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99. Jahrgang, 2019, Heft 9 · S. 601-602

WTO: Was kommt danach?

Henning Klodt

"Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen." Dieser Tweet vom März 2018 beleuchtet schlaglichtartig das sonderbare Verständnis, das US-Präsident Donald Trump von globalen Wirtschaftszusammenhängen hat. Aus Kreisen der US-Wirtschaft werden zunehmend besorgte Stimmen laut, nach denen die Behinderung und Verteuerung der Vorleistungsimporte ihre Wettbewerbsfähigkeit sowohl auf den nationalen als auch auf den globalen Märkten gefährden. Und die Konsumenten werden alles andere als erfreut sein, wenn sie erst realisieren, wie Zölle und andere Handelshemmnisse ihre persönlichen Einkäufe verteuern. Mittlerweile mehren sich die Sorgen um eine weltweite Konjunktureintrübung, die eine wesentliche Ursache in den globalen Protektionismustendenzen hat und von der auch die USA nicht verschont bleiben werden.

Die allzu berechtigte Kritik am amtierenden US-Präsidenten sollte allerdings nicht zu dem Trugschluss verleiten, alles werde besser, wenn nur Trump nicht mehr im Amt wäre. Der Umgangston ist neu und inakzeptabel rau, aber die Abkehr der USA von der Idee einer globalen Wirtschaftsordnung mit inhärenter Tendenz zum Freihandel ist keineswegs neu. In den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren es immer wieder die USA, die innerhalb des Rahmenwerks des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) bzw. der WTO multilaterale Handelsregeln durchsetzten. Schon die Gründung des GATT im Oktober 1947 wurde maßgeblich vom damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman befördert. Und sowohl die insgesamt acht in den Jahren von 1947 bis 1994 abgeschlossenen Welthandelsrunden als auch die im Jahr 2001 gestartete und immer noch offene Doha-Runde wurden von US-Seite initiiert. Allerdings zog sich schon die letzte erfolgreich abgeschlossene Runde (Uruguay-Runde) ungewöhnlich lang über insgesamt acht Jahre hin, und zwar von 1986 bis 1994. Und der zähe Verlauf der Doha-Runde untermauert erst recht die beträchtlichen Zweifel an der nachhaltigen Fortentwicklung der globalen Handelsordnung. Mittlerweile sind achtzehn Jahre vergangen, ohne dass ein substanzielles Abkommen in Sicht wäre. Auch wenn die Lippenbekenntnisse aus der WTO in Genf und aus manchen europäischen Hauptstädten anders lauten, rechnet heute kaum noch jemand damit, dass die Doha-Runde jemals zu einem erfolgreichen Abschluss kommen könnte.

Eine Erklärung für die unverkennbare Erosion des Multilateralismus könnte darin liegen, dass globale Ordnungen einen Hegemon voraussetzen. Die Pax Romana ging mit dem Römischen Reich unter und die Pax Britannica zerbrach zeitgleich mit dem Commonwealth. Spätestens seit Ende des Ersten Weltkriegs waren die USA die wirtschaftlich (und militärisch) dominierende Weltmacht, die das Potenzial hatte und auch nutzte, eine weltumspannende Pax Americana durchzusetzen. Der amerikanische Gigant ist aber längst kein Gigant mehr – zumindest nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Der US-Anteil am Welthandel ist seit Jahrzehnten rückläufig. Entsprechend dazu haben die USA sukzessive ihr Interesse daran verloren, sich für eine Pax Americana im Welthandel zu engagieren. Nicht erst seit Trump, sondern schon seit den 1990er Jahren haben sie sich aus dem Multilateralismus zurückgezogen. Und daran wird sich auch nach Trump nichts ändern. China hätte wohl den Willen und vielleicht auch die Kraft eine neue globale Wirtschaftsordnung zu gestalten, aber es wird dabei kaum auf einen internationalen Konsens hoffen können. Konsensfähiger wäre vermutlich die EU, aber ihr fehlen sowohl der Wille als auch die Kraft zur globalen Gestaltung. Wir werden uns also mit der globalen Unordnung arrangieren müssen.

Henning Klodt

Direktor am Institut für Weltwirtschaft a. D.

henning.klodt@freenet.de


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