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99. Jahrgang, 2019, Heft 9 · S. 600-601

Wahlen: Die AfD als Ostphänomen

Gerd Grözinger

Die Wahlerfolge der AfD sind im Osten sehr viel größer als im Westen – aber inwieweit tragen demografische Strukturunterschiede dazu bei? Dafür können auf Basis von Erhebungen bei der Bundestagswahl 2017 drei relevante Dimensionen untersucht werden: Alter, Urbanisierung und Bildung. Zur Altersschichtung: Der Osten hat durch die Wiedervereinigung gravierende demografische Schocks erlebt. Es gab eine erhebliche Migration in Richtung Westen und einen zeitweise dramatischen Rückgang der Geburten. Insgesamt ist die Bevölkerung in einem Vierteljahrhundert um 11 % gesunken. Jetzt finden sich dort weniger Junge und dafür mehr Ältere. Laut der repräsentativen Wahlstatistik hat die AfD ihren Schwerpunkt aber in den mittleren Lebensjahren. Was wäre, wenn der Osten die gleiche Alterszusammensetzung hätte wie der Westen? Eine Simulation zeigt, dass das Ergebnis sich dann so gut wie gar nicht verändert. Diese Dimension erklärt also nichts von der West-Ost-Differenz. Eine zweite Einflussmöglichkeit ist der Urbanisierungsgrad. Die AfD ist besonders auf dem Land stark. Im Westen lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einem eher städtischen Umfeld, im Osten dagegen weniger als ein Drittel. Eine Simulation für das Wahlergebnis der AfD mit der Annahme, dass der Verstädterungsgrad im Osten dem im Westen gleich wäre, zeigt, dass der dortige AfD-Anteil dann von 21,9 % auf 20,3 % gesunken wäre. Zu einem gewissen Anteil trägt diese Dimension also zur Erklärung des relativen Osterfolgs dieser Partei bei. Bleibt noch die Bildung. Nach den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen wählten Hauptschulabsolventen die AfD zu 14 %, die mit mittlerer Reife zu 17 %, die mit Abitur dagegen nur zu 10 % und die mit Studium zu 7 %. Eine Simulation lässt sich auf der Basis der schulischen Bildung versuchen. Sie erklärt für den Osten bei den AfD-Ergebnissen eine rechnerische Differenz in Höhe von 2 Prozentpunkten. Das ist der relativ stärkste Einfluss unter den drei Dimensionen.

Insgesamt sind somit durch andere Urbanisierungs- und Bildungsstrukturen 3,6 % mehr AfD-Stimmen im Osten zu erwarten. Die Differenz bei den letzten Bundestagswahlen lag aber bei 11,2 %. Diese demografischen Besonderheiten erklären die Ost-West-Differenz also nur zu knapp einem Drittel. Die Neuen Bundesländer haben definitiv ein genuines und gravierendes Rechtsproblem. Und stellen damit ein sich verfestigendes Wählerpotenzial für die AfD dar. Deren aktuelle Landtagswahlerfolge betragen in Sachsen 27,5 % und in Brandenburg 23,5 %. Bei der Bundestagswahl waren es 27 % bzw. 20,2 % in diesen Ländern.

Gegen diese persistierende Rechtsneigung des Ostens muss politisch gegengehalten werden. Aber auch der Einsatz materieller Ressourcen kann unterstützen. Die AfD ist vor allem dort stark, wo die Zukunft demografisch besonders düster aussieht. In den Vorhersagen bis 2035 zeigt ein Großteil der Regionen in Ostdeutschland eine weiter abnehmende Bevölkerung, oft im Bereich von minus 20 % oder sogar mehr. Die Versäumnisse einer falschen Einigungspolitik in der Vergangenheit lassen sich nicht einfach wiedergutmachen. Es kann aber in die Zukunft investiert werden. Dass dabei Bildung einen Anteil zu leisten vermag, zeigt sich nicht nur bei der oben aufgeführten Simulation, sondern auch daran, dass eine Politik, die der nächsten Generation stärker den Zugang zum Abitur ermöglicht, in einer multifaktoriellen Analyse auf Wahlkreisebene einen besonders starken negativen Einfluss auf die Höhe der AfD-Stimmen aufwies. Im Umkehrschluss: Wer nachhaltig langfristig etwas gegen Rechtstendenzen unternehmen will, muss auch im Osten verstärkt in höhere schulische Bildung investieren.

Gerd Grözinger

Europa-Universität Flensburg

groezing@uni-flensburg.de


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