeiter in der Abteilung Makroökonomik des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Im Jahr 2014 waren mehr als 38 Mio. Personen in Deutschland als Arbeitnehmer beschäftigt. Sie produzierten vor allem Güter für den Konsum, für Investitionen in Ausrüstungen und Bauten sowie den Export, aber auch Vorleistungsgüter, die als Bestandteil der Wertschöpfungsketten indirekt in deren Entstehung eingingen. Hier ist wirtschafts- und lohnpolitisch interessant, in welchen quantitativen Verhältnissen der Einsatz der Beschäftigten in der Vorleistungsgüterproduktion zur Endverwendung im Wirtschaftskreislauf steht. Dieses Interesse richtet sich nicht nur auf die Personenzahl, sondern im Besonderen auch auf deren Entlohnung. Ein Augenmerk liegt dabei bei den Beschäftigten, deren Löhne 2014 dem Mindestlohn 2015 (8,50 Euro) entsprachen.1

Betrachtet man zunächst die Verteilung der Beschäftigten insgesamt, die im Jahr 2014 direkt, d. h. unmittelbar für die Produktion von Vorleistungsgütern bzw. von Gütern für Konsum, Investitionen bzw. Export benötigt werden, zeigt sich folgendes Bild: 35,8 % der Beschäftigten ist an die Produktion von Vorleistungsgütern gebunden; 64,2 % der Beschäftigten sind unmittelbar für die Produktion von Konsum-, Investitions- und Exportgütern tätig (vgl. Tabelle 1).2 Der größte Anteil entfällt dabei auf die Güter für den privaten Konsum (23,1 %), gefolgt vom öffentlichen Konsum (19,2 %) und dem Export (12,3 %). Vergleicht man dies mit der Verteilung bei den Mindestlohnbeschäftigten, zeigen sich deutliche Unterschiede: Der Anteil für die Vorleistungen ist nahezu identisch, aber mit 40,8 % sind erheblich mehr Beschäftigte für die Produktion von Gütern für die privaten Haushalte und deutlich weniger für den öffentlichen Konsum (9,2 %) tätig. Auch die Anteile bei den anderen Verwendungsaggregaten liegen niedriger.

Wie viele Mindestlohnbeschäftigte tatsächlich auf den Konsum bzw. andere Verwendungskomponenten entfallen, lässt sich jedoch nur bei Berücksichtigung der Vorleistungsverflechtungen ermitteln.

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Verteilung der direkt Beschäftigten auf die Produktion nach Verwendungskomponenten 2014

Vor-leistungen

Konsum

privater Haushalte

Konsum privater Organisationen

ohne

Erwerbs-

zweck

Konsum des Staates

Anlage-

investitionen: Ausrüstungen

und sonstige

Anlagen

Anlage-

investitionen:

Bauten

Exporte

Gesamt

in 1000 Personen

Beschäftigte gesamt

13 400

8 635

935

7 205

1 130

1 550

4 600

37 455

darunter: Mindestlohn-beschäftigte

1 425

1 620

65

365

65

75

355

3 970

in %

Beschäftigte gesamt

35,8

23,1

2,5

19,2

3,0

4,1

12,3

100

darunter: Mindestlohn-beschäftigte

35,9

40,8

1,6

9,2

1,6

1,9

9,0

100

Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 2: Input-Output-Tabellen; Fachserie 16: Verdienststrukturerhebung 2014 (Scientific use file); Berechnungen des IWH.

Über diese Verflechtungsbeziehungen können diese Beschäftigten beispielsweise stärker an die Investitions- bzw. Exportaktivitäten gebunden sein, als dies bei Betrachtung der unmittelbar für die Produktion von Investitions- oder Exportgütern tätigen Mindestlohnbeschäftigten zu erkennen ist. Es geht darum, wie die Leistung der im Vorleistungsgüterbereich tätigen Mindestlohnbeschäftigten (1,4 Mio. Personen) in die Produktion von Gütern für den Konsum, für Investitionen bzw. für den Export einfließt. Im folgenden Beitrag wird gezeigt, wie viele Mindestlohnbeschäftigte insgesamt für den Konsum, die Investitionen bzw. den Export "arbeiten".

Methodisches Vorgehen

Ein geeignetes Instrument für die Antwort auf die Frage, wie viele der von der Mindestlohneinführung betroffenen Beschäftigten auf die einzelnen Verwendungskomponenten entfallen, ist das offene statische Input-Output-Modell. Mit diesem Modell lassen sich nicht nur die direkt für den Konsum, die Investitionen bzw. den Export beschäftigten Personen, sondern auch die – über den Vorleistungskreislauf – indirekt tätigen Beschäftigten den einzelnen Aggregaten der letzten Verwendung zuordnen. Dazu wird das Input-Output-Modell mit einer "Beschäftigungsmatrix" gekoppelt.3 In dieser ist der – in Personen gemessene – Arbeitsinput pro Einheit Produktionsoutput in den einzelnen Produktionsbereichen enthalten. Dabei werden zwei Beschäftigtengruppen unterschieden, und zwar die Empfänger von Mindestlohn und die Personen, die mehr als den Mindestlohn verdienen.4 Um die Ergebnisse besser einzuordnen, werden diese mit einer alternativen Rechnung verglichen, bei der die Beschäftigten unterteilt sind in Arbeitnehmer, die weniger bzw. mehr als die Niedriglohnschwelle von 9,60 Euro pro Stunde erhalten.5

