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99. Jahrgang, 2019, Heft 8 · S. 524-525

Privatschulbesuche: Ungleichheiten nehmen zu

C. Katharina Spieß

Die steigende Zahl der Privatschulen in Deutschland wird wie kaum ein anderer Trend im Schulbereich breit in den Medien diskutiert. Tatsächlich ist die Zahl der Privatschulen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen – wobei davon insbesondere Ostdeutschland betroffen war. Im Schuljahr 2017/2018 gab es 81 % mehr private Schulen als 1992/1993. Bemerkenswert ist auch, dass die Zahl der Privatschulen auch dann zunahm, als die Gesamtzahl aller Schulen Ende der 1990er Jahre aufgrund abnehmender Schülerzahlen zurückging. So hat sich die Zahl der Schulen insgesamt von 2000 bis 2017 um 19 % verringert. Die Zahl der Privatschulen stieg dagegen im selben Zeitraum um 43 %.

Insgesamt besucht fast jeder 11. Schüler eine Privatschule – das sind etwa 1,0 Mio. Schülerinnen und Schüler. Bei allgemeinbildenden Schulen gibt es hier deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: Die Spanne reicht von 4 % in Schleswig-Holstein bis zu 14 % in Sachsen. Konfessionelle Schulen bilden den größte Anteil der Privatschulen, gefolgt von reformpädagogischen Schulen, wie z. B. den Waldorfschulen oder auch Montessorischulen. Daneben existieren internationale Schulen und andere weltanschauliche Privatschulen. Hinzu kommen berufliche Privatschulen. Die Privatschullandschaft ist also durchaus vielfältig.

Teilweise wird vermutet, dass Privatschulen bessere Ergebnisse erzielen als öffentliche Schulen. Wird der erreichte Abschluss als Indikator für den Erfolg einer schulischen Ausbildung genommen, so weist die amtliche Statistik aus, dass der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die das Abitur erworben haben, für private Gymnasien bei 87 % und bei öffentlichen Schulen bei knapp 86 % liegt – also nicht wirklich signifikant unterschiedlich ist. Andere Analysen zeigen, dass die erreichten Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern aus Privatschulen und aus öffentlichen Schulen im Mittel nur geringfügig voneinander abweichen. Lediglich in einigen wenigen Kompetenzbereichen schneiden Privatschülerinnen und -schüler besser ab. Diese Analysen berücksichtigen, dass sich die Schülerschaft dieser Schulen hinsichtlich wichtiger lern- und leistungsrelevanter Merkmale wie dem sozioökonomischen Status unterscheidet.

Die Ungleichheit in der Nutzung der allgemeinbildenden Privatschulen hat sich über die Jahre immer weiter vergrößert. Dies zeigen Analysen auf Basis der Längsschnittdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). So kann gezeigt werden, dass die Privatschulnutzung von Kindern aus bildungsnahen und einkommensstarken Haushalten über die Zeit hinweg stärker zugenommen hat als die aller anderen Kinder. In West- und Ostdeutschland sind in den letzten Jahren zunehmende Nutzungsunterschiede für Kinder zu beobachten, wenn nach der Bildung der Eltern differenziert wird.

Waren die Nutzungsunterschiede im Jahr 1995 noch moderat, so zeigt sich 20 Jahre später, dass in Westdeutschland die Nutzungsquote unter Akademikerkindern auf etwa 10 % angestiegen ist und in Ostdeutschland auf nahezu 19 %. Der Anstieg der Nutzungsquote anderer Bildungsgruppen liegt deutlich darunter. Damit wird die soziale Selektion zwischen privaten und öffentlichen Schulen immer größer. In Ostdeutschland trifft dies auch auf die Unterschiede nach dem Haushaltseinkommen zu: Dort hat der Anteil von Privatschülerinnen und -schülern insbesondere bei Kindern aus einkommensstärkeren Haushalten sehr stark zugenommen – sehr viel stärker als bei Kindern aus einkommensschwächeren Haushalten. Diese Zunahme der sozialen Segregation findet sich in Westdeutschland insbesondere im Sekundarschulbereich und in Ostdeutschland vor allem im Grundschulbereich.

Wenn eine zunehmende soziale Segregation zwischen privaten und öffentlichen Schulen verhindert werden soll, müssen sich zum einen private Schulen stärker um Schülerinnen und Schüler aus bildungsschwächeren und in Ostdeutschland auch aus einkommensschwächeren Haushalten bemühen. Zum anderen müssen öffentliche Schulen in beiden Teilen Deutschlands wieder attraktiver für Schülerinnen und Schüler aus bildungsnahen Familien werden. Nur so kann langfristig ein gemeinsames Lernen aller Gruppen erzielt werden.

C. Katharina Spieß

DIW Berlin und Freie Universität Berlin

kspiess@diw.de


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