Ergebnisse

In Tabelle 2 ist die Verteilung der direkt und – über den Vorleistungskreislauf – indirekt Beschäftigten mit Mindestlohn auf die Verwendungsaggregate im Jahr 2014 angegeben. Für die Produktion von Gütern für den privaten Konsum kommen zu den 1,6 Mio. direkt Beschäftigten noch 0,5 Mio. indirekt Beschäftigte hinzu. Bemerkenswerterweise tragen zur Produktion von Investitions- und Exportgütern Mindestlohnbeschäftigte erst über die indirekten Verflechtungen in einem hohen Maß bei. Hier werden anders als in den Wertschöpfungsketten der Konsumgüterproduktion sogar indirekt mehr Mindestlohnbeschäftigte eingesetzt als direkt.

Tabelle 2 (zurück zum Text)
Verteilung der direkt und indirekt Beschäftigten auf die Produktion nach Verwendungskomponenten 2014

Konsum privater Haushalte

Konsum privater Organisationen

ohne Erwerbs-

zweck

Konsum des Staates

Anlagei-

nvestitionen:

Ausrüstungen und

sonstige Anlagen

Anlagei-

nvestitionen:

Bauten

Exporte

Gesamt

Verteilung der direkt und indirekt Beschäftigten mit Mindestlohn auf die Verwendungskomponenten

in 1000 Personen

direkt

1620

65

365

65

75

355

2545

indirekt

550

20

190

85

85

495

1425

gesamt

2170

85

555

150

160

850

3970

in %

direkt

74,7

76,5

65,8

43,1

46,9

41,8

64,1

indirekt

25,3

23,5

34,2

56,9

53,1

58,2

35,9

gesamt

100

100

100

100

100

100

100

Verteilung der direkt und indirekt Beschäftigten nach ausgewählten Lohngruppen auf die Verwendungskomponenten

in %

< 8,50 Euro

54,7

2,1

14,0

3,7

4,1

21,4

100

≥ 8,50 Euro

33,4

3,0

24,6

5,6

7,2

26,2

100

< 9,60 Euro

48,7

2,2

16,6

4,2

5,3

23,0

100

≥ 9,60 Euro

31,1

2,9

25,9

5,2

7,2

27,7

100

gesamt

35,6

2,9

23,5

5,4

6,9

25,7

100

Anteil der Beschäftigten in ausgewählten Lohngruppen in den jeweiligen Verwendungskomponenten

< 8,50 Euro

16,2

7,7

6,3

7,4

6,3

8,8

11,3

≥ 8,50 Euro

83,8

92,3

93,7

92,6

93,7

91,2

88,7

Gesamt

100

100

100

100

100

100

100

< 9,60 Euro

32,1

18,3

16,2

19,3

18,1

20,0

23,2

≥ 9,60 Euro

67,9

81,7

83,8

80,7

81,9

80,0

76,8

gesamt

100

100

100

100

100

100

100

Medianlohn der Beschäftigten nach Verwendungskomponenten

in Euro

Medianlohn

12,22

14,78

15,81

15,75

14,30

15,19

14,21

Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 2: Input-Output-Tabellen; Fachserie 16: Verdienststrukturerhebung 2014 (Scientific use file); Berechnungen des IWH.

Betrachtet man die prozentuale Verteilung der Beschäftigten auf die Verwendungskomponenten, so zeigt sich ein differenziertes Bild: Von allen Beschäftigten sind direkt und indirekt 35,6 % für die Produktion von Konsumgütern tätig. Direkt für den privaten Konsum waren nur 23,1 % aller Beschäftigten tätig (vgl. Tabelle 1). Von den Mindestlohnbeschäftigten war mehr als die Hälfte für die Produktion von Gütern für den privaten Konsum tätig. Auf die Produktion von Exportgütern entfällt etwa ein Fünftel der Beschäftigten. Von den nicht vom Mindestlohn betroffenen Beschäftigten entfallen nur etwa ein Drittel auf die privaten Konsumausgaben und je ein Viertel auf den Export und den öffentlichen Konsum. Vergleicht man dies mit den Beschäftigten mit einem Stundenverdienst unterhalb der Niedriglohnschwelle, zeigt sich, dass auch die Beschäftigten im Niedriglohnsegment vorwiegend in der Produktion von Gütern für die privaten Konsumausgaben tätig sind. Allerdings liegt der Anteil der Niedriglöhner, die dem Privaten Konsum zugeordnet werden, um 6 Prozentpunkte unter dem Wert der Mindestlohnbeschäftigten.

In Tabelle 2 (unten) sind die den jeweiligen Verwendungskomponenten zugeordneten Beschäftigten aufgeteilt nach dem Anteil der Personen im Mindestlohnbereich und dem Anteil der Personen, die mehr als 8,50 Euro pro Stunde verdient haben. Demnach empfangen 16,2 % aller Beschäftigten, die dem privaten Konsum zuzuordnen sind, einen Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro. In den anderen Verwendungsaggregaten ist der Anteil deutlich geringer. Vergleicht man dies mit dem Niedriglohnsegment, so zeigt sich, dass der Anteil der Personen mit einem Verdienst von weniger als 9,60 Euro pro Stunde bei den privaten Konsumausgaben doppelt so hoch ist wie der Anteil bei den Mindestlohnbeschäftigten. Auch bei den anderen Verwendungskomponenten sind die Anteile der Beschäftigten, die weniger als 9,60 Euro pro Stunde verdienen, um das Zwei- bis Dreifache höher als die Anteile bei den Mindestlohnbeschäftigten. Allerdings sind diese deutlich geringer als bei den privaten Konsumausgaben.

Dass die Käufe der privaten Haushalte eine erheblich größere Bedeutung für die Beschäftigung von Personen mit niedrigen Löhnen haben als die übrigen Verwendungsaggregate zeigt sich auch darin, dass der durchschnittliche Stundenlohn der Beschäftigten, die Güter für die privaten Konsumenten herstellen, mit 12,22 Euro lediglich 86 % des durchschnittlichen Stundenlohns von 14,21 Euro beträgt (vgl. Tabelle 2 unten). Bei den übrigen Verwendungskomponenten wird der Durchschnittslohn überschritten.

Fazit

Mindestlohnbeschäftigte arbeiten sehr häufig in der Produktion für den privaten Konsum. Vor allem die kräftige Zunahme der privaten Konsum­ausgaben während des vergangenen Aufschwungs hat die Nachfrage nach Beschäftigten in diesem Lohnsegment befördert. Bei einem Verdienst von bis zu 9,60 Euro pro Stunde vergrößert sich die Gruppe der Niedriglohnempfänger erheblich, die für Güter des privaten Konsums produzieren. Lässt die Konsumnachfrage einmal nach, dann dürften gerade Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich unter Druck geraten. Die hier präsentierten Modellrechnungen sind zwar unter bestimmten Annahmen entstanden, sie liefern jedoch eine grundsätzliche Orientierung für den letztendlichen Einsatz der Beschäftigten im Mindestlohnbereich nach dem Verwendungszweck ihrer Produktionsleistung.

  • 1 Vgl. auch den Übersichtsartikel sowie dort referierte Literatur: J. Zilius, O. Bruttel: Auswirkungen des gesetzlichen Mindestlohns – Bilanz nach fast vier Jahren, in: Wirtschaftsdienst, 98. Jg. (2018), H. 10, S. 711-717.

  • 2 Den Modellrechnungen liegt die Input-Output-Tabelle für das Jahr 2014 zugrunde. Vgl. Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 2, 2014. Die Zahl der Arbeitnehmer betrug 2014 laut Input-Output-Tabelle 38,26 Mio. Personen. Der Produktionsbereich "Waren und Dienstleistungen privater Haushalte", in dem 806 000 Personen beschäftigt waren, kann in den vorliegenden Berechnungen nicht berücksichtigt werden, da für diesen Bereich in der Verdienststrukturerhebung 2014 keine Angaben zur Mindestlohnbetroffenheit veröffentlicht wurden. Vgl. Statistisches Bundesamt: Verdienststrukturerhebung 2014 (Scientific use file).

  • 3 Dieses modifizierte Input-Output-Modell wird als Zuordnungsmodell bezeichnet. Vgl. H.-W. Holub, H. Schnabl: Input-Output-Rechnung: Input-Output-Analyse, München, Wien 1994, S. 299 ff.

  • 4 Die Zahl der vom Mindestlohn betroffenen bzw. nicht betroffenen Arbeitnehmer in den einzelnen Wirtschaftsbereichen wird aus der Verdienststrukturerhebung für 2014 ermittelt. Vgl. Statistisches Bundesamt: Verdienststrukturerhebung 2014 (Scientific use file). In dieser werden alle abhängigen Beschäftigungsverhältnisse in der gesamten privaten und öffentlichen Wirtschaft mit Ausnahme von Beschäftigungsverhältnissen in privaten Haushalten (z. B. Hauspersonal) und in exterritorialen Organisationen (z. B. Europäische Zentralbank) erfasst.

  • 5 Die Niedriglohnschwelle entspricht zwei Dritteln des Median-Bruttostundenverdienstes. Für 2014 wurde auf der Grundlage der Verdienststrukturerhebung die Niedriglohnschwelle in Höhe von 9,60 Euro pro Stunde ermittelt.


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